Paul Pogba hat jemanden beleidigt. Die Frage ist zur Stunde nur noch, wen. Die Journalisten? Den Trainer? Oder vielleicht sogar: niemanden? Belegt ist bislang nur das hier: Im zweiten EM-Spiel der französischen Nationalmannschaft hat Frankreichs Mittelfeldstar eine Geste gemacht, die vielleicht abfällig gemeint war.

Nach dem entscheidenden Tor von Dimitri Payet ist Paul Pogba mit erhobener Faust quer über den Platz gelaufen und hat dann einen sogenannten bras d’honneur gezeigt, was ungefähr die französische Entsprechung zum deutschen Stinkefinger ist, in dieser Situation andererseits aber auch einfach die französische Entsprechung zum amerikanischen "Fuck, yeah!" sein könnte. In Frankreich reicht das in diesen Tagen, um einen landesweiten Skandal in drei Phasen auszulösen.

Die erste Phase kam in Gang, weil einige Journalisten die Äußerung als direkten Affront aufgefasst hatten. Pogba war zuvor im Spiel gegen Rumänien blass geblieben und wurde daraufhin von vielen Medien harsch kritisiert. Der Theorie zufolge habe er diese mediale Kritik dafür verantwortlich gemacht, dass er im zweiten Gruppenspiel zunächst auf der Bank saß, weshalb er schließlich mit dem bras d’honneur deutlich gemacht habe, was er von der ganzen Sache halte. Als er darauf angesprochen wurde, erklärte Pogba, er habe mit der Geste lediglich ein paar alte Freunde gemeint, die im Stadion waren.

Allerdings ist die Geschichte erst mit einiger Verzögerung bekannt geworden, weil der übertragende Sender beIn Sport in der Bewegung zwar auch eine abfällige Geste erkannt hatte, sich allerdings in der Hitze des Gefechts entschied, die Bilder nicht auszustrahlen, weil man "keine nutzlose Diskussion lostreten wollte", wie der Regisseur Florent Houzot zwei Tage später der Sportzeitung L’Équipe sagte. Er sei selbst Fan der Mannschaft und "ziehe es vor, positiv zu bleiben".

Als die Sequenz über die sozialen Medien trotzdem an die Öffentlichkeit geriet, wurde es eine Mediendiskussion. Schließlich hängt Pogbas Geste nicht im luftleeren Raum: Frankreich blickt auf eine lange Geschichte von Beleidigungen und Disziplinlosigkeiten seiner Nationalspieler zurück. Nach der Spielerrevolte bei der WM 2010 in Südafrika, nach den Ausfällen von Samir Nasri und Nicolas Anelka, nach den Affären um Franck Ribéry und Karim Benzema steht die Équipe de France unter besonderer Beobachtung.

Wenn sich nach all den Suspendierungen und guten Vorsätzen jetzt deshalb schon wieder ein Spieler im französischen Nationaltrikot benähme wie auf dem Gefängnishof, würde das potenziell ein gesellschaftliches, soziales Problem illustrieren, das über den reinen Fußball weit hinausgeht. An die Entscheidung des Senders, Pogbas Geste nicht zu zeigen, schloss sich deshalb unmittelbar die Diskussion an, ob es sich dabei schon um Zensur handelt.

So wie der Front National

Als die Geschichte dann am Freitag auf der Titelseite der größten französischen Sportzeitung L’Équipe landete, trat die Debatte schließlich in ihre dritte Phase ein: Nun begann eine Rassismusdiskussion. Auf dem Cover ist ein augenscheinlich aggressiver Pogba zu sehen, der auf den Betrachter zuläuft, während er gleichzeitig gerade dazu ansetzt, sein Shirt auszuziehen. Die Schlagzeile dazu lautet "sur les nerfs", was sich behutsam mit "nervös" übersetzen ließe, aber eben auch mit "kurz vorm Ausflippen". Und wenn dieses Cover eines nicht suggeriert, dann ist das Behutsamkeit.

Pogba sieht darauf ziemlich genau aus wie ein Gangsterrapper aus einer harten Lyoner Banlieue, der gern zum Ausdruck bringen möchte, dass man hier im falschen Viertel gelandet ist. Ein Wahlplakat des rechtsextremen Front National (FN) hätte nicht unzweideutiger sein können. Anders als in den vorangegangenen Fällen steht jetzt allerdings nicht der Spieler am Pranger, sondern die Zeitung. Unter dem Hashtag #boycottlequipe sind in den ersten zwölf Stunden nach Erscheinen der Ausgabe über 66.000 Beschwerde-Tweets eingegangen.

Der Vorwürfe lauten unter anderem, dass die französische Elite ihre Xenophobie an der Nationalmannschaft auslasse, dass schwarzen Spielern ihre Hautfarbe zum Vorwurf gemacht werde, und dass man als schwarzer Franzose selbst dann noch als Bedrohung für Leib und Leben dargestellt werde, wenn man der beste Fußballer des Landes ist. 

Der Redaktion hilft in dieser Situation auch nicht unbedingt, dass sie kurz vor der EM mit einem Motiv geworben hat, auf dem 44 ihrer Mitarbeiter unter dem Slogan zu sehen waren: "24 Nationen, eine L’Équipe". Auf dem Bild waren sämtliche Redakteure weiß, und so eine ethnische Homogenität kommt in Frankreich außerhalb von Sitzungen des FN-Ortsvereins nicht besonders häufig vor. Zurzeit sieht es so aus, als könnte der Nationaltrainer Didier Deschamps so viele Spieler suspendieren, wie er will. Frankreich kann also im doppelten Sinne nicht aus seiner Haut.