Vor ein paar Wochen las ich in der Jüdischen Allgemeinen, dass Maxim Biller keinerlei jüdische Intellektuelle in Deutschland kennt. Keine Juden, die geniale Bilder malen, Sinfonien komponieren oder Bücher schreiben, die polarisieren. Allesamt seien sie Anwälte und Ärzte, sagt Biller.

Ich dachte kurz nach, stellte alle Juden, die ich kenne, nebeneinander und klebte in Gedanken gelbe Post-its auf ihre Stirnen, auf denen ihre Berufe standen. Und was las ich? Lyriker, Rapper, Filmemacherin, Journalist, Schriftstellerin und Komponistin, Künstler, Maler und Theaterregisseurin. Es gab in dieser Reihe nur einen einzigen Zahnarzt, nämlich Felix Zaritzki – der im Übrigen beste Zahnarzt der Welt. Wenn der Spritzen gibt, tut nichts weh. Wirklich! Und es gab einen Anwalt, Leo Schapiro. Der wiederum beste Anwalt der Welt, der dafür sorgte – indirekt, aber er sorgte dafür – dass ich, statt vor einem deutschen Gericht mit einer Anzeige wegen Volksverhetzung zu scheitern, einen Roman herausbrachte. Props an Leo, an dieser Stelle!

Von den mir bekannten in Deutschland lebenden Juden waren mehr als 90 Prozent Kreative und Intellektuelle. Jetzt kann man vermuten, das läge daran, dass ich selbst Schriftstellerin und Journalistin bin und mich deshalb in einem bestimmten Milieu aufhalte – aber das ist Maxim Biller ja auch. Warum stellt er eine solche Behauptung auf? Da kann man nur spekulieren: Will er der letzte intellektuelle Jude Deutschlands sein? Ist er wie die alten weißen Männer des deutschen Fernsehens, die immer nur behaupten, es gebe keine Ideen für gute Formate oder spannende neue Autoren, weil sie Angst haben, jemand könne an ihren Stuhlbeinen sägen? Vielleicht wollte er aber auch nur, dass ihn neben den Deutschen auch noch die deutschen Juden scheiße finden. Das ist wahrscheinlich die plausibelste aller Erklärungen. Trotzdem: Man weiß es nicht genau.

Und in Wirklichkeit spielt es auch keine Rolle, warum er vor sich, neben sich und hinter sich keine Juden sieht. Wichtig ist, dass sein Satz mich inspirierte, diesen Text hier zu schreiben; einen Text, der das Unmögliche wagt und damit scheitern muss, es im Angesicht dieses Scheiterns aber trotzdem versucht. Ein Generationen- oder Gruppenporträt zu schreiben, macht immer irgendeinen der Porträtierten oder eben Nichtporträtierten unglücklich. Denn schon jetzt ist klar, dass wichtige Namen fehlen. Kulturschaffende wie Olga Grjasnowa, Alexander Iskin, Sapir Heller, Sarah Nemtsov, Layla Zami, Noam Brusilovski, Marina Frenk, Mati Shemoelof, Lena Gorelik, Katja Petrowskaja, Dmitrij Kapitelman, Polina Horošina, Hanna Hünniger und, und, und.

Weniger Schlösser, mehr Baseballschläger

Dieser Text will zeigen, dass Hitler nicht gewonnen hat. Dass es uns gibt, uns Kulturjuden, die Deutschland angeblich so vermisst. Und dass Deutschland, wenn es uns ernsthaft so vermissen würde, wie es immer tut, wüsste, dass wir hier sind. Es bräuchte nicht wie ferngesteuert den Israelis in Berlin huldigen. Endlich wieder jüdische Kultur in Deutschland dank der Israelis, steht ja heutzutage sehr oft in den Zeitungen. Aber die jüdische Kultur gab es vor den Israelis schon, Leute. Diese Kultur, die deutsch-jüdische nämlich, erinnert euch aber vielleicht an ziemlich doofe Zeiten. Auch das ist nur eine Spekulation. Und trotzdem nehme ich jetzt Deutschlands Kopf in die Hand, ich halte ihn an den Haaren und drücke diesen Kopf in eine mehrstöckige Sahnetorte gefüllt mit jüdischen Intellektuellen und Künstlern. Denn: Wir haben den Krieg gewonnen!

