Die Zwangsberuhigung des Opernhauses verdanken wir dem 19. Jahrhundert. Sie wird häufig Richard Wagner angelastet, dabei war sie schon vor ihm im Gange und fand erst mit Mahlers Reformen an der Wiener Hofoper ihren Abschluss. War das Opernpublikum um 1800 ein fröhliches, lautes und mobiles Völkchen, war es um 1900 ungefähr so munter wie eine Grablegung.   

Heute sind die Lärmer und Claqueure verstummt. Entkörperlicht und starr soll das Publikum auf unbequemen Sitzen verharren, bis das Ende der Bühnenhandlung sie erlöst. Mit verlegenem Hüsteln verschafft sich der verdrängte Körper sporadische Aufmerksamkeit, aber selbst das Hüsteln wird geahndet. Als Mark Twain 1891 nach Bayreuth kam, meinte er, "mit den Toten in der Dunkelheit des Grabes zu sitzen," so still war es im Theater.

Ein einziges, aber umso mächtigeres Refugium der Insubordination ist unseren Körpern verblieben in diesem Imperium der Stille und der Starre: das Einschlafen.  

Anders als jene, die am falschen Ort klatschen oder zum unpassenden Zeitpunkt ein Bonbon auspacken, sind die Schläfer eher unter den passionierten Operngängern zu finden, als zöge sie ein Übermaß an Leidenschaft direkt in die Tiefen des Traumes. Selbst Twain scheint sich zu fragen, ob die Wachsfiguren, mit denen er Tristan und Isolde sah, ihre Emotionen nur gut verbargen, oder ob sie möglicherweise weggedämmert waren.

Gerade bei Wagnerianern, ob in Bayreuth oder anderswo, scheint das Einnicken dazuzugehören. Bei Menschen also, die sich Jahre im Voraus die Tickets gesichert haben, die eigens für den Ring nach Oberfranken oder ans Lincoln Center geflogen sind, die mit zweisprachigem Libretto auf den Holzstühlen sitzen, dem Vorspiel mit glänzenden Augen entgegenfiebern – nur um dann sanft einzuschlummern. Ihre Augen schließen sich beim Vorspiel, vielleicht noch vor Rührung, und so schnell sind sie weggetaucht, dass man bezweifelt, dass ihnen noch Zeit bleibt, sich zu sagen "Ich schlafe ein".

Wagners Maßlosigkeit fordert Tribut

Jeder Opernfan hat da seine eigenen Geschichten, die meisten dürften Wagneropern geschuldet sein. Wer in der Entführung aus dem Serail einschläft, hätte der Oper am fraglichen Abend einfach fernbleiben sollen; wer im Tristan wegdämmert, der sollte sich nicht zu viele Vorwürfe machen. Von Frauen im Abendkleid, deren Mund weit offenstand, habe ich gehört, von Herren, deren Schnarchen die Nebensitzer in Verlegenheit brachte, von Perlenketten, die mit jedem Atemzug klirrten, und von Haaren, die sich über die Armlehne auf die Beine des Vordermannes ergossen.

Ein wenig bizarr, dass das nur bedingt als Fauxpas gilt. Die meisten passionierten Wagnerianer, so scheint es, nehmen solche Zwischenfälle hin. Denn es ist ja in der Maßlosigkeit des Wagnerschen Opus angelegt, dass ein normalsterblicher Körper ihm kaum noch gerecht werden kann – für einen Sänger ist Wotans Monolog im zweiten Akt der Walküre eine körperliche Zumutung; für den Zuhörer eine kaum zu widerstehende Verlockung einzudösen. Hier bin ich Mensch, hier schlaf ich ein.

Beklagt wird allenfalls, dass es häufig gerade die psychologisch spannendsten Passagen sind, die einen aus Montsalvat in Hypnos Reich entführen. Das liegt allein am Lärmpegel. Wenn man schon einschlafen müsste, so sagt sich der eine oder andere Wagnerianer, warum dann nicht während der drögen Massenszenen am Gibichungenhof oder der elend langen Sängerwettbewerbe im Tannhäuser oder in den Meistersingern.

Aber irgendwie passt es ja: Auch Wagners Figuren verträumen oder verschlafen ihre eigenen Opern. Siegfried und Tristan treffen Entscheidungen im Traum oder in der Umnebelung. Senta, Elsa, Elisabeth und Brünnhilde erträumen sich ihre Geschichte, bevor sie sie erleben. Lägen wir da so falsch, wenn wir mitträumten?