Didier Eribon ist etwas gelungen, was nicht nur in Frankreich eher selten vorkommt: Obwohl er 1953 in eine Fabrikarbeiterfamilie in Frankreichs Nordosten hineingeboren wurde, ist er heute ein renommierter Soziologe, Foucault-Biograf, LGBT-Aktivist und öffentlicher Intellektueller. Im Jahr 2009 hat er in Frankreich das Buch "Retour à Reims" (Rückkehr nach Reims) veröffentlicht, in dem es unter anderem um die Frage geht, warum bis heute so wenigen Arbeiterkindern der soziale Aufstieg gelingt. Das Buch ist gleichzeitig ein Roman und eine soziologische Studie: Eribon hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, als ihn die Nachricht vom nahen Tod seines Vaters erreichte. Er kehrte zurück und stellte fest, dass aus seiner ehemals zutiefst kommunistischen Familie in der Zwischenzeit Wähler des rechtsextremen Front National (FN) geworden waren. Jetzt ist das Buch auf Deutsch erschienen (Edition Suhrkamp) und es entwickelt sich gerade zu einem Überraschungserfolg: Die erste Auflage war kurz nach Erscheinen vergriffen, die zweite neigt sich gerade dem Ende zu. Zeit für ein Treffen in Paris.


ZEIT ONLINE: Monsieur Eribon, am besten beginnen wir das Gespräch mit Ihrer Mutter. In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Ihre Mutter für den Front National gestimmt hat, obwohl die Partei Abtreibungen verbieten möchte und Ihre Mutter selbst eine Abtreibung hatte. Als Sie sie zur Rede stellen, sagt sie: "Das ist nicht das, wofür ich sie gewählt habe." Beim britischen EU-Referendum ist uns jetzt etwas Ähnliches begegnet: Die Leute stimmen gegen ihre eigenen Interessen. Wie kommt das?

Didier Eribon: Die Abtreibung ist noch das Geringste. Meine Mutter hätte noch viel mehr zu verlieren, wenn der Front National tatsächlich das Land regieren würde: die Sozialleistungen, die kostenlose medizinische Versorgung. Sie ist eine alte Frau, die immer schwer gearbeitet hat. Ihr körperlicher Zustand ist nicht besonders gut. Eine FN-Regierung wäre verheerend für sie. Und sie ist sich auch vollkommen im Klaren darüber. Nur ein einziges Mal habe sie den Front National gewählt, hat sie gesagt, aber ich glaube ihr kein Wort.

ZEIT ONLINE: Was hat es also mit ihrer Stimme für den FN auf sich?

Eribon: Sie ist einfach mit ihrer Situation unzufrieden und weiß nicht, wie sie es sonst ausdrücken soll. Beim Brexit ist es ähnlich: Die Leute haben nicht gegen die EU gestimmt, weil sie glauben, danach wären die Dinge tatsächlich besser. Sie wollten vor allem ihre generelle Ablehnung zum Ausdruck bringen. Ich habe mich selbst gefragt, wie ich abgestimmt hätte. Würde ich dafür stimmen, in der EU in ihrer heutigen neoliberalen Form zu bleiben? Ganz klar: Nein. Aber möchte ich die EU verlassen? Natürlich nicht! Ein englischer Freund hat mir erzählt, dass es in Großbritannien einige Verrückte gab, die beide Optionen angekreuzt haben, Leave und Remain. Aber ich glaube, das hätte ich wahrscheinlich auch getan. Es ist die einzige vernünftige Entscheidung.

Der französische Soziologe und Autor Didier Eribon © Patrice Normand/Opale/Editions Fayard

ZEIT ONLINE: Weil es keine vernünftige Alternative gibt, bleibt nur die Sabotage?

