Didier Eribon ist etwas gelungen, was nicht nur in Frankreich eher selten vorkommt: Obwohl er 1953 in eine Fabrikarbeiterfamilie in Frankreichs Nordosten hineingeboren wurde, ist er heute ein renommierter Soziologe, Foucault-Biograf, LGBT-Aktivist und öffentlicher Intellektueller. Im Jahr 2009 hat er in Frankreich das Buch "Retour à Reims" (Rückkehr nach Reims) veröffentlicht, in dem es unter anderem um die Frage geht, warum bis heute so wenigen Arbeiterkindern der soziale Aufstieg gelingt. Das Buch ist gleichzeitig ein Roman und eine soziologische Studie: Eribon hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, als ihn die Nachricht vom nahen Tod seines Vaters erreichte. Er kehrte zurück und stellte fest, dass aus seiner ehemals zutiefst kommunistischen Familie in der Zwischenzeit Wähler des rechtsextremen Front National (FN) geworden waren. Jetzt ist das Buch auf Deutsch erschienen (Edition Suhrkamp) und es entwickelt sich gerade zu einem Überraschungserfolg: Die erste Auflage war kurz nach Erscheinen vergriffen, die zweite neigt sich gerade dem Ende zu. Zeit für ein Treffen in Paris.


ZEIT ONLINE: Monsieur Eribon, am besten beginnen wir das Gespräch mit Ihrer Mutter. In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Ihre Mutter für den Front National gestimmt hat, obwohl die Partei Abtreibungen verbieten möchte und Ihre Mutter selbst eine Abtreibung hatte. Als Sie sie zur Rede stellen, sagt sie: "Das ist nicht das, wofür ich sie gewählt habe." Beim britischen EU-Referendum ist uns jetzt etwas Ähnliches begegnet: Die Leute stimmen gegen ihre eigenen Interessen. Wie kommt das?

Didier Eribon: Die Abtreibung ist noch das Geringste. Meine Mutter hätte noch viel mehr zu verlieren, wenn der Front National tatsächlich das Land regieren würde: die Sozialleistungen, die kostenlose medizinische Versorgung. Sie ist eine alte Frau, die immer schwer gearbeitet hat. Ihr körperlicher Zustand ist nicht besonders gut. Eine FN-Regierung wäre verheerend für sie. Und sie ist sich auch vollkommen im Klaren darüber. Nur ein einziges Mal habe sie den Front National gewählt, hat sie gesagt, aber ich glaube ihr kein Wort.

ZEIT ONLINE: Was hat es also mit ihrer Stimme für den FN auf sich?

Eribon: Sie ist einfach mit ihrer Situation unzufrieden und weiß nicht, wie sie es sonst ausdrücken soll. Beim Brexit ist es ähnlich: Die Leute haben nicht gegen die EU gestimmt, weil sie glauben, danach wären die Dinge tatsächlich besser. Sie wollten vor allem ihre generelle Ablehnung zum Ausdruck bringen. Ich habe mich selbst gefragt, wie ich abgestimmt hätte. Würde ich dafür stimmen, in der EU in ihrer heutigen neoliberalen Form zu bleiben? Ganz klar: Nein. Aber möchte ich die EU verlassen? Natürlich nicht! Ein englischer Freund hat mir erzählt, dass es in Großbritannien einige Verrückte gab, die beide Optionen angekreuzt haben, Leave und Remain. Aber ich glaube, das hätte ich wahrscheinlich auch getan. Es ist die einzige vernünftige Entscheidung.

Der französische Soziologe und Autor Didier Eribon © Patrice Normand/Opale/Editions Fayard

ZEIT ONLINE: Weil es keine vernünftige Alternative gibt, bleibt nur die Sabotage?

Eribon: Auffallend ist, dass in England gerade die Arbeiter im Norden für den Brexit gestimmt haben, also in den Gegenden, in denen die Deindustrialisierung das Leben der Menschen vollkommen zerstört hat. Diese Leute haben nicht nur Geld verloren, sondern auch ihre Hoffnungen, ihr soziales Umfeld, ihr ganzes Leben. Das ist eins zu eins auf Frankreich übertragbar. Im deindustrialisierten Norden Frankreichs gibt es Gegenden, in denen der FN sechzig, siebzig Prozent der Stimmen bekommt. Dort haben die Menschen nicht das Gefühl, von der EU zu profitieren und oft haben sie damit auch einfach recht.

ZEIT ONLINE: Das erklärt aber noch nicht, warum sie rechts wählen und nicht zum Beispiel links.

Eribon: Die linke Politik steckt in einer schweren Krise, die sich seit Jahrzehnten angebahnt hat. Ich habe ein Buch darüber geschrieben, wie es dazu kommen konnte, D'une révolution conservatrice: In den Achtzigern haben linke Neokonservative mit Investorengeld Konferenzen organisiert, Seminare gegeben und mediale Debatten angezettelt mit dem Ziel, die Grenze zwischen rechts und links zu verwischen. Das war eine konzertierte Kampagne. Sie wollten all das abschaffen, worauf sich linkes Denken gründet: den Begriff der Klasse, die soziale Determination, die Ausbeutung der Arbeitskraft etc. Heute sehen wir, dass sie zum größten Teil erfolgreich waren.

ZEIT ONLINE: Woran sieht man das?

Eribon: Das beste Beispiel ist die sozialistische Partei Frankreichs: Wenn man heute einem sozialistischen Politiker gegenüber den Begriff der sozialen Klasse erwähnt, widerspricht er sofort und behauptet, so etwas existiere nicht mehr. Die französischen Linken glauben das wirklich und sind jetzt ganz verblüfft, weil sie feststellen, dass es doch noch eine Arbeiterklasse gibt. Es ist tragisch, dass die Arbeiter erst für den Front National, die AfD und den Brexit stimmen mussten, um auf sich aufmerksam zu machen. Der französische Premierminister Manuel Valls hat die französischen Demonstranten gerade abfällig "die alte Linke" genannt. Dabei ist es einfach die Linke. Das sind die Leute, die ihn gewählt haben. Doch statt ihnen zuzuhören, will er das Land modernisieren, und alle wissen, was das heißt: Abbau von Sozialleistungen, Einschränkungen von Arbeitnehmerrechten und so weiter.