Es ist schon eine Weile her, dass man in Weimar nicht nur den Denkmälern weltberühmter Denker über den Weg gelaufen ist, sondern den weltberühmten Denkern selbst. Das Goethe Institut wollte das offensichtlich ändern, weshalb es in Weimar ein internationales Kultursymposium ausgerichtet hat. Normalerweise finden diese Festivals für freies Denken in den Metropolen statt, doch einige der meist zitierten Intellektuellen der Welt sind nun dahin gekommen sind, wo man Rainald Grebe zufolge sonst immer nur drüberfliegt: nach Thüringen. Eva Illouz, Jeremy Rifkin, Evgeny Morozov, Joseph Vogl, Hafsat Abiola waren da und einige andere mehr.

Und wenn die ganze Welt mitreden soll, muss das Festival auch ein Thema haben, zum dem die ganze Welt etwas zu sagen hat. In diesem Fall war es die Sharing Economy. Die fünf wichtigsten Erkenntnisse:

1. Unsere Gesellschaft funktioniert größtenteils ohne Geld

Wir leben längst in einer Sharing Economy, erklärte der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček in seiner Eröffnungsrede. Eigentlich braucht man Geld nur, wenn man sich aus seiner eigenen Organisation herausbewegt. Kollegen in einer Firma stellen sich beispielsweise untereinander keine Rechnungen aus und auch innerhalb der Familie wird niemand für seine Dienste bezahlt, wenn er zum Beispiel den Müll runterbringt oder das Abendessen zubereitet. In diesen Sphären hat Geld sogar tendenziell etwas Anstößiges: Um zum Beispiel einem Verwandten kein Geld schenken zu müssen, nimmt man heute die Mühe auf sich, in das Lieblingsgeschäft dieses Verwandten zu gehen, einen Geschenkgutschein zu kaufen und statt des Geldes dann diesen Geschenkgutschein zu verschenken. Und auf Hochzeiten, wo auch in westlichen Gesellschaften Geld verschenkt wird, versteckt man es verschämt in Umschlägen.

Die israelische Soziologin Eva Illouz wandte ein, dass Männer Frauen natürlich jahrhundertelang auch im Westen für ihre Dienste bezahlt haben, schon weil sie kein eigenes Geld verdienen konnten und dass bis heute viele Familien so funktionierten. Der Aufstieg der Geschenkgutscheine zeige lediglich, dass wir unsere sozialen Beziehungen zu einer Sache von Transaktionen reduzierten. Aber Sedláček blieb dabei: Auch wenn der Mann in einer Familie der einzige ist, der Geld verdient, bekommt er von seiner Frau keine Rechnungen und er bezahlt sie auch nicht. Der Sinn von Geschenkgutscheinen bestehe eben gerade darin, dass sie kein Geld seien.

2. Es gibt nicht nur ein Internet, sondern drei

Industrielle Revolutionen hängen von drei Kriterien ab, sagte Jeremy Rifkin in Weimar: Kommunikation, Energie, Transport. Die erste industrielle Revolution wurde vom Telegrafen, der Kohle und der Lokomotive ausgelöst, die zweite von Telefon, Öl und Auto. Was wir gerade erlebten, sei die Frühphase der dritten industriellen Revolution, in der sich all diese drei Bereiche in ein dezentrales Internet verwandelten. Am sichtbarsten sei das bei der Kommunikation, aber auch die Energieversorgung werde zusehends dezentral: Schon heute würden Millionen Europäer anhand von Solaranlagen ihren eigenen Strom erzeugen und die Überschüsse an die großen Versorger verkaufen. Und je effektiver die Solaranlagen würden, desto eher lohne sich das.

Die großen Energieunternehmen verwandelten sich gerade von Versorgern zu Sharing-Plattformen: Was Facebook für die Kommunikation sei, müssten RWE, EDF und die anderen  für die Energie werden. Und schließlich: Transport. Vor allem in den USA wollten junge Städter nicht mehr unbedingt ein Auto besitzen, Car Sharing genüge ihnen vollkommen. Autokonzerne reagieren, indem sie sich neue Geschäftsfelder suchen, vor allem im Bereich Big Data: Daimler habe zum Beispiel schon heute 300.000 LKWs mit Sensoren ausgestattet, die Daten über Verkehr und Wetter sammeln und zurück in die Zentrale schicken.

3. Früher waren Wirtschaftssysteme durch eine Mauer getrennt, heute sind sie eine Frage der politischen Einstellung


Sowohl Tomáš Sedláček als auch Jeremy Rifkin halten das freiwillige Kollektiv für die Organisationsform der Zukunft: Wenn sich Gleichgesinnte in einer Region zusammenschließen, erlaubt es ihnen die Technologie, sich von den Angeboten großer Konzerne größtenteils unabhängig zu machen: Sie können relativ preiswert ihren eigenen Strom herstellen, ihre Autos teilen oder in einer großen Kompostierungsanlage Gas produzieren. Das wäre die sozusagen die sozialistische Variante der Sharing Economy. Man kann aber auch Plattformen bauen, auf denen das Sharing gegen Daten oder eine Provision angeboten wird und auf diese Weise Profite erwirtschaften. Die Schwelle zum Unternehmertum ist heute so niedrig wie nie: Um eine App zu programmieren, braucht man kaum Startkapital. Am wahrscheinlichsten ist, dass es auf eine Mischform hinauslaufen wird.