Diesen Spruch habe ich mir nicht selbst ausgedacht, diesen Spruch habe ich von Max Czollek und Sasha Salzmann. Er war Teil der Kampagne zum Desintegrationskongress, der Anfang Mai im Berliner Gorki Theater stattfand. Ein Kongress zu gegenwärtigen jüdischen Positionen. Max Czollek ist Lyriker und promovierte gerade am Zentrum für Antisemitismusforschung. Ich habe Max gefragt: "Was unterscheidet uns, die sogenannte Dritte Generation, also die Enkel der Holocaustüberlebenden, von der Zweiten Generation?" Und Max antwortete: "Weniger Schlösser an der Tür, dafür mehr Baseballschläger daneben."

Wir haben also Wut und weniger Angst. Wut, die wir rauslassen müssen und wollen, Wut, die wir in unsere Kunst einfließen lassen, Wut, die man uns ständig in diesem Land absprechen will. Weil: Ist doch alles ewig her. Aber für uns eben nicht. Unsere Kindheit ist eben auch, bei Oma und Opa zu sitzen und ihren Geschichten vom Überleben zuzuhören. Stellt euch das mal vor! Stellt euch vor, eure Kindheit wäre, euren Großeltern und Urgroßeltern zuzuhören, wie sie davon erzählen, Juden deportiert und vergast zu haben. Das wirkt dann doch plötzlich viel gegenwärtiger als Gedenkstätten besuchen. Es wäre also schön, wenn wir unser jüdisches Opfernarrativ behalten dürften, ohne dass andauernd Deutsche kommen und mit nach Auschwitz fahren wollen. Das wünscht sich Max. Das wünschen sich auch andere, mit denen ich gesprochen habe. Nicht alle. Aber viele.

Ihr wisst kaum etwas über uns

Anna Schapiro und Alexa Karolinski

Was die Dritte Generation ja so besonders macht, ist ihre Vielfalt. Und Vielfalt bringt eben auch vielfältige Meinungen. Wir kommen aus Ost- und Westdeutschland, aus der ehemaligen Sowjetunion und auch aus Israel. Diese Vielfalt war schon vor der Endlösung eine besondere Eigenschaft des Judentums. Und diese Vielfalt gibt es wieder. Max ist in Berlin-Friedrichshain aufgewachsen. Seine Kindheit erlebte er in der DDR. Als ich ihn frage, "und was macht das Judentum für dich aus", sagt er: "Eine Familie, eine Geschichte, ein Ritual, ein paar Tote, lebendige Freunde und Verbündete." Nix Religion.

Wenn Leute von Religionsgemeinschaft reden und Judentum meinen, haben sie oft überhaupt nichts verstanden, tun aber so, als wüssten sie eine Menge. Und ich weiß ja, dass ihr kaum etwas wisst. Über uns. Über Juden. Über Juden in Deutschland. Das wurde mir bewusst, nachdem ich meinen Artikel Ohne mich im ZEITmagazin im Dezember 2014 veröffentlicht hatte. Viele Nachrichten, Mails und sogar WhatsApp-Anfragen bekam ich da. Die meisten waren freundlich, höflich und anteilnehmend. Und in den meisten Nachrichten stand, dass man mich unbedingt mal treffen wolle, weil man ja noch nie einen lebenden Juden wirklich gesprochen habe. Weil man alles über die toten Juden wisse, aber nichts über die lebendigen. Auch deswegen schreibe ich diesen Text. Denn: Wir leben!

