Als ich 18 wurde und den Führerschein hatte, fuhr ich zurück an den Ort des Verbrechens: eine Lichtung im Wald, im Mangfalltal, einige Hundert Meter von der einsamen Straße entfernt, die die Papierfabrik und das Haus meiner Großeltern mit dem Dorf und dem Bahnhof verband. Es war im Vorfrühling, die Bäume hatten noch kein Laub, die gleiche Jahreszeit wie sieben Jahre zuvor, als die Straße mein Schulweg gewesen war. An der Stelle, wo ich, das Kind, damals in der Morgendämmerung vor dem Mann gekniet und dann die weißliche Flüssigkeit ausgespuckt hatte, blühte nun ein kleiner Strauch. Purpurne Blüten, im Februar, an genau dieser Stelle und nur dort. Die faserigen Zweige ließen sich nicht brechen, ich musste die Zähne zu Hilfe nehmen. Wieder im Auto, brannten mir Mund und Kehle. Der Seidelbast, in den ich gebissen hatte, auch Brennwurz genannt, ist giftig, und die Blüten, die ich zur Erinnerung nach Hause tragen wollte, welkten sofort.

Marion Detjen ist Historikerin am Zentrum für Zeithistorische Forschung. Ihre Schwerpunkte liegen auf der deutsch-deutschen Migrationsgeschichte, Gender und den Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Der Geschmack des Verbrechens. Dass aus dem ausgespienen Ejakulat eine seltene Giftpflanze gewachsen war und mir den Geschmack des Verbrechens zurückbrachte, hat mir Macht über meine Geschichte verliehen. Das Verbrechen lässt sich von mir deuten, in den sozialen und politischen Zusammenhängen, in denen es stattgefunden hat.

Ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause kam. Im Wohnzimmer des Hauses meiner Großeltern saß ich allein, während auf die Polizei gewartet wurde und sich das Stigma der Vergewaltigung langsam ausbreitete. Meine Umwelt hielt Abstand. Ich merkte, wie die komplizierten, über hundert Jahre entwickelten Abläufe, die das große Haus und die Fabrik am Leben erhielten, weiterliefen und mich nicht brauchten. An diesem Tag keine Schule für mich, ich nahm das Leben der anderen wie verlangsamt wahr, in der Küche, im Bügelkeller, im Garten, in den oberen Räumen und auf der anderen Seite des Fabrikkanals in den Büros, an den großen, lärmenden und dampfenden Maschinen. Das Haus bot immerhin Schutz, es war still und sicher.

Ein Kind sollte ohne Angst allein durch einen dunklen Wald gehen können. Da dies nicht gegeben ist: Wer schickt ein Kind in der Dämmerung allein durch einen dunklen Wald? Bei vielen Kindern sind es die Armut und die Entwurzelung, wenn sie auf die Flucht geschickt werden wie heute die unbegleiteten Minderjährigen, die in großer Zahl "verschwinden". Wie sind wir ihnen verbunden, wo steckt unser Anteil an ihrer Armut und ihrer Entwurzelung und ihrer Ausbeutung durch Verbrecher und daran, dass sie nicht ohne Angst durch den dunklen Wald gehen? Ich wüsste das gerne, in jedem einzelnen Fall.

Auch der Zusammenhang, der mich durch den Wald schickte, ist so groß und umfassend, dass sich niemand von Verantwortung freisprechen kann. Es sind die puritanischen und patriarchalischen Strukturen, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft und des deutschen Wohlstands bilden, mit ihrer ganzen Ambivalenz. Es fällt auch mir schwer, sie zu attackieren, weil ich von ihnen genauso profitiert wie unter ihnen gelitten habe und sie mir immer noch besser erscheinen als die anderen Ausformungen des Kapitalismus, die weltweit und millionenfach viel schlimmere Verbrechen und viel schlimmeren Missbrauch hervorbringen. Aber sollten wir nicht aufhören, die Kontexte, die es zulassen, dass Verbrechen an Kindern geschehen, gegeneinander aufzuwiegen? Jede Vergewaltigung ist eine Machtdemonstration.

Meine Vergewaltigung hatte beispielsweise zur Voraussetzung: Dass der deutsche Unternehmermittelstand seine Fabriken in die Provinz legte und dort alle, die mit ihm zu tun hatten, zur ländlichen Existenz zwang. Dass in den 1970er und 1980er Jahren den Kindern dieses Unternehmerstandes zur Abwechslung mal keine Internate, sondern die Mühsal des Besuchs von humanistischen, aber keineswegs humanen Gymnasien in der nächsten Kreisstadt zugemutet wurde. Dass die patriarchalischen Verhältnisse die Mütter krank machten und die Väter von ihren Kindern entfremdeten und es als völlig normal erscheinen ließen, dass ein 11-jähriges Mädchen um sechs Uhr morgens allein aufsteht, sich allein Frühstück macht und mit dem Fahrrad allein zum Bahnhof fährt. Dass eine Geschlechterordnung herrschte, die Frauen als Objekte für männliche Bedürfnisse setzte. Dass der korporative Kapitalismus eine Art der Versöhnung von Eigentum und Arbeit betrieb, die Ungleichheiten verschleierte und ihren absurden Höhepunkt in der Vergewaltigung des Eigentümerkindes durch den Arbeiter fand, der auf dieses Kind Zugriff bekam.

