Aus irgendwelchen Gründen kursiert in der Öffentlichkeit immer häufiger ein Zitat, das Norbert Blüm in den Mund gelegt wird:

Wir wollten Arbeitskräfte und Menschen kamen

Neulich behauptete irgendwer von der AfD schon wieder in einer Talkshow, dass der ehemalige Arbeitsminister dies gesagt hätte. Alexander Gauland zitiert schon seit Jahren dieses Zitat mit falscher Quellenangabe. Ausgerechnet er, der sich vor Angst um den Untergang der Kultur in seine Dackelkrawatte hineingruselt. Und weil sich die Linken neuerdings einiges bei der AfD abgucken, ordnete nun auch Klaus Lederer von der Linken den schönen Satz der falschen Person zu.

Zeit also, das Zitat der richtigen Person in den Mund zurückzulegen und zu erklären, um was es eigentlich ging. Max Frisch hat 1965 in einem Vorwort zu einem Buch über die italienischen Gastarbeiter in der Schweiz Folgendes geschrieben:

Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.

Diesen Beitrag verfasste Max Frisch für Alexander J. Seilers Buch Gespräche mit italienischen Arbeitskräften in der Schweiz. Das Buch war eine Reaktion auf den schweizerischen Diskurs der Überfremdung. Ein Jahr zuvor hatte der Dokumentarfilmer Seiler einen Film über die Arbeitskräfte gedreht und den Schweizern gezeigt, wie Menschen als Arbeitsware behandelt wurden. Er zeigte die unwürdigen Gesundheitschecks an den Grenzen, die Behausungen, das triste Leben eines Gastarbeiters. 

Man warf den Italienern in der Schweiz dennoch allerhand vor. Dass sie zum Arbeiten kamen, aber jährlich mehr als eine Milliarde Franken sparten und nach Hause schicken würden. So war das doch nun wirklich nicht vorgesehen. Auch nicht, dass sie sich beklagten, in menschenunwürdigen Behausungen zu leben. Sie sollten sich nicht beklagen. Frischs Analyse über die Beunruhigung der Bevölkerung liest sich zusammengefasst so: "Sie sind einfach da. Eine Überfremdung durch Menschen, wo man doch, wie gesagt, nur Arbeitskräfte wollte. Und sie sind nicht nur Menschen, sondern anders. Sie stehen Schlange an der Grenze; es ist unheimlich. Plötzlich zu viele. Sie fallen auf. Sie haben ein Auge auf Mädchen und Frauen. Man ist kein Rassist. Es ist schließlich Tradition, dass man nicht rassistisch ist. Sie gefährden die Eigenart des kleinen Herrenvolkes."

Das Vorwort ist unter der Überschrift "Überfremdung 1" später in einem Suhrkampbüchlein erschienen, das verschiedene politische Ansprachen von Max Frisch zwischen 1950 und 1960 unter dem Titel Öffentlichkeit als Partner zusammenfasst. Auch dieses Buch ist nicht mehr erhältlich. Ein Jahr später hält Max Frisch eine Rede in der Schweiz, die sich erneut mit dem Thema beschäftigt. Liest man beide Texte und tauscht hier und da den Italiener durch den Flüchtling aus, hat man exakt den Diskurs der Jetztzeit gespiegelt. Extrem rechte Kreise behaupten immer wieder – beispielsweise auch durch den Schweizer SVP-Politiker und Publizist Roger Köppel –, dass der Aufstieg der rechtsextremen Parteien in Zusammenhang stehe mit dem allgemeinen Sprachverbot, erteilt durch eine politisch korrekte Eingreiftruppe, die es verbiete, über Gefahren und Ängste reden zu dürfen.

Nun lesen wir seit mehr als fünf Jahrzehnten nichts anderes, als dass Fremde kämen und Wohlstand und Zivilisation bedrohten. Und nein, natürlich sei man nicht rassistisch, wenn man ganze Gruppen mit Eigenschaften belegt, die sich alle darum drehen, dass die Fremdlinge aufgrund Kultur, Religion, Herkunft, sozialer oder politischer Prägung unintegrierbar seien.

Der Fremde ist wahlweise der italienische Gastarbeiter in der Schweiz, dem man vorwarf, er sei katholisch und/oder Kommunist. Der Fremde ist wahlweise der Türke in Deutschland, dem man vorwirft, er sei rückständig und/oder muselmanisch. Der Fremde ist wahlweise Flüchtling aus Syrien oder dem Irak, Terrorist und/oder Islamist. Schon 1966 beobachtet Frisch, dass die dominierende Reaktion auf die vermeintliche Überfremdung der Konservatismus sei. Eine Umgestaltung der Gesellschaft sei aber nun mal unumgänglich. Eine Bewältigung der Gegenwart mit Abwehr des Fremden nicht zu machen. Schon die Schweiz der Gegenwart sei anders, als der Mythos es einem weismachen wolle. Sofort erinnert einen das an die jahrzehntelangen Debatten darüber, ob man in Deutschland Einwanderer haben will oder nicht, derweil Millionen von Menschen seit 1961 kontinuierlich einwanderten. Da der Mythos, dort Millionen Migranten.

Überhaupt sprach Frisch viel über den Mythos und kam stets zur Einsicht, dass ein großer Gegensatz zwischen Wahrheit und Wirklichkeit herrsche. Das ist bis heute so. Es ist die Wahrheit, dass wir Humanität, Solidarität und die Wahrung der Menschenrechte, zu denen auch die Würde gehört, in unsere Gesetze verankert haben. Sie sind die Architektur Europas. Doch in Wirklichkeit findet das alles in dem Moment nicht mehr statt, in dem Flüchtlinge auf den Meeren umherirren und an verschlossenen Grenzen stehen. Wahrheit und Wirklichkeit. Das ist die Diskrepanz. Und an dieser Abweichung verzweifelt übrigens nicht nur der progressiv denkende Mensch, sondern auch der "Fremde".

Angst vor der sogenannten Überfremdung ist bei Frisch übrigens Ausdruck hilfloser Selbstgerechtigkeit. Die Konfrontation mit der "anderen" Lebensart irritiere das sakrosankte Eigenlob des nationalen Kollektivs. Oh Mann, man könnte seitenweise so weitermachen. Bei jeder Zeile liest man und denkt, ja ja, genau so ist das, das sollte der Gauland mal lesen! Aber dann besinnt man sich und denkt: Oh Gott, die sind alle so blöd, dass sie wirklich denken, dass Norbert Blüm von selbst zu einer so poetischen und präzisen Aussage gekommen sei, na ja, jedenfalls – und nur darum sollte es heute gehen: Es war der Frisch und nicht die Lärsche von Rüüselshaaaim.