Vergangenheit + Gegenwart = Zukunft

Sasha Salzmann gehört zu diesen lebenden Juden. Sie sagt: "You can take me out of the ghetto, but you can't take the ghetto out of me." Und damit spricht sie uns Angehörigen der Dritten Generation aus der Seele. Diese Vergangenheit, unsere Vergangenheit, hat uns tief geprägt. Diese Vergangenheit definiert uns. Auf eine verwundbare und emotionale Weise, aber eben auch auf eine lebendige und etwas schaffen wollende. In der Schule hat Sasha im Geschichtsunterricht, als das Thema Holocaust aufkam, ihre Bank umgeworfen, und alle fanden das übertrieben. Sie nicht. Ich auch nicht. Heute ist Sasha eine erfolgreiche Theaterregisseurin und Drehbuchautorin. Unter anderem am Gorki Theater in Berlin. Sie stammt wie ein großer Teil der heutigen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland aus der ehemaligen Sowjetunion. Zurzeit lebt sie in Istanbul und schreibt an ihrem Debütroman.

Juden hatten in der Sowjetunion in ihren Pässen "Jude" stehen, ohne dass dort Religion in der Form ausgelebt wurde, wie man sich jüdische Religion so vorstellt. Darüber hinaus wurde die Identität und Nationalität über den Vater übertragen. Juden, die also einen jüdischen Vater, aber eine nicht-jüdische Mutter hatten, definierten sich in den ehemaligen Ostblockländern als Juden. Spreche ich in Deutschland mit Deutschen über mein Jüdischsein, dann fragt man mich immer und zuallererst, wer denn Jude in meiner Familie sei. Und wenn ich dann antworte, dass mein Vater Jude ist, werden diese Deutschen zu richtig orthodoxen Rabbinern und zitieren aus der Halacha, ohne zu wissen, was die Halacha eigentlich ist.

Unvereinbarkeiten aushalten

Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat, sagen sie zu mir. Und wissen dabei nicht, dass man staatsrechtlich in Israel als Jude mit einem jüdischen Vater anerkannt wird, dass man über das Law-of-Return israelischer Staatsbürger werden kann, weil man eben Jude ist. Und sie wissen auch nicht, dass das erstarkende Reformjudentum solche Unterschiede längst nicht mehr macht. Sie denken auch, dass Juden und Shoah eins sind. Dabei wissen sie nicht, dass es eine Menge Juden gibt, mizrachische Juden nämlich, also Juden aus arabischen Ländern, die von der Shoah verschont geblieben sind und deshalb ihr Jüdischsein nicht über die Schreckensgeschichte definieren. Sie wissen auch nicht, dass in Russland geborene Juden, so wie die Künstlerin Anna Schapiro, ein ganz anderes Narrativ haben als deutsche Juden. Anna ist 1988 in Moskau geboren und kam 1992 mit ihrer Familie als Kontingentflüchtling nach Deutschland. Sie studierte an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden. Heute schafft sie mit ihren Arbeiten Räume aus Papier oder Räume aus direkter Interaktion, die meist ihre eigene Beschaffenheit infrage stellen.

Anna sagt, sie wurde von ihren russisch-jüdischen Großmüttern als Siegerenkelin erzogen: "Jüdisch zu sein heißt für mich, scheinbar Unvereinbares auszuhalten. Mehr als das Eine zuzulassen und zu leben. Paradoxes leben. Das empfinde ich als Bereicherung. Schließlich bin ich eine Jüdin, die in Deutschland lebt und ziemlich deutsch ist, aber auch irgendwie russisch. Was sich für mich daraus ergibt, ist kein glattes Bild, keine klare Position, sondern immer ein Abwägen und Hinterfragen meiner Position, aber auch die meines Gegenübers oder der Situation, in der ich mich befinde."

Denn, was ist Identität heute für uns, für Menschen, die mit easyJet durch die Gegend fliegen, Airbnb-Wohnungen mieten und von überall an ihren Laptops arbeiten können? Wir, die mindestens zwei Sprachen sprechen und uns längst als Weltenbürger verstehen, die amerikanische Serien einatmen und koreanisches Bibimbap aus. Es gibt eben das Gestern und das Heute, und beide müssen einander nicht ausschließen, sondern bedingen sich gegenseitig. Das macht uns erst neu und anders. Diese Kombination aus der eigenen Biografie und der individuellen Realität. Erst aus Vergangenheit und Gegenwart wird Zukunft.

