Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Christopher Roman weiß es offensichtlich auch nicht. Wie er da steht, in seinem knappen Unterhöschen, mit verschmiertem Lippenstift, der Stirn in feinen Falten. So hat man den ehemaligen Forsythe-Tänzer bislang nicht gesehen: so zerbrechlich, verletzlich und auch ein bisschen aufmüpfig. "Mensch Mutti", beschwert er sich in seinem herrlich mäkeligen Divensolo über all die unverstandenen Momente im Leben und kündigt an, dass damit nun Schluss sei. 7 Dialogues, das er Anfang des Jahres mit seiner neuen Kompanie Dance Onpräsentiert hat, ist ein Neuanfang. Denn Christopher Roman hat beschlossen, endlich nicht mehr nach den Vorstellungen anderer zu tanzen. Nicht mehr den großen Ballettmeistern zuzuarbeiten, nicht mehr den eigenen Körper zu schikanieren. Er ist jetzt 45, gehört in Tänzerjahren zum alten Eisen und sieht darin – mittlerweile – die große Chance.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin "Comtemporary And". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Er brauchte etwas Zeit, um sich in das Projekt der Tanzagentur Diehl + Ritter reinzudenken. Man hatte ihm die Leitung eines Ensembles für Tänzer ab 40 vorgeschlagen, eine Art Auffangbecken für jene, die vor allem auf Ballettbühnen kaum noch Chancen auf Engagements hatten. Vermarktungsstrategie des neuen Ensembles: Auch ältere Tänzer können noch was. Wieder regelmäßig auf der Bühne stehen, in zeitgenössischen Choreografien die Möglichkeiten des nicht mehr ganz jungen Körpers erproben, eigene Geschichten erzählen, all das klang großartig. Doch mit dem Label des Projektes fremdelten Roman und die anderen ehemaligen Ballettstars. Alt fühlte sich nämlich keiner von ihnen. "Wir schleppen uns schließlich nicht mit letzter Kraft auf die Bühne", sagt Brit Rodemund (45), einst eine der jüngsten Solistinnen des Berliner Staatsballetts. Und genau deshalb will sie sich mit Dance On nun doch zum Thema Alter positionieren. Denn natürlich ist es absurd, dass der Jugendwahn, der die klassischen Bühnen und ihr Publikum fest im Griff hat, aus agilen Tänzern um die 40 bereits Rentner machen will. Doch unreflektierte Altersbilder sind auch ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem. Der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit begegnet niemand unbefangen.

Ich will gar nicht so tun, als hätte ich selbst ein realistisches Verhältnis zum Thema: Ich bin 41, wähne mein eigenes Altwerden in weiter Ferne und muss mich manchmal dran erinnern, eben doch nicht mehr Teil einer Jugendbewegung zu sein. All das wäre nicht weiter schlimm, wenn das Irgendwie-noch-jung-Sein von einem Noch-nicht-ganz-alt-Sein abgelöst würde. Mir scheint es jedoch, als hätten die meisten von uns noch immer äußerst eng gefasste Vorstellungen von Jung und Alt, die letztlich wenig Platz für ein Dazwischen lassen. Die medial vermittelten Altersbilder erschöpfen sich doch meist in werbewirksam lustigen Rentnergangs oder scheinbar unabwendbaren Schreckensvisionen von Armut, Einsamkeit und Krankheit. Christopher Roman, Brit Rodemund und die vier Kollegen erforschen nun tänzerisch Alternativbilder. Sie schließen sich weder dem kommerzialisierten Jugendwahn an, noch suhlen sie sich in Zukunftsängsten. Sie wehren sich schlicht gegen klischeehafte Altersvorstellungen und fordern Durchlässigkeit in der Wahrnehmung – von der Gesellschaft und vom Tanz.

