Ich weiß nicht, ob ich mit der folgenden Assoziation allein bin: Aber seit meiner Jugend ist Orlando für mich ein Jüngling, der sich in eine Frau verwandelt. Virginia Woolf schickte ihn im gleichnamigen Roman auf eine Reise durch die Jahrhunderte. Ganze Regalkilometer sind über die Frage geschrieben worden, wie viel dieser Orlando mit Woolfs eigener Liebe zu Frauen und speziell zu Vita Sackville-West zu tun hat. Es ist schmerzlich, diesen Namen jetzt mit einem ganz anderen Kontext verbinden zu müssen, einem, in dem die Vielfalt der Liebe mit einem Sturmgewehr niedergemäht wird.

Wenn ich mich recht erinnere, gelang es Woolfs Orlando bisweilen, sein/ihr "wahres" Geschlecht unter Kleidern zu verstecken, unter anderem in einer Pluderhose. Und, ganz ehrlich: Ebenfalls seit meiner Jugend habe ich noch nie verstanden, warum so viele Menschen glauben, Gott schaue uns ständig in die Hose. Diese Obsession mit der Zuordnung von Geschlechtsteilen scheint mir spezifisch menschlich. Ob Menschen nun Angehörige des eigenen Geschlechts lieben oder des anderen, oder beide – wieso sollte das für Gott einen Unterschied bedeuten? Liebe, sexuelle Energie, Persönlichkeiten, Seelen: All dies sind transzendente Wirklichkeiten jenseits der Details ihrer Materialisierung. Genau das macht doch das religiöse Weltbild aus, dass es Zusammenhänge sieht und ihnen Bedeutung zumisst, die sich naturwissenschaftlich-materialistisch eben nicht beschreiben lassen. Wieso soll dann ausgerechnet bei der Liebe wieder alles auf X- und Y-Chromosomen hinauslaufen?

Die Schriftstellerin Hilal Sezgin ist muslimischen Glaubens und Mitglied im Liberal-Islamischen Bund e.V. Soeben erschien von ihr das Jugendbuch "Wieso? Weshalb? Vegan!" im Fischer Kinder- und Jugendbuch Verlag. © Ilona Habben

Ein ägyptischer islamisch-fundamentalistischer Prediger sagte einmal zu mir, das sei wie mit den Autos: Gott sei der Hersteller, und er habe die Bedienungsanleitung ins Handschuhfach gelegt. Damit wollte er erklären, warum nur die heterosexuelle Ehe gottgefällig sei. Allerdings habe ich schon oft in mein Handschuhfach geschaut und immer feststellen müssen, dass es höchstens alte CDs und den zerbrochenen Eiskratzer bereithält. Denn zu den schmerzlichen Erkenntnissen, mit denen man sich meist bis zum Erwachsenenalter abgefunden hat, zählt nun einmal: Wir Menschen sind kompliziert und oft sonderbar, und keiner kann uns eine Bedienungsanleitung reichen, es ist alles ein Scheitern und Lernen.

Familien und Gemeinden müssen sich verändern

Irgendwie ist es ja schon bezeichnend, dass jener Prediger zum Vergleich ein Auto heranziehen musste. Ein Auto – tatsächlich? Viel passender wäre es, den Menschen mit einer Blume vergleichen. Jeder Mensch eine uns unbekannte Blüte: Bevor sie sich entfaltet, weiß man nicht, was darin ist. Und wenn wir überlegen, welche Liebesgeschichte, welche biografischen Wendungen, welche Begegnungen uns, im eigenen Leben oder in der Fiktion, am stärksten ergreifen, dann sind es gerade die unwahrscheinlichen! Die, die jeder 08/15-Anleitung zum Trotz die Kraft der Anziehung und Liebe beweisen.

Nun haben viele, herzerwärmend viele Muslime und Musliminnen seit dem Attentat in Orlando ihre Solidarität mit homosexuellen Communitys ausgedrückt; es gab Gebete für die Verstorbenen und die Hinterbliebenen; Spendensammlungen; ergreifende Reden. Ich denke allerdings, die vor uns Muslimen (wie auch vor anderen) stehende Herausforderung darf nicht missverstanden und unterschätzt werden: Gefragt ist nicht nur Toleranz, also Achtung vor den "anderen", die "nun mal so leben". Solange wir nicht die Gleichwertigkeit aller Weisen zu lieben anerkennen, werden wir auch immer wertende Unterschiede machen zwischen "diesen" und "jenen".     

Es reicht nicht, hier gleichsam aus unparteiischer Ferne tolerant zu sein; sondern wir müssen muslimische Gemeinden und auch Familien schaffen, in der jede und jeder gleichermaßen willkommen ist und respektiert wird , der dazugehört oder gehören will. Kein Jugendlicher sollte das Gefühl haben, nicht lesbisch, schwul oder bi sein zu "dürfen", denn "meine Eltern sind Muslime und würden das nicht wollen". Kein Mensch sollte sich je nicht in eine Moschee trauen, weil er Angst haben muss, die anderen würden "herausfinden", er ist queer.