Am 4. Oktober 1989 schrieb ich im Erzgebirge in meinem Studentenwohnheim folgende, etwas pathetisch geratene Zeilen in ein Tagebuch: "Die Situation ist gekommen, wo Entscheidungen getroffen werden müssen, wo Bedeutendes geschieht. Historische Ereignisse und Möglichkeiten, die es vorher nicht gab. Es kann ausarten in jede Richtung, selbst Neo-Stalinismus, was die Praktiken angeht, oder eine Militärdiktatur sind möglich. Eine Konterrevolution ist ahnbar. Es brodelt, es kocht, es brennt. Überall.
 Niemand kommt ohne Standpunkt davon. Man muss sich endlich bekennen. Sagen, was man denkt. Es ist höchste Zeit."

Anke Domscheit-Berg, 1968 in der DDR geboren, ist Publizistin, Netzaktivistin und Unternehmerin sowie Senior Policy Advisor des World Future Council. Ihre Themen: Zukunft der Arbeit, Geschlechtergerechtigkeit, Demokratie und digitale Gesellschaft. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © fotografa/Berlin

Ein gutes Vierteljahrhundert sind diese Zeilen alt, und doch könnte ich sie auch gestern Abend ähnlich geschrieben haben. Hatte ich damals Angst, dass es eine Zeit stalinistischen Terrors geben könnte, fürchte ich heute, dass der rechte Terror die Gesellschaft wieder dominieren könnte. Wie damals lockt diese bewegende Zeit Menschen aus der Reserve. "Niemand kommt ohne Standpunkt davon" – genau wie damals. Keine Betriebskantine, kein Küchentisch, kein Stammtisch, wo nicht über "die Krise" geredet wird und was sie für uns und unsere Zukunft bedeuten mag, wo nicht erwartet wird, dass man sich positioniert. Wie damals gibt es die, die vor allem von der Angst geleitet werden und es gibt die Mutigen, die in der Veränderung Chancen sehen. Ja, es gibt auch dazwischen noch eine ganze Menge Indifferente, aber sehr viel weniger als vor "der Krise", genauso wie es die Indifferenten während der Revolution 1989 sehr viel weniger gab als vorher und nachher.

Sechs Jahre lang wohne ich nun schon in meiner Wahlheimat, einer Kleinstadt im Norden von Brandenburg. Aber erst seit vergangenem Herbst komme ich ständig mit Menschen über ihre Weltanschauung ins Gespräch, mit Menschen, die sechs Jahre lang wortlos Eis über den Tresen gereicht hatten, Woche für Woche grußlos im Rollstuhl an unserem Garten vorbeigefahren waren oder schweigend auf dem Bahnsteig neben mir auf denselben Zug gewartet hatten. Es gibt offenbar einen inneren Drang zur Offenbarung, und das Allerschönste daran: Wie zur DDR-Zeit, da die Mehrheit derjenigen, die ihre innersten Einstellungen plötzlich auf einem Silbertablett vor sich hertrugen, für die Chance in der Krise standen, ist auch heute die überwältigende Mehrheit derer, die mir ungefragt von ihrer Überzeugung erzählen, nicht ängstlich und panisch, sondern positiv und offen. Einige erzählen auch von ihrem Engagement für Geflüchtete oder fragen, was sie tun können, oder sie bleiben einfach am Gartenzaun stehen und sagen uns, dass sie gut finden, was wir tun, dass wir nicht meckern, sondern einfach mal machen, oder sie reichen eine Tüte mit Spielzeug über den Zaun, für die syrischen Kinder, die mit ihrer Familie gerade bei uns wohnen.

Öffentliches Erinnern an die DDR ist ja grundsätzlich schwierig. Vor allem wenn die Erinnerungen nicht das Ende der DDR betreffen. Die Kinderbetreuung in den siebziger Jahren, die liberalen Regeln zum Schwangerschaftsabbruch, der Frauenanteil in Informatikstudiengängen, egal, worum es geht, immer landet man in Nullkommanix bei den Mauertoten und der Diktatur. Das ist wie mit Nazivergleichen in Kommentarspalten – die Eintrittswahrscheinlichkeit des Diktaturarguments beträgt 100 Prozent. Das nervt, denn ich würde schon gern mal über ein einzelnes Thema mit DDR-Bezug reden können, ohne ständig sagen zu müssen: "Ja, ich weiß, diese Errungenschaften standen im Kontext von Diktatur, es gab in der DDR keine Meinungs- und Pressefreiheit, dafür Selbstschussanlagen und Mauertote." So richtig diese Aussage ist, so selbstverständlich ist sie doch auch, und ich kann diesen Zwang des Ständig-darauf-Verweisens nicht ganz nachvollziehen.

Gleichzeitig habe ich diesen Zwang doch immer auch als einen überwältigend breiten gesellschaftlichen Konsens gedeutet, dass fehlende Meinungs- und Pressefreiheit kombiniert mit Selbstschussanlagen und Mauertoten der aktiven Ächtung bedürfen. Immer wieder. In jedem Kontext. Das war für mich am Ende dann doch etwas Positives. Heute allerdings scheint dieser Konsens in bestimmten Zusammenhängen nicht mehr zu gelten. Und auch das erinnert mich wieder an die DDR.

Wir dürfen die Krise nicht verschwenden

Denn ist von der Türkei die Rede, scheint es plötzlich völlig legitim zu sein, den Abschluss eines Flüchtlingsrückführungskompromisses mit einer Regierung zu feiern, die Journalisten verfolgt in einem Maßstab, der selbst Erich Honecker und Kim Jong Un beeindrucken dürfte. Plötzlich wird es hingenommen, wenn die EU als Friedensnobelpreisträger sechs Milliarden Euro in die Türkei schiebt, obwohl dieses Geld dafür benutzt werden wird, die drei Meter hohe Mauer an der türkischen Grenze zu Syrien zu verlängern. An eben der Grenze, über die aktuell vor allem Frauen und Kinder kommen, die versuchen, ihre nackte Haut vor Krieg und Terror zu retten. Eine riesige Betonmauer. Mit Selbstschussanlagen. Mit Selbstschussanlagen! Wie in der DDR! Wieso tickt da eigentlich niemand aus? Wie kann man mit einem Staat Verträge über Milliarden schließen, der genau das tut, was wir jahrzehntelang und völlig zu Recht als Abgrund menschenverachtenden Handelns verdammt haben? Wie können wir uns über sinkende Flüchtlingszahlen freuen, wenn wir diese dahinter stehenden Wahrheiten kennen?

Ich kann die finsteren Gedanken, die sich daran knüpfen, nur in Schach halten, indem ich an die vielen neuen und intensiven Kontakte in meinem Wohnort denke. Genau wie vor 26 Jahren wirken die massenhaft positiven Reaktionen motivierend auf mich, sie geben mir Energie und halten meine Hoffnung am Leben. Eine Hoffnung darauf, dass wir – genau wie damals – die Krise nicht verschwenden, sondern sie für den Aufbruch in eine neue Zeit nutzen. Das ging auch 1989 nicht ohne Angst. Aber nicht das Vorhandensein von Angst ist das Problem, sondern ob man sich von ihr beherrschen, für alles Positive blind machen und im Handeln letztlich lähmen lässt.

Das Glück ist mit den Mutigen, und es ist mit denen, die ihren Blick auf das Konstruktive, die Chancen und die Zukunft richten und mit Ehrgeiz und Herz anstehende Probleme beseitigen. Weil sie es können und weil es gut für uns alle ist.