Eribon: Auffallend ist, dass in England gerade die Arbeiter im Norden für den Brexit gestimmt haben, also in den Gegenden, in denen die Deindustrialisierung das Leben der Menschen vollkommen zerstört hat. Diese Leute haben nicht nur Geld verloren, sondern auch ihre Hoffnungen, ihr soziales Umfeld, ihr ganzes Leben. Das ist eins zu eins auf Frankreich übertragbar. Im deindustrialisierten Norden Frankreichs gibt es Gegenden, in denen der FN sechzig, siebzig Prozent der Stimmen bekommt. Dort haben die Menschen nicht das Gefühl, von der EU zu profitieren und oft haben sie damit auch einfach recht.

ZEIT ONLINE: Das erklärt aber noch nicht, warum sie rechts wählen und nicht zum Beispiel links.

Eribon: Die linke Politik steckt in einer schweren Krise, die sich seit Jahrzehnten angebahnt hat. Ich habe ein Buch darüber geschrieben, wie es dazu kommen konnte, D'une révolution conservatrice: In den Achtzigern haben linke Neokonservative mit Investorengeld Konferenzen organisiert, Seminare gegeben und mediale Debatten angezettelt mit dem Ziel, die Grenze zwischen rechts und links zu verwischen. Das war eine konzertierte Kampagne. Sie wollten all das abschaffen, worauf sich linkes Denken gründet: den Begriff der Klasse, die soziale Determination, die Ausbeutung der Arbeitskraft etc. Heute sehen wir, dass sie zum größten Teil erfolgreich waren.

ZEIT ONLINE: Woran sieht man das?

Eribon: Das beste Beispiel ist die sozialistische Partei Frankreichs: Wenn man heute einem sozialistischen Politiker gegenüber den Begriff der sozialen Klasse erwähnt, widerspricht er sofort und behauptet, so etwas existiere nicht mehr. Die französischen Linken glauben das wirklich und sind jetzt ganz verblüfft, weil sie feststellen, dass es doch noch eine Arbeiterklasse gibt. Es ist tragisch, dass die Arbeiter erst für den Front National, die AfD und den Brexit stimmen mussten, um auf sich aufmerksam zu machen. Der französische Premierminister Manuel Valls hat die französischen Demonstranten gerade abfällig "die alte Linke" genannt. Dabei ist es einfach die Linke. Das sind die Leute, die ihn gewählt haben. Doch statt ihnen zuzuhören, will er das Land modernisieren, und alle wissen, was das heißt: Abbau von Sozialleistungen, Einschränkungen von Arbeitnehmerrechten und so weiter.

Die extreme Mitte

ZEIT ONLINE: Es gibt keine Partei mehr, die die Interessen der Arbeiter vertritt?

Eribon: Das Problem ist, dass Europa von einer Klasse regiert wird, die der britische Autor Tariq Ali einmal die "extreme Mitte" genannt hat: Diese Leute glauben, dass das, was den gut ausgebildeten Menschen in den Metropolen nützt, automatisch gut für alle ist. Das ist offensichtlich falsch: Es gibt in Europa sehr viele Menschen, die marginalisiert sind, die verzweifelt sind, die über das, was in ihrem Leben vor sich geht, wütend sind. Die nicht nur keine Arbeit haben, sondern die sich auch nicht mehr vorstellen können, dass sie jemals wieder einen Job bekommen werden oder dass es ihren Kindern eines Tages besser gehen wird. Und diese Leute haben kaum eine Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen: Wenn man keine Arbeit hat, kann man nicht streiken. Und wenn man einen Job hat, riskiert man, dass der befristete Vertrag nicht verlängert wird oder man während des Streiks nicht bezahlt wird, was sich viele schlicht nicht leisten können. Und wenn sie dann demonstrieren, wissen sie, dass das keinerlei Effekt haben wird, selbst wenn sie wie in Frankreich eine sogenannte linke Regierung haben. Die Leute, die in diesen Tagen auf die Straße gehen, haben die aktuelle Regierung gewählt, bekommen aber nun zu hören, dass ihre Meinung keine Rolle spielt. Was bleibt ihnen also anderes übrig, als nächstes Mal in Frankreich FN zu wählen, in Österreich FPÖ, in Großbritannien Brexit und in Deutschland AfD?

