Seine härteste Waffe im Kampf für eine schlechte Stimmung gegenüber Flüchtlingen im Land ist sein Statistikrevolver. Wenn er sich in der Flüchtlingsfrage nicht anders zu helfen weiß – und das kommt öfter vor –  macht er peng, peng! Sobald die Stimmung sich beruhigt, die Talkshows Ruhe damit geben, im Akkord Antiflüchtlingsopern zu inszenieren, dann lädt Thomas de Maizière durch.

Es fing schon im September 2010 an. Da ließ der Bundesinnenminister in einem Politformat der ARD namens Bericht aus Berlin, verlautbaren, dass es:

... "vielleicht zehn bis 15 Prozent wirkliche Integrationsverweigerer gibt, um die man sich verstärkt kümmern muss."

Bemerkenswert an dieser Aussage ist natürlich nicht, dass die Zahl nicht stimmt. Ebenfalls geschenkt, dass das Gegenteil von dem wahr ist, was der Minister suggeriert. Integrationskurse sind nicht in Hülle und Fülle vorhanden, die Liste der Anwärter aber ist lang. Spektakulär an dieser Aussage ist das fast unscheinbare Modalpartikelchen "vielleicht". Diese zarte Einschränkung einer nicht existierenden Erhebung, was ist das? Munition für Rechtsaußen? Statistische Poesie?

Seit sechs Jahren schraubt sich der Minister an seiner eigenen Dichtung hoch und nervt durch alle Instanzen, bis er es in diesem Jahr endlich geschafft hat: Als Folge einer nicht existierenden Integrationsverweigerung werden Asylbewerbern seit dem Asylpaket II zehn Euro von ihren unüppigen Leistungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz für die Kurse abgezogen. Die Regierung ermöglicht ihnen künftig als freundliches Entgegenkommen, noch länger in einer Erstaufnahmeeinrichtung bleiben zu müssen. Weil es sich auf der Pritsche eines Doppelstockbettes in einer Massenunterkunft einfach besser Vokabeln pauken lässt. Vorausgesetzt, dass man von der Gnade einer goldbestäubten, seltenen Kostbarkeit eines Kurses unserer Dichter- und Denkernation ergriffen wird.

Der Weg des Ministers, Politik zu gestalten, geht so: Scheinrealitäten inszenieren, Prosa erfinden, Gesetzesverschärfungen einführen. Er ist damit sehr erfolgreich. Und deshalb gibt es gar keinen Grund von dieser Methode abzulassen, die natürlich immer so aussieht, als sei Thomas de Maizière extrem busy, extrem geschäftig, extrem im Thema. Vor allem sieht es so aus, als würde er Politik für Geflohene machen. Dabei macht der Minister Politik für, tja, wie soll man sagen, Wähler, die er sehen würde, wenn er seinen Kopf stark nach rechts dreht. Natürlich nicht zu weit. Nicht, dass er noch einen Knacks davon bekommt. 

Das nächste Peng folgte 2015.

"30 Prozent der Flüchtlinge" gäben sich fälschlicherweise als Syrer aus. Von falschen Pässen war die Rede. Vom Erschleichen eines Asyls für das kein Anspruch bestehe. Die 30 Prozent falscher Syrer waren natürlich wie vieles, was aus de Maizières Statistikpistole über Geflohene kommt, erfunden.

Das Innenministerium musste auf Nachfrage zugeben, dass es "kein belastbares Zahlenmaterial zu Täuschungen über die Staatsangehörigkeit bei Asylsuchenden" gebe. Die Richtigstellung las sich wie eine beschämte Distanzierung vom Chef.

Im selben Jahr sprach der Minister viel über die Asylsuchenden. Von ihrer Undankbarkeit war die Rede, von Taxifahrten durch das Land. Ihnen würde das Essen nicht schmecken, sie wären dies und sie wären das. Keine Banalität war dem Minister zu albern, als dass er sie nicht zur Skandalisierung verwertet hätte. Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass sich hinter dem vertrockneten Duktus eine große Wut angestaut haben muss. Es gibt einfach keinen einzigen vernünftigen Grund dafür, dass er den Flüchtlingen in einer Tour seine persönlichen Vorurteile unterstellt. Denn es stimmt ja einfach gar nichts, was er über sie sagt. Und wenn es einmal eine Gelegenheit gibt, dass er einen von ihnen in Schutz nimmt, dann lässt er die Chance nicht etwa einfach sausen, sondern gibt noch einen mit. Das war nach Clausnitz. Als ein Flüchtlingsjunge im Polizeigriff den Bus verlassen musste und durch einen entfesselten Mob hindurch in die Aufnahmeeinrichtung geschleppt wurde. Es hieß, dass der Junge (nicht der Polizist) mit einer Anzeige zu rechnen habe. Der Innenminister fand das rechtmäßig und ordnungsgemäß.