Es ging mir nicht gut in den letzten Jahren, einige meiner Freunde wissen das. Ich war ohne Halt, mein Körper und mein Geist drifteten auseinander, trieben wie im Ozean, wohin die Strömung sie trug. Ein unheimliches Gefühl. Und ich wusste genau, woher es kam. Meine Liebe für die Welt der Technik ist erloschen, meine Begeisterung für die Zukunft verflogen. Zumindest für jene Zukunft, die heute gestaltet wird.

Seit den schrecklichen Anschlägen von Paris im vergangenen Jahr stelle ich mir immer wieder dieselbe Frage: Wenn die Welt, an der wir arbeiten, so fantastisch ist, warum sollte dann jemand zu einem Gewehr greifen und meine Freunde erschießen? Ich habe auf diese Frage keine Antwort gefunden. Deshalb bin ich aus Paris abgehauen und an den erstbesten Ort gereist, der mir einfiel: Bali. Ich driftete weiter.

Bali hat mich völlig verändert. Weit weg von den Wirren der Welt war es auf einmal möglich, die Geschwindigkeit zu drosseln und den Grund für mein beständiges Unwohlsein besser zu verstehen. Die Welt der Technik lehrt uns, Dinge schnell zu machen. Manchmal zu schnell. Denn das Leben und die Menschen sind keine programmierten Zeilen aus Code. Wir können nicht einfach alles zerschlagen, nur um zu sehen, ob es hinterher auch anders funktioniert. Alles, was im Internet erschaffen wird, kann einen enormen Einfluss auf die analoge Welt entwickeln. Viel zu selten aber machen wir uns Gedanken über die Konsequenzen dessen, was wir erschaffen. Der Kampf um Aufmerksamkeit hat langsam, aber sicher die Werte der Gründerväter des Internets verdrängt.

Mein Leben betreffen diese Veränderungen dessen, was Technik ist und will, sehr direkt. Jeder Tag steht unter ihrem Einfluss. Wenn ich an die Zukunft denke, sind es vor allem drei Dinge, die mir Angst machen.


Erstens: das Ende des Eigentums

Tariq Kim ist ein Start-up-Unternehmer und Angel Investor. Der 1972 in Paris geborene ehemalige Journalist ist Gründer von Netvibes und der Cloud Computing Platform Jolicloud und spricht weltweit zur Entwicklung des Internets und zu digitaler Innovation. Für seine Verdienste als Publizist und Unternehmer wurde er u. a. mit dem französischen Orden der Künste und der Literatur ausgezeichnet. © CC BY-SA 4.0

Für viele Menschen bedeutet der Eintritt in die neue digitale Welt das Ende allen Eigentums. Am Anfang war dieser Gedanke vor allem konzeptuell. Heute kann ich sehen, welche Wirkung er auf meinen Alltag hat. Früher besaß ich CDs, Bücher, Magazine, Kunstwerke und vieles andere, das mir half, meine Persönlichkeit auszudrücken. Heute abonniere ich alles digital. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, wenn ich einen Service abonniert habe, bis ich bemerkte, dass deshalb in Paris und auch sonst überall, wo ich hinkomme, Buchläden, Plattenläden und sogar Bibliotheken schließen. Dass Magazine deshalb im Kampf ums Überleben Teile ihrer Identität an Werbekunden verkaufen. Dass Kultur mehr und mehr zur Ware verkommt. Dann und wann, wenn ein berühmter Künstler stirbt, glüht mein Newsfeed vor kurzen Nostalgievideos, schnell über die Nacht zusammengeschnitten. Nach mehr als dreißig Jahren online bin ich heute überzeugt, dass die Offlinewelt Subkulturen viel mehr Respekt entgegenbringt als die digitale Welt. Die Megaplattformen sind McDonald's für unsere Köpfe.

Das alles macht mir große Angst. Menschen, die nichts besitzen, haben auch nichts zu verlieren.

Zweitens: die Wahl des Algorithmus

Meine Beziehung zu Inhalten und Ideen war immer obsessiv und intensiv. Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass heute eine Maschine entscheidet, was relevant für mich ist. Denn egal wie gut ein Algorithmus ist: Er bleibt eine Blackbox, über die man wenig Kontrolle hat.

Natürlich kenne ich die Argumente für maschinengesteuerte Filter. Wir leben in einer so betriebsamen Welt, unsere Freunde produzieren enorme Mengen an Information (oder Lärm), dass wir eine Instanz brauchen, die sie sorgsam ordnet. Aber sind wir tatsächlich so mit unserem Leben beschäftigt? Oder mit unseren Tools? Die Designphilosophie, die technischen Anwendungen derzeit zugrunde liegt, lehne ich ab.