Eine Frau gegen die Staatsgewalt: Ieshia Evans am 12. Juli 2016 in Baton Rouge © Jonathan Bachman/Reuters

Das Kleid von Ieshia Evans weht, doch sie selbst steht ganz ruhig auf der geräumten Straße. Vor ihr eine Front bepanzerter Männer, die eher wie Weltraumsoldaten aus einem Videospiel aussehen als wie die Polizisten, die sie sein sollen. Zwei von ihnen stehen direkt vor der Frau, in merkwürdigen Posen eingefroren. Die Männer sind weiß, die Frau ist schwarz.

Das Foto erinnert an die Bilder von den friedlichen Märschen der Bürgerrechtsbewegung der frühen Sechziger und an Friedensaktivistinnen, die während der Vietnamproteste Blumen in Waffen stecken. Evans ist selbstbewusst und stark, wie die beiden Olympioniken Tommie Smith und John Carlos, die 1968 bei der Medaillenverleihung in Mexico City die Faust erhoben. Freiheit gegen Gewalt, Würde gegen Unterdrückung, mit einer Botschaft: Black Lives Matter. Seit drei Jahren bringt diese Bewegung Polizeigewalt und Rassismus ins öffentliche Bewusstsein. So wurden sie zu Wahlkampfthemen. Nach den Ereignissen in Dallas sehen viele die Bewegung an einem Wendepunkt angekommen.

BLM, so die gängige Abkürzung, wurde vor genau drei Jahren geboren, am 13. Juli 2013. Als George Zimmerman in Florida des Mordes an Trayvon Martin freigesprochen wird, reagiert die Aktivistin Alicia Garza darauf mit einem Facebook-Post: Sie will ihren schwarzen Freunden versichern, dass "unsere Leben etwas bedeuten". Zusammen mit Patrisse Cullors und Opal Tometi gründet sie die Organisation mit dem Hashtag #blacklivesmatter.

Dieser Slogan ist Selbstbehauptung, Selbstversicherung: Das eigene Leben ist mehr als die Angst, dass eine falsche Geste, ein falsches Wort in einer Begegnung mit der Polizei das Ende bedeuten kann. Er fasst das Gefühl zusammen, mit der viele Mitglieder der afroamerikanischen Community, jedes einzelne mit einer indivuellen Erfahrung von Schikane oder Gewalt, der Polizei begegnen. Der Hashtag wird in sozialen Medien sofort für die Verbreitung von Nachrichten über andere Fälle von Polizeigewalt und Ausgrenzung benutzt.

Ein Jahr nach der Gründung wird in Ferguson, Missouri, der 18-jährige Michael Brown mit sieben Schüssen von dem Polizisten Darren Wilson getötet. Es kommt zu Aufständen und Protesten. Mit einem Freedom Ride, in Anlehnung an die Bürgerrechtsaktivisten Freedom Riders, die in den Sechzigern mit Bussen durch die Südstaaten fuhren, wächst BLM von einer Idee zu einer Bewegung. Im Chaos von Ferguson wird sie zur sichtbarsten und prominentesten Protestorganisation.

Die schwarze Bevölkerung erstickt

Mit geschicktem Einsatz sozialer Medien arbeitet BLM dafür, dass die Namen, Gesichter und Geschichten der von der Polizei getöteten Schwarzen nicht vergessen werden. Am 17. Juli 2014 wird der 43-jährige Eric Garner auf Staten Island vom Polizisten Daniel Pantaleo wegen des Verkaufs loser Zigaretten 19 Sekunden lang im Würgegriff gehalten, ein Freund von Garner filmt das Geschehen. Seine letzten Worte "I can't breathe" macht BLM zu einem Slogan, und zu einer Zustandsbeschreibung eines schwarzen Bewusstseins im permanenten Bedrohungszustand.

Auf Garner und Brown folgen Tamir Rice (12, Cleveland, zwei Schüsse in den Bauch wegen einer Spielzeugpistole), Laquan McDonald (17, Chicago, 16 Schüsse, neun davon in den Rücken), Sandra Bland (28, vermeintlicher Selbstmord in Haft nach einer Routineverkehrskontrolle), Walter Scott (50, North Charleston, fünf Schüsse), Tony Robinson (19, Madison, sieben Schüsse). Viele dieser Opfer waren unbewaffnet. Es ist eine nicht abreißende Kette von Gewalttaten, die sonst nur als "Tragödien" diskutiert werden, um Ursachen zu überspielen. BLM justiert die Perspektive.

Bis heute hat die Organisation keine feste Struktur. Es gibt 30 Ortsgruppen, eine davon außerhalb der USA in Toronto. Die Gründerinnen gehören zu den prominentesten Gesichtern der Gruppe, sind aber keine Anführerinnen. Als loser Verbund, den vor allem eine Idee eint, wird BLM immer wieder mit einer anderen Bewegung mit drei Buchstaben verglichen – OWS, Occupy Wall Street. Für viele Bürgerrechtsaktivisten eine unpassende Analogie: Die zwei Monate im Zuccotti Park unter dem Motto "We Are The 99%" waren ein schöner utopischer Traum, der schneller verpufft ist, als man "Spätkapitalismus" sagen kann.