Wer sich dieser Tage vom Berliner Alexanderplatz in Richtung Brandenburger Tor bewegt, trifft etwa in Höhe des künftigen Humboldt-Forums auf ein provisorisches Schild, das rechts "echte Tiger" verspricht. In das Humboldt-Forum wird 2019 das Ethnologische Museum Dahlem ziehen. Nach dem Willen der Kulturstaatsministerin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sollen die wertvollen Artefakte außereuropäischer Kulturen nicht länger an der Peripherie, sondern explizit im Zentrum der weltoffenen Hauptstadt präsentiert werden.

Das muss man nicht wissen, um die Einladung zu den Tigern verführerisch zu finden. Es genügt die Aussicht auf lebendige Exotik, die Touristen wie Berliner gleichermaßen rechts abbiegen lässt – wo sie sich kurz darauf vor einem großen Glaskäfig finden und einigermaßen irritiert auf vier geschmeidige Tiger sowie eine blinkende LED-Anzeige blicken. "Flüchtlinge fressen" steht da in roten Lettern.

"Flüchtlinge fressen" ist die jüngste Aktion des Zentrum für Politische Schönheit (ZPS). Die Gruppe um Philipp Ruch hat in den vergangenen Jahren immer wieder mit extrem provokativen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf sich, vor allem aber auf die Diskrepanz zwischen unseren Werten und politischem Handeln aufmerksam gemacht. Nach der Kindertransporthilfe des Bundes, Die Toten kommen und dem Ersten Europäischen Mauerfall geht es erneut um tatkräftige Hilfe für Flüchtende beziehungsweise die Schaffung einer Unsicherheitszone zwischen Fake und Wahrheit, Zynismus und Realpolitik.

Christiane Kühl, geboren 1966, lebt als freie Journalistin und Theatermacherin in Berlin. 2015 kuratierte sie für den steirischen herbst das Theorieprogramm "Future Perfect. Dystopia, disruption and alternatives". Für die Frankfurter Positionen 2017 entwickelt sie mit dem Videokünstler Chris Kondek eine Performance zum Thema digitale/bürokratische Doppel. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Chris Kondek

Die Arena vor dem Maxim Gorki Theater ist dabei nur die spektakuläre Kulisse des Projekts, das mit einem Image-Film im Netz beginnt, durch Online-Abstimmung dramaturgische Steigerung erfährt und seinen Höhepunkt in die Bundestagssitzung am 24. Juni verlegt. Ob es danach zur Katastrophe kommt (Stichwort Tiger) oder zur Katharsis (Stichwort Joachim 1, dazu gleich mehr) entscheidet sich dort. Kunst kann Horizonte öffnen, aber Asylpolitik bleibt ein Staatsstück. "Wir proben beides, Utopie und Dystopie", sagte André Leipold vom ZPS auf einer im Theater einberufenen "Bundeserpressungskonferenz".

Konkret geht es dem ZPS um die Abschaffung von Paragraf 63, Absatz 3 des Aufenthaltsgesetzes. Der Paragraf besagt, dass Transportunternehmen, die Reisende ohne gültigen Aufenthaltstitel an Bord nehmen, hohe Strafen zahlen und die Personen auf eigene Kosten rückführen müssen. Entsprechend können Flüchtlinge nicht einfach eine Fähre oder ein Flugzeug nach Europa nehmen, sondern müssen ihr Leben auf Schlauchboten im Mittelmeer riskieren. Selbst dann, wenn sie wie etwa syrische Bürgerkriegsflüchtlinge mit hoher Wahrscheinlichkeit Anrecht auf Asyl in Deutschland haben und ein Visum im Heimatland gar nicht mehr beantragen können, da die deutsche Botschaft in Damaskus längst geschlossen ist. Statt 300 Euro für ein Flugticket, zahlen sie so 3.000 Euro an Schlepper und verhundertfachen die Wahrscheinlichkeit, unterwegs zu ertrinken. Yasser Allmamoun, Architekt und "Außenminister" des ZPS, sagt, er habe bereits 2015 den Vorschlag gemacht, dass migrationswillige Syrer 10.000 Euro auf ein Konto der Deutschen Bank zahlen könnten, um nach einer ordentlichen Überfahrt mit diesem Geld das erste Jahr in der Fremde zu finanzieren. Dieselbe Summe musste der Syrer einst für sein Studentenvisum vorstrecken. Er bekam keine Antwort.

Neun Todeswillige haben sich gemeldet

Deshalb nimmt das ZPS nun gewissermaßen die Alternative selbst in die Hand. Über Crowdfunding wollen sie eine Boeing chartern, getauft auf den schönen Namen Joachim 1. Mehr als die Hälfte der erforderlichen Summe wurde bereits gespendet. Am 28. Juni soll die Joachim 1 als "Flugbereitschaft der deutschen Zivilgesellschaft" von Izmir nach Berlin fliegen – mit 100 Syrern an Board. 100 Syrer, die kein Visum, aber Familie in Deutschland haben. Gnade vor Recht ist die Losung, aber das Ziel ein anderes: Gnade in Recht zu verwandeln, indem auf der Bundestagssitzung am 24. Juni Bundespräsident Joachim Gauck als "letzte und schönste Amtshandlung" den Paragrafen kippt und die Menschen legal abheben dürfen.

Bis dahin darf das Publikum online abstimmen, welche der in Kurzvideos vorgestellten Flüchtlingsfamilien einen Platz in der Maschine bekommen. Für den Fall, dass niemand reisen darf, weil der Bundestag sich abschlägig (oder, wahrscheinlicher, gar nicht) verhält, sucht das Zentrum für Politische Schönheit Flüchtlinge, die sich aus purer Verzweiflung am kommenden Dienstag öffentlich den Tigern zum Fraß vorwerfen. Bis Redaktionsschluss haben sich nach Angabe des ZPS bereits neun Todeswillige gemeldet. Auch eine Art, die Peripherie ins Zentrum zu holen. Not und Spiele. Irgendjemand muss sich eben für die europäischen Ideale opfern.