Was man von Juden lernen kann

Jonni Kalmanovich und Max Czollek

Fabian Wolff, zum Beispiel, ist der totale Weltenbürger auf Facebook. Fast immer sind seine Posts auf Englisch und behandeln weltenbürgerische Themen, dabei kommt Fabian aus Pankow, also Ost-Berlin. Fabian und mich verbindet, dass wir 50 Meter entfernt vom kurz nach der Wende eröffneten Burger King aufgewachsen sind – und natürlich tote und lebende Juden in der Familie zu haben. Fabian ist Lehrer und Journalist und Schriftsteller. Er schreibt nicht nur für deutsche Medien wie ZEIT ONLINE, sondern zu einem Großteil auch für englischsprachige Magazine und Zeitungen. Fabian ist das alles, dabei ist er gerade mal 26 Jahre alt. 

Auf meine Frage, "Was wünschst du dir von den Deutschen?", antwortet er: "Deutsche, und das Ausmaß überrascht mich immer wieder, sind sehr schlecht darin, andere Perspektiven einzunehmen; zu realisieren, dass es Befindlichkeiten fernab der eigenen gibt; dass es so etwas wie kulturelle Hegemonie gibt und legitime andere Sichtweisen auf die Welt. Das erfährt man nicht nur als Jude, das erfährt man auch als Moslem, als Nichtweißer, als Migrant – als Minderheit eben." 

Und genau das, also den anderen einfach mal anzuerkennen, könntet ihr von uns lernen, würdet ihr wollen. Pluralismus nämlich. Denn Juden haben als Gemeinsamkeit immer ihr Jüdischsein, leben aber überall auf der Welt, sprechen andere Muttersprachen und legen die Traditionen und Rituale individuell aus. Auch deshalb ist ihnen das Verständnis für die Andersartigkeit des Gegenübers
eher gegeben. Die Gemeinsamkeit, Mensch zu sein und über die Unterschiede nicht hinwegzusehen, sondern sie als Bereicherung wahrzunehmen, ist das wahrscheinlich Jüdischste, was es gibt. Jüdischer als Nasen, Geld, Banken und Gold.

Deutsche und Jüdin, ein Widerspruch?

Israelische Juden definieren sich primär als Israelis und dann erst als Juden. Das mag daran liegen, dass jüdische Tradition dort ins Leben eingewebt ist und nicht so wie bei Juden, die in der Diaspora leben, also nicht im Gelobten Land, identitätsstiftend ist. 

Die Filmemacherin Alexa Karolinski fragt nach genau dieser Identität. Ihr Dokumentarfilm Oma und Bella, in dem sie auf einfühlsame Weise die Freundschaft zwischen ihrer Großmutter und deren bester Freundin porträtiert, wurde 2014 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Aktuell arbeitet Alexa an einem neuen Dokumentarfilm mit dem Arbeitstitel Alles in allem. Darin will sie ihrer deutsch-jüdischen Identität nachgehen. Denn Deutsche und Jüdin zu sein, ist nicht immer einfach. Nicht nur, weil sich das irgendwie auszuschließen scheint, auch weil die meisten Menschen, denen man außerhalb Deutschlands begegnet, darin eine Art Widerspruch sehen. "Ich glaube, das ist heutzutage kein Widerspruch mehr", sagt Alexa. "Wie alles andere, fühlt sich das manchmal komisch und manchmal gar nicht komisch an. Das ist situationsabhängig. Ich habe mir diese Frage natürlich oft selbst gestellt, und mir wird gerade in den USA diese Frage ständig gestellt. Deswegen weiß ich, dass es für andere nicht natürlich zu sein scheint und einen Widerspruch darstellt."

Mit diesem Gefühl, ein Widerspruch zu sein, leben wir. Manchmal besser, manchmal schlechter. Aber immer bewusst. Und Widersprüche sind eine Quelle der Kreativität.