Immerhin wartete, wenn ich am Nachmittag nach Hause kam, ein Mittagessen, mit Suppe und Hauptgang und Nachtisch. Meine Mutter, das Flüchtlingskind, musste in ihren Jahren der Fahrschülerinnenexistenz in den 1950er Jahren ohne Mittagessen auskommen und in der anderen Kleinstadt die Nachmittage auf der Straße verbringen, bevor der Bus sie nach Hause brachte. Meine Großmutter, ebenfalls Flüchtlingskind, hatte in den 1920er Jahren überhaupt kein Zuhause gehabt. In ihren Memoiren deutet sie den Missbrauch an, dem sie ausgeliefert war. Diese Großmutter, das spürte ich, auch wenn sie nicht mit mir sprach, nahm geradezu panischen Anteil an mir. Sie hatte von allen den besten Grund, mich nicht mit dem Auto zum Bahnhof gebracht zu haben: Sie besaß, wie fast alle Frauen ihrer Generation, keinen Führerschein, weil ihr Mann es nicht wollte.

Als die Polizei kam, wurde ich intensiv befragt, hatte aber keine Wörter für das, was ich erzählen sollte. Die tiefe Scham. Später am Vormittag wurde mir ein Mann vorgeführt, der bis hin zur Unterhose die gleichen Kleider trug, die auch der Verbrecher getragen hatte: Jeans, eine mit Schaffell gefütterte Lederjacke, eine geblümte Unterhose, Arbeiter hatten keine große Auswahl in Garderobenfragen. Die Schuldgefühle, weil er falsch beschuldigt wurde. Mein Vater schrieb eine hohe Belohnung aus, schließlich wurde der Täter gefasst, dank der Hinweise eines anderen Arbeiters, der das Auto des Täters verdächtig am Waldrand hatte parken sehen. Alle in der Fabrik wussten Bescheid. Ich wünschte mir damals, auch Geld zu bekommen, Schmerzensgeld, Geld, um mich zu rehabilitieren, ich wollte die Belohnung kriegen, ich weiß noch, wie ich das meiner Mutter vorschlug. Theoretisch wäre eine Zivilklage möglich gewesen, aber der puritanisch-patriarchalische Zusammenhang schloss Geldforderungen des Fabrikbesitzers gegen den Arbeiter aus.

Das Verbrechen verbindet sich mit der ganzen Gesellschaft

Ich wurde dafür gelobt, dass ich mich nicht gewehrt hatte. Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Da war mein scheußlicher alter Lodenmantel, eine Kreuzung des Puritanismus mit der Mimikri an das oberbayerische Umfeld, den ich tragen musste und den ich hasste. Diesen Mantel sollte ich ausziehen, befahl mir der Verbrecher als Erstes. Meine Todesangst, während ich begann, den Mantel aufzuknöpfen. Dann geschah etwas Unerwartetes, ein Zögern und Überlegen, auch aufseiten des Verbrechers. Ich weiß nicht, was ihn dazu bewegte, aber schließlich sagte er, dass ich den Mantel anlassen dürfe und mich hinknien solle. Als er sich fertig befriedigt und ich ausgespuckt hatte, musste ich langsam bis hundert zählen. Er verschwand, und ich zählte, langsam, genau wie er befohlen hatte, bevor ich mein Fahrrad suchen ging, das er in den Wald geworfen hatte.

In den Wochen nach dem Verbrechen merkte ich an den Reaktionen von Männern in meinem Umfeld, dass ich in ihren Augen meine Unschuld verloren hatte. Das Stigma der Vergewaltigung war da, bevor ich überhaupt geschlechtsreif wurde. Ohne mich zu fragen, wurde beschlossen, dass eine Therapie nicht nötig war. Ohne mich zu fragen, wurde beschlossen, dass ich vor Gericht nicht aussagen musste.

Ich wüsste heute gerne, ob dafür ein Preis bezahlt wurde, und ob der Verbrecher mit meiner Aussage härter bestraft worden wäre. Er hatte vor mir noch ein anderes Kind in seine Gewalt gebracht. Er wurde schließlich zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, ich weiß nicht, ob zur Bewährung. Um die Gerichtsakte einzusehen, bräuchte ich einen Rechtsanwalt. Warum habe ich nicht das Recht, auch ohne Rechtsbeistand, die Akte einzusehen? Durch den Gerichtsprozess hat der Staat Anteil an dem Zusammenhang, aus dem ich mir das Verbrechen erkläre.

Ich kann nur vermuten, dass das Gericht zu Gunsten des Verbrechers ausgelegt hat, dass ich mich nicht gewehrt habe. Ich kann nur vermuten, dass das Gericht sich keine Vorstellung davon gemacht hat, dass ein Kind die erzwungenen sexuellen Handlungen an dem Verbrecher, auch mit dem Mund, als weniger bedrohlich empfand als die Aussicht, selbst nackt zu sein.

Dieses Verbrechen, das so viel schlimmer hätte sein können, schubste mich in eine Jugend, die nicht schön war, aber ebenfalls viel schlimmer hätte sein können. Am Ende dieser Jugend hat der giftige Seidelbast mir ein Zeichen gegeben und dieses Zeichen würde ich gerne an alle anderen Vergewaltigungsopfer weitergeben: Es liegt an uns, damit aufzuhören, das Verbrechen zu privatisieren. Das Verbrechen ist keine Angelegenheit, die wir allein mit dem Täter, mit Gott oder mit der Natur auszumachen hätten, sondern es verbindet sich mit der ganzen Gesellschaft.