Darf man so zynisch auf Zynismus reagieren?

Das Bundesinnenministerium (BMI) twitterte umgehend "Die Aktion ist zynisch & wird auf dem Rücken der Schutzbedürftigen ausgetragen." Der Zynismus ist nicht von der Hand zu weisen. Allein, wie so ziemlich alle auf der Homepage des BMI nachzulesenden Reaktionen auf den Tweet belegen: Die EU-Politik wird als zynischer wahrgenommen. Und da man in letzter Zeit das Gefühl hat, Regierungen, auch der deutschen, etwas Nachhilfe in puncto Kunstpraxis geben zu müssen, sei auch hier betont: Kunst ist ein Referenzsystem. Künstler sagen nicht unbedingt 1:1, was sie meinen, sondern überspitzen gelegentlich, um auf aktuelle Verhältnisse zu verweisen. 

So spricht das ZPS von einem "hyperrealen Rom", das sie vor dem Gorki Theater "im Zentrum des europäischen Reiches" errichtet hätten. Die "libyschen Tiger" seien ihnen vom "türkischen Großdiktator" geschenkt worden. Wem es an der Exekutive nicht auffällt, realisiert es vielleicht an der Fauna: Es gibt keine libyschen Tiger. Anders als etwa der spanische Künstler Santiago Sierra, der Kubanern Dollars zahlte, damit sie sich in seinem Namen eine Linie auf den Rücken tätowierten, möchte das ZPS nicht, dass sich wirklich jemand in die Arena wirft. Nichtsdestotrotz hat das Straßen- und Grünflächenamt der Stadt Berlin heute den Abbau der Arena angeordnet. "Flüchtlinge fressen", so die Begründung, sei "eine politische Meinungskundgebung" und das Amt für politische Versammlungen nicht zuständig. Das Gorki Theater will gegen die Anordnung Widerspruch einlegen, da es sich um ein angemeldetes Kunstprojekt handele und auch provokative Kunst durch das Grundgesetz geschützt sei.

Aus kunstkritischer Perspektive wiederum ist dem ZPS anzukreiden, dass es sich sehr dicht an einer Aktion von Christoph Schlingensief bewegt. Der hatte unter dem Titel Ausländer raus im Juni 2000 vor dem Wiener Opernhaus Container aufgestellt, in denen vermeintliche Flüchtlinge lebten und in Big-Brother-Manier über Kameras rund um die Uhr zu beobachten waren. Die Österreicher konnten damals abstimmen, wer abgeschoben wird – ein Projekt, das in Politik, Medien und bei Wiener Bürgern Aufruhr und extreme Abwehrreaktionen herausgefordert hatte. Aber vielleicht ist Flüchtlinge fressen, mithin Notleidende in den sicheren Tod statt ins Ungewisse abzuschieben, auf der symbolischen Ebene auch die logische, den aktuellen Verhältnissen entsprechende Weiterentwicklung von Ausländer raus. Schlingensiefs Wunschtitel, Erste Europäische Konzentrationswoche, war ihm übrigens ebenfalls untersagt worden – er entschied sich stattdessen für Bitte liebt Österreich! als Untertitel. Bitte liebt Europa! könnte das Grünflächenamt bestimmt ebenfalls beruhigen. Und deckte sich hundertprozentig mit den Wünschen des ZPS.

Was tut eigentlich die Tech-Branche?

Kann Kunst weniger zynisch auf die Paradoxien der westlichen Werte und Gesetze reagieren? Selbstverständlich. Es gibt eine Reihe von Projekten, die nicht über, sondern mit Migranten auf der Bühne arbeiten. Nicht immer ist die Grenze zwischen Kunst, Theaterpädagogik und Sozialarbeit dabei klar erkennbar. Geht es trotz Zynismus weniger marktschreierisch? Auch das. Auf der Berlin Biennale läuft gerade eine subtile Videoarbeit des 1979 geborenen Christopher Kulendran Thomas, New Eelam. Im ersten Teil beschreibt die Arbeit das Scheitern der Befreiungsbewegung Sri Lankas, der Heimat der Vorfahren des Künstlers, und die Verwandlung Colombos in einen internationalen Kunst-Hotspot. Im letzten Teil geriert sie sich als Werbefilm einer App, die "Liquid Citizenship" verspricht. Stell Dir vor, man könnte mithilfe von Smartphones ein "Zuhause streamen" und jenseits aller nationalstaatlichen Grenzen überall auf der Welt jederzeit ein cooles Apartment mit Designermöbeln downloaden. "We are making it as simple as a flatrate monthly subscription. Because we want to enable a more fluid form of citizenship beyond borders", verspricht eine Frauenstimme: "So that the whole world can be our home."

Großartig wäre das, wenn das Silicon Valley sich der echten Probleme des 21. Jahrhunderts annehmen würde. Tut es aber bislang nicht. Und auch auf der Bundestagssitzung kommenden Freitag wird nicht über Streaming homes diskutiert werden. Über den Paragrafen 63 schon, wie Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen, auf einer der abendlichen, kostenlosen Begleitveranstaltungen im Garten des Gorki Theaters versprach. Damit hat das Zentrum für Politische Schönheit eine Menge erreicht in einer Zeit, in der man hinter das Schild zu den Raubtieren eigentlich nicht "rechts", sondern ehrlicherweise "toutes directions" schreiben müsste.