Gras und Gas

Yaniv Eiger und Mirna Funk

Yaniv Eiger, Medienkünstler und Grafikdesigner, wohnt seit zwei Jahren in Berlin. Er kam wegen der Liebe, wegen der Liebe zu mir, sonst hätte er niemals deutschen Boden betreten. Das erste Jahr war schrecklich anstrengend. Immer, wenn er in den Flieger nach Berlin steigen musste, wurde er krank. Angina. Jedes einzelne Mal. Ich stand schon mit gepackten Koffern an der Wohnungstür in Tel Aviv. Das Taxi war bestellt und Yaniv lag gekrümmt auf dem Sofa und weigerte sich, mitzukommen. Die Angina war nichts anderes als sein Schuldgefühl. Ein Schuldgefühl, das seinen Großeltern galt. Beide haben ein deutsches Konzentrationslager überlebt, beide haben sich in eben diesem Konzentrationslager kennengelernt und auch dort geheiratet.

Wer also könnte die Frage, "was bedeutet der Holocaust für dich", besser beantworten? Zwei Seiten schrieb er mir. Kurz fassen, könne er sich nicht. "Aber du musst, du musst", sagte ich ihm: "In Auschwitz gab es eine angelegte Grünfläche, die den Weg zu den Gaskammern säumte. Sie sollte beruhigend auf jene wirken, die in der Schlange auf ihren Tod warteten. Gas und Gras schlossen einander für Nazis nicht aus. Wer sich fragt, was den Holocaust von anderen Genoziden unterscheidet, dem sage ich, es ist dieses Gegensatzpaar. Es ist sind die Villen der Lagerleiter mit Blick auf das Leid und Elend Hunderttausender. Es sind die Mottos, die über den Eingangstüren der Lager prangten. Es ist der Rasen vor den Vernichtungsanlagen."

Begegnung statt Vergessen

Auch Jonni Kalmanovich ist in Israel geboren. Er kam als Kind nach Berlin. Jonni, besser bekannt als Ben Salomo, ist Gründer von Rap Am Mittwoch. Auch wenn er Israeli ist, fühlt er sich als Berliner. Deutsch spricht er mittlerweile besser als Hebräisch. Was Erinnerung für ihn bedeutet und was er über die deutsche Erinnerungskultur denkt, wollte ich von Jonni wissen. Auch, weil er von meinen Portraitierten derjenige ist, der beides kennt. Die deutsche und die israelische Auseinandersetzung. "Die Erinnerungskultur in Deutschland ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits wird immer wieder betont, dass sich so etwas wie die Shoah niemals wiederholen darf, andererseits verweigert man einem der letzten Augenzeugen von Auschwitz vor Gericht die Aussage", schreibt Jonni.

"Den Menschen wird seit ihrer Schulzeit, in den Medien, in Ausstellungen oder durch Mahnmale immer wieder die Vergangenheit ins Gedächtnis gerufen, doch vielen gelingt es nicht mehr, einen Bezug zu dieser Vergangenheit herzustellen und eine eigene Verantwortung für die Zukunft zu erkennen. Das kann viele Gründe haben." Was kann man tun? "Vielleicht sollte man – zusätzlich zu der Aufarbeitung der Gräueltaten – Begegnungszonen entwickeln, wo mit Überlebenden, deren Kindern und Kindeskindern ein Austausch stattfinden kann, durch den sich, auf lebendigem Wege, neue Bezugspunkte herstellen lassen, um eine gemeinsame Verantwortung gegenüber den zukünftigen Generationen zu erarbeiten", antwortet er, und ich denke, I feel you.

Mir fehlen diese Begegnungen auch. Wie sehr würde ich mir ein gemeinsames Erinnern wünschen, zum Beispiel in Form eines gemeinsamen Holocaust-Gedenktages, wie er in Israel stattfindet. Mit einer Schweigeminute im ganzen Land. Wie toll wäre das, wenn in Israel und in Deutschland im selben Moment die Zeit für eine Minute stehenbliebe. Danach darf sie dann auch wieder voranschreiten. Denn wir als Dritte Generation wünschen uns eine gemeinsame Zukunft.