ZEIT ONLINE: Eine reine Protestwahl ist doch aber keine Lösung. Von den wirtschaftlichen Nachteilen, die Großbritannien jetzt erlebt, sind die Ärmsten am stärksten betroffen.

Eribon: Aber sie haben ihr erstes Ziel erreicht: Plötzlich reden alle darüber, wer diese Leute sind und was sie wohl wollen könnten. Sonst kommen sie im politischen Diskurs schlicht nicht vor. Die Frage ist eher: Wie ist es möglich, so viele Menschen im politischen Alltag zu ignorieren? In Europa wissen die Eliten nicht einmal, dass es in ihren Ländern echte Armut gibt. Ich sage seit Jahrzehnten, dass der FN eines Tages mehr als 20 Prozent erreichen wird. Aber immer hieß es, ich würde übertreiben. Dabei ist es offensichtlich: Auch wenn man den Menschen fast jede Möglichkeit nimmt, sich politisch auszudrücken, werden sie immer eine andere Möglichkeit finden, sich Gehör zu verschaffen. In den Sechzigern und Siebzigern gab es noch eine Linke, zumindest in Frankreich, in Italien und Spanien, die der Arbeiterklasse einen Rahmen gegeben hat, in dem sie sich selbst denken konnte. In diesem Rahmen war klar, was in ihrem Interesse liegt, was sie einfordern muss, was sie verteidigen muss.

ZEIT ONLINE: Mit Blick auf Jeremy Corbyn, Podemos, Syriza könnte man auch von einem linken Revival in Europa sprechen.

Eribon: Aber sind sie wirklich links? Schauen Sie sich die Sprache an: In Spanien benutzt Pablo Iglesias, der zentrale Kopf von Podemos, zum Beispiel ständig den Begriff la patria, die Nation. Das gesamte Programm basiert auf diesem Begriff. Er begreift nicht, dass das ein sehr gefährliches Wort ist, das historisch klar besetzt ist.

ZEIT ONLINE: Kann man nicht vielleicht links und nationalistisch zugleich sein?

Eribon: Ich kann gut verstehen, dass auch viele Franzosen für eine nationale Souveränität gegen die europäische Sparpolitik eintreten, die von einem hegemonialen Deutschland und der EZB durchgesetzt wird. Viele meiner Freunde denken so. Trotzdem ist es für mich sowohl politisch als auch theoretisch ein großer Fehler. Sobald man Begriffe wie Vaterland oder Nation im europäischen Diskurs von der Leine lässt, weiß man nicht, wohin sie einen tragen werden. Begriffe wie Globalisierung und Internationalismus hingegen sind heute eng mit dem Neoliberalismus verbunden, deshalb glauben viele Linke, man heiße automatisch den Neoliberalismus gut, wenn man sich für Internationalisierung ausspricht. Auf nationaler Ebene können wir dem, was der Neoliberalismus in unseren Ländern anrichtet, aber nicht entgegentreten.

Guter Nationalismus, schlechter Nationalismus

ZEIT ONLINE: Die Positionen der rechten Parteien zu adaptieren, um ihnen nicht das Monopol darauf zu überlassen, halten Sie also für den falschen Weg?

Eribon: Ja. Dass diese Misere ausgerechnet zu Lasten der Migranten geht, also auf dem Rücken der Ärmsten ausgetragen wird, ist vollkommen absurd. Den Flüchtlingen gegenüber haben wir nur eine Option: Wir müssen alles aufbieten, was in unserer Macht steht, um sie anständig willkommen zu heißen. Es wäre die Verantwortung linker Parteien, dafür zu kämpfen, dass das geschieht, und es ist eine Tragödie, dass sie es nicht tun. Die einzige Politikerin Europas, die auf die Lage der Flüchtlinge eine humane, vernünftige Reaktion gezeigt hat, ist Angela Merkel. Für einen Linken, der gerade erst erlebt hat, was ihre neoliberale Wirtschafts- und Europapolitik in Südeuropa angerichtet hat, ist es nicht einfach, das zuzugeben. Ich gratuliere ihr, aber für mich ist es erschütternd, dass es Angela Merkel war, die diese Reaktion gezeigt hat und nicht die linken Politiker. Frankreich hat etwa 20.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen, und wir haben eine linke Regierung.

