Genau genommen war es der Himmel, das glutvolle Rosa, das sich irgendwo hinter einem Präriehügel versenkte, hinter den Kakteen, das die Kulturkritik ins Schwärmen brachte, damals im Jahr 2009. Als Red Dead Redemption erschien, staunte das nahezu komplette europäische Feuilleton über das, was Videospiele leisten können. Red Dead Redemption war eine wendungsreiche Geschichte über Verrat, Politik und das weite räudige Land des Wilden Westens, in dem man unschuldig schuldig wird. Spätestens in der Diskussion über dieses Spiel wurde klar, dass Videogames inzwischen nicht mehr bloß an ihresgleichen gemessen werden.

Plötzlich wurde das Kino zur Referenzgröße, an dem sich ein Spiel messen lassen muss – zu allererst natürlich: am Actionfilm im weitesten Sinn. Heute, sieben Jahre nach Red Dead Redemption, ließe sich behaupten: Videospiele sind zur Referenz des Actionkinos geworden. Und das klingt dreister, als es in Wahrheit ist.

Gerade ist das Blockbuster-Abenteuer Uncharted 4 erschienen. Es ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie Videospiele den Actionfilm in all jenen Dingen überholt haben, die zuvor in diesem Filmgenre beheimatet waren: Tempo, Überraschungen, atmosphärische Intensität, die Adrenalisierung der Welt. In den Videospielen der vergangenen zwei Generationen wurden in diesen Disziplinen, und nicht zuletzt in der realistischen Darstellung, stetig Maßstäbe gesetzt, während der Actionfilm seit einiger Zeit zur einfallslosen technischen Leistungsschau verkommen ist, was man, um das Mindeste zu sagen, im neuen Avengers-Film besichtigen kann. Es scheint, als habe sich ein Genre selbst der effektheischenden Selbstüberbietung verschrieben: Falls nicht gleich am Anfang ein Raumschiff in eine Großstadt kracht oder ein Schauspieler wie Jason Statham aus einem explodierenden Helikopter in einen fahrenden Sportwagen springt, fehlt der sogenannte Thrill.

Im Franchise-Zeitalter ist wenig Platz für Neues

Es grenzt, so besehen, an ein Wunder, dass in Hollywood diese Materialschlachten noch produziert werden. Und ein noch größeres Wunder ist es, dass einigen der Filme noch Erfolg beschieden ist. Matrix hatte das sieche, konservative Actionfilmgenre in den neunziger Jahren ästhetisch noch einmal kurz reanimiert, danach kam die Langeweile. Es folgte der Anbruch des Franchise-Zeitalters, der Trilogisierung samt Prequel und Sequel, die zwar viele Karrieren, aber leider nicht die Kreativität beförderte. 

Und warum sollte man heute eine dieser generischen Zerstörungsorgien schauen, wenn man eine Spielewelt wie die von Bloodborne betreten kann, die zu einem der unheimlichsten und rätselhaftesten Erlebnissen gehört, die sich in der Unterhaltungskultur derzeit finden lässt. Es spielt sich, als hielten H.P. Lovecraft, Tim Burton und Franz Kafka eine schwarze Messe ab. 

Actionfilme haben gegenüber Actionspielen mittlerweile wenig Argumente, außer der Zeit: 120 Minuten (heute hat ja alles Überlänge) sind im Vergleich zu zehn oder mehr Stunden Spielzeit schnell und effizient. Doch man kann fragen, warum der Tage überdauernde Konsum von Fernsehserien gemeinhin als intellektuelle Bereicherung angesehen wird. Während sich das stundenlange Abtauchen in zum Beispiel die postapokalyptischen Landschaften von Fallout 4 indessen noch gegen den Vorwurf der dumpfen Zeitvernichtung verteidigen muss – obwohl dieses Spiel mit seinem subtilen Humor und der verschlungenen Dramaturgie den meisten Serien, die heute so bewundert werden, in nichts nachsteht.

In Videospielen wie Fallout, Bloodborne, dem Shooter Bioshock und dem Survival-Epos The Last of Us zeigen sich die noch längst nicht ausgeschöpften erzählerischen Möglichkeiten eines Mediums. Ein Medium, das hier allmählich zu sich selbst kommt. Und es ist nur logisch, dass das Actionkino sich mittlerweile bei Videospielen seine Stoffe und die Ästhetik leiht. Der Ballerfilm Hardcore bediente sich kürzlich der Perspektive eines Ego-Shooters, was dem Film allerdings wenig half. Wohin der Kurzschluss von Film und Game schlimmstenfalls führt, ließ sich schon vor Jahren an der Kinoadaption von Tomb Raider beobachten, der es gelang, das Niveau der Vorlage noch zu unterbieten. In diesem Jahr sollen sowohl die Reihen Assassin's Creed und Uncharted ins Kino kommen. 

Wenn also "ein spielbarer Film" kurioserweise noch als größtes Lob gilt, das man einem Videospiel machen kann, wäre es langsam an der Zeit, über solche Kinofilme zu sagen: Wie ein leider nicht spielbares, zu kurzes, oberflächliches Videospiel.