Der blutjunge Schwan – überschätzt

Die vorhersehbare Selbstironie ist dabei impliziert. In der Probe zumindest zerlegen die Tänzer ihre Erinnerung an Schwanensee-Zeiten, deuten Hebefiguren nur noch im Sitzen an, freuen sich darüber, dass sie das alles nicht mehr müssen. Keiner von ihnen legt sich heute noch mit der Schwerkraft an, gemütlich folgen ihre Oberkörper der Musik aus einem iPhone. Christopher Roman reicht sein Handy herum, über dessen Bildschirm ein YouTube-Film mit einer aktuellen Inszenierung flimmert. Mit etwas Mühe würde das Ensemble wohl auch noch hinbekommen, was ein blutjunger Schwan da hinlegt. Will es aber gar nicht.

"Das hat nicht unbedingt mit schwindender Leistungsfähigkeit zu tun", sagt Christopher Roman. "Probleme mit dem Körper haben wir schließlich während unserer ganzen Laufbahn." Vielmehr störe ihn die fehlende Fantasie in der gesamten Tanzwelt, die einfach zu wenig Stoffe für Tänzer jenseits der 40 entwickle. Auch dem Publikum ist der Anblick eines reifen Tänzers noch immer nicht selbstverständlich. Wenn Vladimir Malakhov (48) vom Staatsballett sich vollschlank entblößt neben den Jüngsten seines Ensembles präsentiert, um sich mit einem letzten anrührenden Auftritt zu verabschieden, gibt's dafür viel Applaus. Doch man hört genauso viele Stimmen, die sagen: Jetzt reicht's. Mit der 95-jährigen Anna Halprin, die gerade ihr Comeback feiert, muss man in den USA auch erst mal warm werden.

Die meisten schaffen es ohnehin gar nicht erst so weit, müssen viel früher das Feld räumen, um Jüngeren die Bühne zu überlassen. Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen wie Pina Bausch oder Margot Fonteyn. Doch insgesamt scheint sich noch immer ein leichtes Unbehagen beim Anblick älterer Tänzer breitzumachen. Vielleicht auch, weil die Vergänglichkeit, die der Tanz sonst so wirkungsvoll überspielt, mit ihnen in den Fokus rückt. Denn die Vergänglichkeit, die hinter jedem perfekt sitzenden Jeté lauert, behagt den meisten nicht. Reife Tänzer, die uns durch schlichte Präsenz an sie erinnern, erst recht nicht.

Muss Tanzen denn immer Hochleistungssport sein?

Brit Rodemunds 17-jährige Tochter würde ihrer Mutter die ersten grauen Strähnen gern färben, doch die Tänzerin selbst findet die nun wirklich gar nicht problematisch. Sie hat schließlich echte Ängste: "Was, wenn ich eines Tages nicht mehr tanzen kann?", die Frage stellt sie sich seit mehr als 20 Jahren. Viele ihrer Kollegen würden behaupten, der Tag sei mittlerweile gekommen. Doch das kümmert Rodemund längst nicht mehr.

"Es ist zwar nicht so, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit einfach wäre", sagt sie. Doch was ist die Alternative? Vor ein paar Jahren hat sie lange darüber nachgedacht, ob sie bei der Arbeit an dem Stück revolver besorgen mitmachen soll. Die Choreografin Helena Waldmann hat sie schließlich überzeugt, die Demenzerkrankung ihres Vaters zu vertanzen. Wie Rodemund dabei vergnügt juchzend über die Bühne tobt und Momente später verschämt den Kopf hängen lässt; wie ihr das Gesicht entgleist, während sie ihre Schuhe anschreit; wie ihr der Sabber aus dem Mund läuft, während sie sich in den Schritt fasst, sich die Ohren zuhält, schreit, weil alles zu viel wird – so was kann man nur mit etwas Lebenserfahrung. 2011 ist Rodemund mit dem Stück übrigens zur Tänzerin des Jahres gewählt geworden. Sie war damals 40. Das lässt doch hoffen.