ZEIT ONLINE: Vermutlich wollten die französischen Linken ihrer Wählerschaft in der Arbeiterklasse keinen weiteren Anlass geben, zum Front National zu wechseln?

Eribon: Diese Wählerschaft verlieren sie ohnehin und zwar aus anderen Gründen. Es wäre ihre Pflicht, dem Front National entgegenzutreten und nicht aus Opportunismus zu schweigen. Dass die Linken rechte Argumentationen übernehmen, sieht man aber leider immer häufiger: Die Rhetorik von Podemos ist genau die gleiche wie die des Front National. Ich will Pablo Iglesias natürlich nicht mit Marine Le Pen vergleichen, und wenn ich in Spanien leben würde, würde ich für Podemos stimmen. Aber die Rhetorik ist vergleichbar: Die Nation gegen die Oligarchie, die Heimat gegen die Finanzelite, das Volk gegen die da oben. Nur: Wer soll das Volk überhaupt sein?

ZEIT ONLINE: Ist das nicht gerade das Attraktive an diesen Begriffen? Dass sich tendenziell jeder dahinter versammeln kann?

Eribon: Ich bin nicht sicher, ob damit wirklich jeder gemeint ist. Viele meiner Freunde sagen jetzt nach dem Brexit: Das ist der schlechte Nationalismus, wir aber vertreten den guten Nationalismus. Ich kann da keinen Unterschied erkennen. Das Ergebnis ist das gleiche: Wenn man das Referendum heute in Frankreich abhalten würde, hätte man sogar noch ein deutlicheres Votum gegen die EU. Wir müssen versuchen, die EU zu verändern, auch wenn das vielleicht utopisch klingen mag. Die Rückkehr zum Nationalismus ist keine Lösung.

ZEIT ONLINE: Was versprechen sich die Linken vom Nationalismus?

Eribon: Sie wollen verloren geglaubte solidarische Räume wieder herstellen: das Dorf, die Gemeinde, das Café. Ich mag Dörfer und Cafés wie jeder andere auch, aber doch nicht als politisches oder intellektuelles Programm. Wir übersehen, dass die gesamte Moderne gegen diese alten Solidaritäten gerichtet ist. Die Kunst, das Theater, die Philosophie, das Kino – all das arbeitete darauf hin, das Dorf hinter sich zu lassen und neue Horizonte zu erschließen. Das kann man nicht alles rückgängig machen wollen. Eine reaktionäre Reaktion auf den Neoliberalismus gibt es nicht. Elfriede Jelinek hat es in ihrem Buch Wolken, Heim gegen Heidegger gut auf den Punkt gebracht: Begriffe wie Heimat, la terre, le sol bringen uns nirgendwo hin. Das ist Blut-und-Boden-Rhetorik. Dass Heidegger den Schwarzwald Berlin vorgezogen hat, mag man verstehen, er war ein Nazi. Und es ist sicherlich auch sehr schön im Schwarzwald. Aber wollen wir das als politisches Programm für das Europa der Zukunft?

Die 99 Prozent sind eine Illusion

ZEIT ONLINE: Aber sind die sozialen Bewegungen nicht ohnehin international vernetzt? Occupy Wall Street, Nuit Debout oder Podemos sind ja kaum getrennt voneinander zu betrachten.

