Ihr Vater, ihre Brüder und ihr Patenonkel machten es. Viele männliche Freunde ihrer Eltern machten es. Obwohl Sheila E. in einer Musikerfamilie groß geworden ist, in der es keine weiblichen role models gab, machte sie es trotzdem: Sie wollte Schlagzeug spielen. Bis heute gilt die 1957 in Kalifornien geborene Tochter eines mexikanischen Waisenkinds und einer kreolischen Mutter als eine der besten Schlagzeugerinnen der Welt – auch wenn sie vor allem als bezaubernde Sängerin des Nummereins-Hits A Love Bizarre bekannt wurde, den sie mit Prince 1985 produziert hatte.  

Als Prince am 21. April starb, war es Sheila E., seine langjährige Vertraute, Geliebte und Musikpartnerin, die im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, von der man nun wissen wollte, wie er gewesen sei. Princes Freunde würden sie am liebsten als Verwalterin des Erbes von Prince sehen. In gewisser Weise geht es dabei schließlich auch um ihr eigenes musikalisches Lebenswerk.

Am Tag seines Todes flog sie nach Minneapolis, um "sein Erbe um jeden Preis zu beschützen", wie sie es formulierte. Aus Angst, das Studio und der sagenumwobene Tresor mit Dutzenden unveröffentlichten Stücken könne in die falschen Hände geraten, bot sie sich Tyla Rogers, der einzigen leiblichen Schwester von Prince, als Beraterin an.

Doris Akrap, Jahrgang 1974, Redakteurin der taz, hat das Buch "Die Heebie Jeebies im CBGBs. Die jüdischen Wurzeln des Punk" übersetzt und ist Gründerin und Moderatorin der Leseshow "Hate-Poetry". Sie ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Lauter neue Verwandte

Die jedoch beauftragte einen Richter in Minnesota, der nun zunächst klären muss, wer überhaupt rechtmäßige Ansprüche auf das auf etwa 300 Millionen Dollar geschätzte Vermögen hat. Neben Tyla und fünf Halbbrüdern sind mittlerweile drei weitere Personen aufgetaucht: Ein Rapper, der wegen Drogenbesitzes und Autodiebstahl im Gefängnis sitzt und behauptet, der einzige leibliche Sohn von Prince zu sein. Eine junge Frau, die behauptet, die Tochter seines verstorbenen Halbbruders zu sein. Und eine weitere Frau, die behauptet, die Tochter des Sohnes ebendieses Halbbruders zu sein.

Sheila E. bleibt diplomatisch, dementiert Gerüchte, die Familie sei zerstritten und es gebe ein Testament, das unter Verschluss gehalten werde. Am Mittwoch flog sie erneut nach Minneapolis und twitterte unter dem Hashtag #Family: "Verlasse meine zweite Heimat Richtung Flughafen. Liebe Minneapolis."

Präzise Rhythmen

Lange bevor Sheila E. mit der Popikone aus Minneapolis zusammenarbeitete, war sie schon ein internationaler Percussion-Star. In der Latin-Jazz-Band ihres Vaters Pete Escovedo hatte sie, seit sie fünf Jahre alt war, die Kongas gespielt und Platten veröffentlicht. Nachdem sie die Schule abgebrochen hatte, wurde sie Schlagzeugerin von Marvin Gaye, Lionel Richie und Santana, war mit dem Fusion-Jazzer George Duke auf Tourneen in Europa und hatte für Michael Jacksons Don't stop 'til you get enough die Percussions entwickelt.

Und trotzdem musste die Welt damals noch davon überzeugt werden, dass eine Frau Schlagzeug spielen kann. Als Sheila E. mit Prince 1984 zum ersten Mal in New York auftrat, stellte die New York Times etwas überrascht fest, dass sie ihre Timbales, Becken, Kuhglocken und selbst das Tamburin nicht nur als "Show-Element" benutzt, sondern damit "präzise Rhythmen" produziert. Jetzt aber müsse sie endlich aus dem Schatten von Prince heraustreten, forderte das Blatt.

Im Weißen Haus

Die Formulierung "im Schatten von Prince", die auch nach dessen Tod gern als Beschreibung von Sheila E.s Karriere verwendet wird, verrät, dass man einer Frau, obwohl sie schon mit den größten Musikern ihrer Zeit zusammengearbeitet hatte, nicht zutraut, dass sie selbst neben einem Großen wie Prince den Takt vorgeben kann. Dass Sheila E. im Weißen Haus beim Latin Jazz Festival auftritt, dass sie bis heute mit Weltstars wie Beyoncé oder Kanye West zusammenarbeitet: egal. Für die Schlagzeilen bleibt sie auch nach dem Tod von Prince vor allem eins: sein Schützling.

Sheila E. konterte Interviews mit der Frage "Wie war es, mit Prince zusammenzuarbeiten?" früher gerne mit der Antwort: "Fragen Sie doch ihn, wie es war, mit mir zusammenzuarbeiten." Sicher, Sheilas Soloalben sind geprägt von dem charakteristischen Funk-Disco-Rock von Prince, aber eben auch von ihrer eigenen Spezialität, den Latinbeats.

Prince hatte die Frau, die die Timbales in den Pop brachte, nicht groß gemacht. Groß war sie vorher schon. Er hatte sie nur dazu überredet, es auch mit dem Singen zu probieren. The Glamourous Life (1984) wurde ein Riesenerfolg und Sheila E. die erste Schlagzeugerin, die in Videos auf MTV zu sehen war.