Die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein ist wegen Dopingvorwürfen vor dem Internationalen Sportsgerichtshof (CAS) für die Teilnahme bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver gesperrt worden. Diese Entscheidung wollte sie vor einem zivilen Gericht anfechten.

Der Bundesgerichtshof hat aber entschieden, dass Entscheidungen des CAS nicht vor Gericht verhandelt werden können. Prozessbeobachter beschrieben, dass Claudia Pechstein wortlos den Saal verließ. Nach einer dreiviertelstündigen Beratung mit ihren Anwälten kam sie heraus und verkündete:

Jeder Flüchtling, der in Deutschland einreist und registriert wird, genießt Rechtsschutz. Aber wir Sportler nicht.

Was meint sie damit, wenn sie sagt, dass Flüchtlinge mehr Rechtschutz genießen als sie? Was genoss Pechstein denn in den letzten Jahren? Wer hat ihre Verfahren bezahlt, ihre Anwälte? Wurde sie abgeschmettert vor den Gerichten? Hat sie sich nicht bis ganz nach oben geklagt und ein Urteil bekommen? Nun stellt sie sich hin und behauptet, dass Flüchtling mehr Rechte genießen als sie. Vielleicht muss ihr jemand sagen, dass Flüchtlinge keinen Anspruch auf Rechtsschutzversicherungen haben. Wenn sie abgeschoben werden, dann haben sie nur eine Woche Zeit ohne Sprachkenntnisse und ohne Geld einen Anwalt zu finden, der ihnen hilft. Meist kennen sie ihre Rechte nicht, die Frist der einen Woche vergeht und sie haben verloren. Sie haben keine Verbände, keine Manager, keine mächtigen Anwälte hinter sich. Keine Zeitung berichtet jahrelang über sie. Sie sind schutzlose Wesen und wir schauen abends in den Nachrichten, was mit ihnen geschieht. 

Schaut Pechstein Nachrichten? Eine Spitzensportlerin, die in der ganzen Welt berühmt ist, möchte ihre sportliche Ehre retten, aber in ihr scheint der olympische Geist gänzlich erloschen zu sein. Der olympische Geist beinhaltet nicht nur den Wettbewerb der sportlichen Leistungen. Es geht um eine friedliche und bessere Welt, um Solidarität und Freundschaft, ohne Diskriminierung und Ausgrenzung. Den Ärmsten der Armen das bisschen Raum auf Freiheit zu neiden, entspricht nicht der olympischen Idee, wie sie Baron Pierre de Coubertin und der Deutsche Olympische Sportbund formulierten.

Und nun vergleicht sich Pechstein mit Flüchtlingen, die in Turnhallen hausen, deren Privatsphäre hinter einem aufgespannten Bettlaken zwischen Doppelstockbetten beginnt? Sie vergleicht sich mit Flüchtlingen, die vor Bomben flohen und mit klapperigen Booten das Mittelmeer passieren, sich an europäischen Grenzen jagen, verprügeln, internieren lassen und in Deutschland angekommen registriert wurden und kommt zu dem Ergebnis, denen gehe es rechtlich besser? Warum? Weil sie registriert wurden? Es gibt kein Gericht dieser Welt, das sich zuständig fühlt für die Rechte von Flüchtlingen. Sie haben keine Lobby, keine Sprecher, sie haben keinen Millionenverbände im Rücken, sondern nur marode Heimatstaaten. Was neidet sie den Flüchtlingen? Die Erstregistrierung? Ist Pechstein nicht registriert? Sie sollte mal in ihrer Handtasche kramen. Da wird sie einen Pass finden, mit dem sie quer durch die Welt reisen darf. Und wenn ihr was im Ausland passiert, wird sich der Außenminister persönlich kümmern. Die syrischen, irakischen, afghanischen, libyschen Außenminister kümmern sich nicht um ihre fliehenden Bürger.

Es stellt sich die Frage, woher Pechstein ihren Spruch hat? Spricht man so unter Bundespolizistinnen? Dass die Flüchtlinge und Asylbewerber mehr Rechte genießen als Claudia Pechstein, die Bürgerin der Bundesrepublik Deutschland? Hat man vergessen ihr mitzuteilen, dass auch die Flüchtlinge ihr CAS haben? Es nennt sich Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Das ist nämlich auch kein ziviles Gericht, sondern eine Behörde und die entscheidet ruckizucki innerhalb von Minuten über einen Antrag.

Es ist wichtig, Claudia Pechstein daran zu erinnern: Die in Marzahn geborene Sportlerin hat in ihrem ganzen Leben angefangen von ihrer DDR-Zeit bis heute eine sagenhafte sportliche Förderung erhalten. Sie war umsponnen von einem Netz von Institutionen, Trainern, Sponsoren. Als deutsche Sportlerin hat man ihr sogar noch eine Ausbildung als Bundesgrenzschützerin ermöglicht. Mehr Förderung und Schutz und Rettungsschirm kann man als Sportler in dieser Welt nicht bekommen. Sie hat dafür Spitzenleistungen erbracht.

Aber hat sie auch mal die Augen aufgemacht und sich umgeschaut? Unter welchen Bedingungen Sportler anderer Nationen trainieren. Wie und von was sie leben? Wie es anderen Menschen in diesem Leben geht? Vielleicht hat Pechstein großes Unglück erfahren. Vielleicht hat man ihr Unrecht getan. Kann alles sein. Wäre der Moment vor der breiten Öffentlichkeit keine tolle Chance gewesen, um Solidarität zu werben und sich mit anderen Menschen zu verbünden, die ebenfalls verzweifelt für ihre Rechte streiten. Sie hat sich 45 lange Minuten beraten und hinter verschlossenen Türen an einer Formulierung gebastelt, in der irgendwas mit Flüchtlingen vorkommen sollte. Na ja, sie kann es ja wieder gutmachen. Demnächst. Sollte sie mal Dienst an der bundesdeutschen Grenze schieben und auf Flüchtlinge treffen.