Eribon: Occupy Wall Street war eine sehr, sehr wichtige Bewegung, aber sie wurde getragen von Studenten aus Princeton, der Columbia und der NYU. Ich fürchte, dass weiße Arbeiter in den USA eher Donald Trump unterstützen als Occupy. "We are the 99 percent" war ein großartiger Slogan, aber er war auch extrem simplifizierend. Innerhalb der 99 Prozent gibt es völlig mittellose Menschen, die nicht genug zu essen haben, und Menschen, die eine Wohnung im Zentrum von Paris besitzen. Als politische Gruppe mit gemeinsamen Interessen gibt es die 99 Prozent nicht.

ZEIT ONLINE: Ähnlich hat der junge Philosoph Geoffroy de Lagasnerie kürzlich in einem Essay über Nuit Debout argumentiert: Nuit Debout repräsentiere nicht die Leute, für die zu sprechen es vorgebe.

Eribon: Das war ein wichtiger Text, und ich verstehe nicht, warum er von vielen so arg dafür angegriffen wurde. Er hat offensichtlich recht. Ich war selbst bei Nuit Debout, ich habe mich von der Polizei herumschubsen und mir Tränengas in die Augen sprühen lassen. Aber ich habe nie geglaubt, dass es eine neue Welt sei, die da entsteht. Wenn am höchsten Punkt der Mobilisierung vielleicht 2.000 Menschen ein Drittel der Place de la République besetzen, bedeutet das nicht, dass danach in diesem Staat kein Stein mehr auf dem anderen steht. Ich habe dort eine Rede gehalten und ihnen gesagt: Ich fürchte, Ihr seid nicht das Volk. Die Arbeiter aus dem Norden sind nicht hier, sie stimmen für den FN, also gegen Euch. Sie unterstützen Euch nicht, sie haben Angst vor Euch. Ich bin auf Eurer Seite, aber Ihr seid Postgraduates und Assistant Professors, und dass Ihr Euch einbringen wollt, ist wunderbar. Aber Ihr könnt nicht glauben, Ihr wärt das Volk. Später sind sie in die Kleinstädte und Vororte gegangen, um dort Reden zu halten, aber sie wurden ignoriert und ausgebuht. Es war eine Fantasie, eine Illusion. Und auch dort gab es diese völkische Ideologie. Der wichtigste Begriff von Nuit Debout war le commun: Man müsse das Gemeinsame wieder herstellen und so weiter.

ZEIT ONLINE: Aber ist das nicht ein berechtigtes Anliegen?

Eribon: Ich halte es für gefährlich. In ganz Europa ist unter linken Bewegungen dieser grassierende Konservatismus zu beobachten: Die LGBT-Bewegung wird als Erfindung des Neoliberalismus abgetan, von der Frauenbewegung heißt es, sie lenke vom eigentlichen Kampf ab – dem Klassenkampf. So haben die Stalinisten in den Fünfzigern argumentiert: Erst müssten sich alle so lange gedulden, bis der Klassenkampf gewonnen sei, dann könne man sich um ihre Belange kümmern. Aber natürlich kann man da lange warten. Ich halte den Klassenkampf auch für zentral, und anders als die meisten Linken in Frankreich habe ich stets darauf bestanden, dass soziale Klassen immer existiert haben. Er darf aber nicht gegen die Interessen anderer Minderheiten in Anschlag gebracht werden.

ZEIT ONLINE: In Deutschland gibt es immer wieder den Ruf nach einem linken Populismus, der die Arbeiter abholt, aber ohne Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus auskommt. Kann es so etwas geben?

Eribon: In Spanien versucht Podemos Stimmen zu bekommen, indem die Partei versucht, das Label "links" abzulegen. Sie bezeichnet sich als "weder links noch rechts", stattdessen repräsentiere sie la patria. Das bedeutet, dass sie natürlich auch rechte Wähler anzieht. Was aber, wenn es um die Rechte von LGBT-Paaren geht, von Transgendern, von Frauen? Oder um das Recht auf Abtreibung, ein sehr kontroverses Thema in Spanien? Die Rechte von Immigranten? Wenn man sich als "weder rechts noch links" positioniert, zieht man Leute an, die all das in Abrede stellen. Natürlich gewinnt man erst mal Stimmen. Aber an irgendeinem Punkt muss man ein Programm vorlegen und Podemos hat vieles, was traditionell links ist, hinter sich gelassen: den Begriff der Klasse, den Internationalismus, die Opposition zwischen Arbeitern und Regierenden.

