Ich hatte mein Kunststudium in Damaskus gerade erst begonnen, trotzdem stand schon fest: Sofort nach meinem Abschluss würde ich nach Europa gehen, um dort weiterzustudieren. Ich wollte Syrien verlassen, und "mein" Land, wenn überhaupt, dann nur noch als Touristin besuchen. Das war mein Plan.

Doch dann kam 2011 die Arabellion. Nie werde ich vergessen, wie groß unsere Hoffnungen waren. Auf keinen Fall würde ich weggehen, jetzt, wo wir endlich die Diktatur loswerden würden und das neue Syrien vor der Tür stand. Für diesen Traum, Bürger- und Menschenrechte erleben zu können, ging ich wie so viele andere junge Menschen überall im Land auf die Straße. Wir schrien "Salamia!" (keine Waffen) und "Hurriah!" (Freiheit). Doch das Assad-Regime akzeptierte keine Demonstrationen, auch keine friedlichen, und schoss scharf auf uns.

Zu dieser Zeit sah die sogenannte Internationale Gemeinschaft einfach zu, wie wir verhaftet und vertrieben wurden, wie wir starben. Es wurden hier und dort mehr oder weniger zaghafte politische Erklärungen abgegeben, die aber weder das Regime klar verurteilten noch uns Demonstrierende wirklich ernst nahmen. Sie haben uns einfach nicht als Partner_innen bei der Verteidigung von Menschlichkeit akzeptiert und nicht verstanden, dass wir das Recht haben, dieselben Rechte zu fordern wie sie, dass wir wie sie Demokratie und Menschenrechte fordern können und dafür auch eintreten werden. 

Kefah Ali Deeb wurde 1982 in Latakia,Syrien, geboren und ist 2014 nach Berlin geflohen. Sie ist bildende Künstlerin, Aktivistin und Kinderbuchautorin, außerdem Mitglied des National Coordination Committee for Democratic Change in Syrien. Deeb ist Gastautorin von "10 nach 8". © Lena Kern

Immer wieder werden wir Bewohner_innen des Nahen Ostens als eine homogene Gruppe zusammengefasst, die weniger zivilisiert ist und über weit weniger Entwicklungspotenzial verfügt als die Gruppe der Europäer_innen. Dieses Klischee sorgt dann für wachsende Ängste vor uns, dieser "unterentwickelten" Gruppe.

Gerade die Europäische Union lässt bis heute jedwede Konsequenz in ihrer Haltung vermissen – angesichts der Ermordung und Inhaftierung von Tausenden Menschen durch das Regime und der Vertreibung beinahe der Hälfte der syrischen Bevölkerung. Sehr entschieden waren die Europäer hingegen, als es darum ging, über die "Flüchtlingskrise" besorgt zu sein. Da nahmen sie den Fall Syrien plötzlich als eine Krise wahr, die ihren routinierten Alltag bedrohen könnte. Nun setzten die Regierungen alles daran, den "Flüchtlingszustrom" in "ihre" Länder zu beenden, als wäre das Leiden der Menschen in Syrien eine Krankheit, die man sich vom Leibe halten müsse. Das Letzte, was sie interessiert, war und ist das Leiden der Menschen. 

Machen wir uns nichts vor: Ob Menschen, die in Not sind, der Hilfe als würdig erachtet werden, hängt von ihrer Herkunft ab. Die konkrete Reaktion auf ihre Unterdrückung oder Ermordung bemisst sich allein danach, ob ihre Flucht oder das Elend in ihrem Land die hehre europäische Gesellschaft beeinflussen oder bedrohen kann. Das steht im Zentrum der europäischen Entscheidungen. Das und die gefühlte Notwendigkeit, die europäische "Identität" vor den Wogen der "Rückständigkeit" und der "Gewalt" zu bewahren, die die Flüchtlinge angeblich mitbringen. Die Flüchtlinge: das sind übrigens die mit der schäbigen Kleidung, den dreckigen Händen und den müden Gesichtern.

Schaffen wir die Integration oder nicht?

Ach, diese Flüchtlinge! Warum kommen sie nicht ein bisschen eleganter aus dem Krieg und überqueren das Meer nicht auf luxuriösen Schiffen, Wein trinkend und begeistert vom Sternenhimmel? Warum achten sie bei den Tausenden von Kilometern, die sie stattdessen zu Fuß laufen, nicht ein wenig besser auf ihre Körperhygiene? 

Völlig ausgelaugt und verzweifelt kommen sie in Europa an, gequält von Schuldgefühlen gegenüber ihren Familien und Freunden, die sie im Krieg zurücklassen mussten. Denn jeden Moment kann es die zurückgebliebenen Geliebten treffen. Und im Falle deren Todes bleibt ihnen, uns, keine Zeit zu trauern. Denn wir haben alle Hände voll zu tun, uns in die neue Gesellschaft einzufügen. Sie wird uns nur danach beurteilen, ob uns die Integration gelingt oder nicht.

Manchmal frage ich mich: Kann irgendjemand auf der Welt konzentriert zur Arbeit oder zur Uni gehen, wenn das eigene Kind wirklich krank ist? Stellt euch doch mal vor, wie es sich erst anfühlt, wenn das Haus der eigenen Familie, die man zurückgelassen musste, gerade bombardiert worden ist, und man nicht weiß, wie viele tot sind oder gerade im Sterben liegen.

Immer wieder wurde in Medien und sozialen Netzwerken darauf herumgeritten, dass Neuankommende Smartphones besitzen. Anscheinend passt ihr Besitz nicht ins Bild vom armen und rückständigen Flüchtling. Nicht weniger grausam ist die Überlegung, dass es vielleicht sogar besser für ihre Integration wäre, wenn die Flüchtlinge von ihrer Heimat abgeschnitten wären. So würden sie das Sterben dort nicht mehr mitbekommen, und die Integration in die neue Gesellschaft könnte schadlos verlaufen – selbst wenn in Syrien kein Stein mehr auf dem anderen bleibt und auch kein Mensch mehr am Leben bliebe.

Das Leben hier in Europa nimmt unbeeindruckt von dem Sterben und dem Krieg in Syrien seinen Lauf. Die Getöteten werden nicht als Menschen wahrgenommen. Menschen sind nur Menschen, solange sie innerhalb der Grenzen des großartigen, sauberen Europas sterben. Also lasst uns die Grenzen gegenüber den Flüchtlingen dichtmachen, lasst sie vor den Grenzen und Zäunen sterben, die errichtet wurden, damit die Straßen und das Gewissen nicht von ihrem Blut besudelt werden.

Übersetzt aus dem Arabischen von Rafael Sanchez

Flüchtlinge - Mehr als 65 Millionen Menschen sind auf der Flucht Dem Jahresbericht der Vereinten Nationen zufolge sind erstmals mehr als 65 Millionen Menschen von Flucht und Vertreibung betroffen. Die Mehrheit der Geflüchteten hält sich außerhalb Europas auf.