"Balkone", seufzte meine Nachbarin von unten, Frau H, die auf alles ein Auge hat, "sind das einzige, was uns zu unserem Glück noch fehlt."

Seit ich vor mehr als einem Jahrzehnt nach Berlin gezogen war, traf ich mich in unregelmäßigen Abständen mit ihr. Wir tranken Kaffee und tauschten Neuigkeiten aus: Der Schornsteinfeger und seine Familie im Vierten überlegen, nach Pankow zu ziehen, berichtete beispielsweise Frau H, und ich parierte mit der Neuigkeit, dass meine Freunde nebenan ein Baby erwarteten oder dass das zärtliche Paar, das ohne Vorhänge in der Beletage auf der anderen Seite der Straße lebt, definitiv zwei Frauen sind – und nicht, wie Frau H während unseres letzten Kaffeeklatschs beharrt hatte, Mann und Frau. ("Frau H", sagte ich, als sie anhaltende Zweifel äußerte, "ich bin Journalistin. Außerdem liegt meine Wohnung ein Stockwerk höher, ich kann es besser sehen als Sie.")

Ihre beiden Söhne, in meinem Alter, seien immer noch nicht verheiratet, sagte sie, schüttelte den Kopf und forderte mich auf, ein weiteres Stück selbst gemachten Apfelkuchen zu essen. Mh, sagte ich, ich auch nicht. Aber alles in allem, so stimmten wir überein, gab es nicht viel Anlass, sich zu beschweren. Schließlich hatten wir es gut in unserem Plattenbau im Herzen von Berlin-Mitte. Viel Platz, günstige Miete, großartiger Standort, und um uns herum menschliches Treiben ohne Ende, dessen Spuren man nachgehen konnte.

Doch als ich zurück in meine Wohnung ging, konnte ich nicht abschütteln, was Frau H über die Balkone gesagt hatte. Konnte es sein, dass ein Fleckchen Außenraum – ein Platz, um Blumen zu züchten, in Unterwäsche ein Sonnenbad zu nehmen, das Abendessen in den langsamen, entrückten Stunden des vergänglichen Berliner Sommers einzunehmen – genau die Sache war, die uns zu unserem Glück noch fehlte?

Ein paar Jahre später kündigte die Wohnungsbaugesellschaft, der das Gebäude gehört, an, dass sie den Wohnblock renovieren wolle. In den Treppenhäusern, auf den Bürgersteigen vor dem Haus und bei den Mülltonnen waren Balkone plötzlich ein heißes Thema. Unser Hof war groß und fast völlig ungenutzt. Entgegen der Warnung des prominent angebrachten "Fußballspielen verboten"-Schildes hatten bisher noch nicht einmal die Kinder Lust verspürt, hier Bälle hin- und herzukicken. Es schien idiotisch, keine Balkone auf die Rückseite des Hauses zu kleben.

Trotzdem hielt ich es zunächst für einen Wunschtraum: Es ist eine Sache, sich Balkone zu wünschen, und eine andere, dafür zu zahlen. Doch über die Jahre hatte sich der Wohnblock mit Freunden gefüllt – einige waren eingezogen, wenn eine Wohnung frei wurde, andere wurden Freunde, nachdem sie eingezogen waren. Um das Balkonprojekt voranzutreiben, warben zwei von uns bei den Nachbarn für sich und ließen sich als Repräsentanten unserer jeweiligen Treppenhäuser in den neu geformten Mieterbeirat wählen. Es war meine erste politische Position in diesem (oder irgendeinem) Land. All unsere Ziele wurden beim ersten Treffen erreicht: Ja, die Wohnungsbaugesellschaft wird Balkone anbringen. Leider ging unser Einfluss bei den folgenden Renovierungsarbeiten trotzdem gegen null: Wir diskutierten zwar stundenlang über jedes Detail, waren dann aber ebenso überrascht wie alle anderen, als uns neue Fenster eingebaut wurden, die deutlich kleiner waren als die alten. 

Sally McGrane kommt aus Berkeley in Kalifornien und lebt seit mehr als zehn Jahren in Berlin. Sie ist Journalistin und schreibt unter anderem für die "New York Times" und den "New Yorker". Ihr Spionageroman "Moskau um Mitternacht" ist im März 2016 im Europaverlag erschienen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Julia Fischer

Das änderte sich mit dem Erscheinen von Herrn G. Als die Zeit gekommen war, die Nach-Renovierungs-Verschönerung des Hofs zu planen, trat er dem Mieterbeirat bei. Er konnte gut formulieren, war intelligent und zäh. Ich begann, ihn den "hochengagierten Herrn G" zu nennen. Im Mieterbeirat lernten wir bald, dass der hochengagierte Herr G neben verschiedenen exzellenten Ideen zur Frage, wo der Fahrradständer stehen sollte, die allesamt umgehend niedergeschmettert wurden, eine große Idee hatte: Warum nicht den lang ausgestreckten, traurigen Hof mit seinen verlassenen Tischtennisplatten in einen Gemeinschaftsgarten umfunktionieren?

Er hatte Kontakte zu den richtigen Leuten, zu städtischen Oasenplanern, zu ehemaligen Guerilla-Gärtnern. Ich wünschte Herrn G Glück, gab seinem Plan aber keine Chance. Die Renovierung war abgeschlossen, und wir hatten die Balkone bekommen, die wir gewollt hatten. Meinen Balkon mochte ich und war nicht einverstanden mit den Beschwerden, die nun die Runde machten, dass die Balkone völlig sinnlos seien, weil sie nach Norden gingen. Aber ich vermisste die alten Fenster und war traurig, dass meine früher lichtdurchflutete Wohnung jetzt relativ dunkel war. Eine meiner besten Freundinnen, eine amerikanische Menschenrechtsanwältin, kam aus Den Haag zu Besuch. "Na ja", sagte sie, als ich ihr berichtete, wie wir Balkone bekommen, aber unsere Fenster aufgegeben hatten, "ich vermute, dass man in Deutschland, so es nicht explizit anders spezifiziert ist, immer erwarten sollte, dass ein Geschäft ein faustisches ist." Ich lachte, aber ich hatte den Block fast aufgegeben und begonnen, beiläufig nach einer neuen Wohnung Ausschau zu halten.