Rechts und Links verschmelzen

ZEIT ONLINE: Ist das nicht im Grunde dieselbe Metapher wie bei Occupy, nur dass die 99 Prozent jetzt la patria heißen? Sieht so heute linker Populismus aus?

Eribon: Wenn man die Nation gegen die Oligarchie positioniert, wo sind dann die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken? Gehören die zur patria? Man muss mit diesen Begriffen sehr vorsichtig sein, sonst ist man schnell bei den französischen oder italienischen Faschisten, die den Kapitalismus als Diktatur der Banken ausgeben und es als volkszersetzend auffassen, wenn jede Minderheit ihre Rechte durchsetzen will.

ZEIT ONLINE: Ist es also doch wahr, dass die linken und rechten Ränder in Europa verschmelzen?

Eribon: Die Idealisierung des Gemeinsamen und der Heimat ist für den Faschismus auf jeden Fall anschlussfähig. In den Dreißigern haben christlich-faschistische Denker wie Emmanuel Mournier ganz genauso argumentiert, als sie ihre Kampagnen gegen André Gide gefahren haben. Die Rhetorik ist immer die gleiche: Beim Prozess gegen Oscar Wilde, bei den christlich-faschistischen Philosophen der Dreißiger, bei den psychoanalytischen Debatten über die Zersetzung der Zivilisation durch Homosexuelle. Und heute findet man diese Rhetorik auch bei den Linken. Sie lehnen den Neoliberalismus auch deshalb ab, weil er einen Rahmen schafft, in dem plötzlich jeder denkt, seine Rechte einfordern zu dürfen, ohne das allgemeine Volksinteresse zu berücksichtigen. In Auseinandersetzungen wie diesen bin ich immer, immer, immer auf der Seite von André Gide. In meinem ganzen Leben ist es stets so gewesen, dass ich nicht gemeint war, wenn vom Dörflichen, vom Gemeinsamen, vom öffentlichen Interesse gesprochen wurde. Ich war immer die Gefahr, die Bedrohung, der Wurm im Essen.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir also an, die Linken werden zwischen dem Faschismus und dem Neoliberalismus aufgeteilt. Sind sie überhaupt noch zu retten?

Eribon: Wir müssen auf jeden Fall dieses reaktionäre Denken bekämpfen, das behauptet, Selbstverwirklichung sei zwangsläufig neoliberal. Zum Erbe von 1968 gehört, dass sich heute in jeder Sphäre Menschen in verschiedenen Konstellationen zusammenschließen können, um für ihre Rechte zu kämpfen. Die Idee des allgemeinen Volksinteresses denunziert diese Freiheit als neoliberal. Das ist verrückt. Was 1968 definiert hat, war gerade, dass sich dort so viele politische Subjektivitäten entwickelt und geäußert haben. Foucault hat das immer wieder betont. Das ist nicht neoliberal, das ist politisch. Man kann den Homosexuellen, den Frauen, den Ökos und so weiter nicht sagen, dass sie jetzt die Klappe halten sollen, weil ihre Subjektivität eine Erfindung des Kapitalismus ist.

ZEIT ONLINE: Was aber könnte das Gemeinsame dann sein, nach dem sich offenbar so viele sehnen?

Eribon: Ich kann mich jedenfalls nicht mit Leuten zusammenschließen, mit denen ich rein gar nichts gemeinsam habe: mit Leuten, die für den Front National stimmen, die fremdenfeindlich sind, die homophob sind. Ich bin auf ihrer Seite, wenn es gegen die Verwüstungen geht, die die neoliberale Politik unserer Regierungen in unserem Staatswesen anrichtet, aber ich muss sie bekämpfen, wenn sie für den FN stimmen, was sie tun werden. 25 Prozent der Franzosen werden nächstes Jahr im ersten Wahlgang für Marine Le Pen stimmen. Meine Mutter, meine Brüder, viele ihrer Bekannten werden voraussichtlich für den FN stimmen. Wenn man sie fragt, warum, sagen sie, dass es schlimmer nicht werden kann und dass sie nichts zu verlieren haben.

ZEIT ONLINE: Was, wie gesagt, nicht stimmt.

Eribon: Aber sie sind so verzweifelt, dass es ihnen so vorkommt. Sie sehen, wie die EU das Leben der Menschen in Griechenland zerstört hat und sie fürchten, sie könnten die nächsten sein.

Abtreibungen sind mit dem Neoliberalismus kompatibel

ZEIT ONLINE: Dem Kampf der LGBT-Community oder der Schwarzen in den USA wird von Linken oft vorgeworfen, sie seien zu sehr ästhetisiert und zu sehr mit der kommerziellen Entertainmentgesellschaft kompatibel. An den wirtschaftlichen Realitäten würden sie deshalb nichts ändern.

Eribon: Die Bewegung Black Lives Matter in den USA ist vielleicht auch eine wirtschaftliche Initiative, aber nicht nur. Es ist eine ethnische Bewegung, eine soziale Bewegung, eine Minderheitenbewegung. Man kann den Schwarzen in den USA nicht erzählen, dass ihr Widerstand gegen die Polizeigewalt weniger gilt, nur weil er auch kommerziell funktioniert. Es geht in vielen Fällen ganz konkret um ihr Leben. Auch Abtreibungen sind mit dem Neoliberalismus kompatibel. Sollen die Frauen deshalb aufhören, für das Recht zu kämpfen, über ihre Körper und ihr Leben selbst entscheiden zu dürfen? Was wäre denn eigentlich nicht irgendwie kompatibel mit dem Neoliberalismus? Es ist ein idiotisches Argument. Und es ist erschreckend, wie populär es in der europäischen Linken gerade ist. Dieser Rechtsruck der Linken ist nicht mitanzusehen.

ZEIT ONLINE: Wäre es denkbar, diese ästhetisierten Kampagnen, die LGBTs und Schwarzen viele Rechte erkämpft haben, auch auf die Belange der Arbeiter anzuwenden? Von Arbeitern hört man oft, dass sie die Antidiskriminierungskämpfe dieser Minderheiten als ein Projekt der liberalen Eliten wahrnehmen, die sich um die wirklichen Probleme schon längst nicht mehr kümmern.

Eribon: Wenn eine es eine linke Partei gäbe, die für die Rechte der Arbeiterklasse genauso einstehen würde wie für die Rechte der LGBT-Community, der ethnischen Minderheiten und all den anderen, könnte das eine Instanz sein, die zwischen diesen Gruppen vermittelt und ihnen bewusst macht, wie sehr sich ihre Situationen ähneln, anstatt sie zu Gegnern zu erklären. Es ist natürlich wahr, dass es in der Arbeiterklasse Rassismus und Homophobie gibt. Das sind sicher keine Engel, auch meine Familie hat rassistische Ansichten. Aber meine Familie war auch schon rassistisch, als sie noch die Kommunisten gewählt hat. Sie sind heute nicht mehr oder weniger rassistisch als früher. Um also auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, warum meine Mutter gegen ihre eigenen Interessen stimmt: Wenn es eine linke Partei gäbe, von der sie sich repräsentiert fühlte, würde sie auch jederzeit für diese Partei stimmen, selbst wenn sie sich für die Rechte von Schwulen und ethnischen Minderheiten einsetzt. Niemand wählt eine Partei, weil er mit ihr in jedem einzelnen Punkt übereinstimmt. Wir wählen Parteien, weil wir in dem Weltbild, dass sie vor Augen haben, selbst vorkommen. Und viel mehr wollen die Arbeiter auch nicht.