Zwischen "er ist wieder da", "er ist wieder weg" und "verdammt, er schon wieder" pendelt sich das Leben des durchschnittlichen österreichischen Staatsangehörigen ein, zwischen Irrsinn, Verzweiflung und der leisen Ahnung, das alles könnte noch übel enden. Das Kasperl in diesem Schaustück ist Krokodil, Biedermann und Brandstifter in Personalunion. Wenn es nicht zutiefst bedenklich wäre, wäre es ja beinahe tragikomisch. Da kann Juncker noch so oft nach weniger Klamauk verlangen: Wir haben gerade erst begonnen!

Julya Rabinowich wurde 1970 in St. Petersburg geboren und lebt seit 1977 in Wien. Sie ist Autorin, Bildende Künstlerin, Simultandolmetscherin und Kolumnistin. Ihr Jugendbuchdebut "Dazwischen:Ich" erschien 2016 im Hanser Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Margit Marnul

Die Wahl muss wiederholt werden, obwohl keine Manipulation festgestellt worden ist, nicht einmal ein Versuch der Manipulation ist festgestellt worden. Ein wenig balkanesischer Schlendrian: ja. Für diesen sind wir Österreicher berühmt und berüchtigt. Aber keine Betrügereien. Schlendrian, der offensichtlich seit langer Zeit bekannt und von niemandem thematisiert worden war. In diesem Sinne müssten übrigens alle Wahlen der vergangenen Jahrzehnte wiederholt werden. In diesem Sinne hätten die Einspruch erhebende Partei FPÖ und deren Wahlbeisitzer auch schon den ersten Durchgang reklamieren müssen. Da führte allerdings ihr Kandidat Norbert Hofer noch, und die Motivation zur Rechtsstaatlichkeit war dementsprechend noch suboptimal entwickelt, quasi ausbaufähig bis zum zweiten, verlorenen Durchgang.

Von Wahlbetrug halluzinierte die Verliererseite bereits seit dem Wahlabend, es wurden Gerüchte angeheizt, ohne Rücksicht auf Demokratieverluste. Sogar Zaubertinte soll zur Verwendung gekommen sein – Zaubertinte offenbar, die eine echte biologische Sensation darstellen musste, war sie doch in der Lage, eigenständig zu erkennen, wer Hofer und wer Van der Bellen angekreuzt hatte und damit den weltweit erstmaligen Beweis von Künstlicher Intelligenz erbrachte. Sollte die Entscheidung, die Wahl aufzuheben, auf dem Wunsch fußen, diese absurden Vorwürfe zu entkräften, lassen sich dennoch gewisse Bedenken für die Zukunft nicht ausräumen. Wenn eine Wahl wiederholt werden muss, obwohl kein Betrug festgestellt werden konnte, sondern nur, weil möglicher Betrug nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen werden kann (wie bei jeder Wahl), so ließe sich auch die Neuwahl, auch die nächste und die übernächste Wahl nach Belieben wieder außer Kraft setzen. Vielleicht versucht jemand noch spitzfindig, Österreich wieder in die EM hinein zu reklamieren – unsere Fußballprofis haben zwar keine Tore geschossen, aber theoretisch hätten sie ja Tore schießen können!

Dämliche Spielereien erwachsener Buben

Es mehren sich Stimmen, die die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs als nicht nachvollziehbar bezeichnen. Der prominente Jurist Alfred Noll sieht darin eine Fehlentscheidung. Was im Land parallel dazu spürbar wird: die Bereitschaft, miese Gerüchte zu streuen oder sogar Rufmord zu begehen. Lügen über schwerwiegende Erkrankungen des Kandidaten Van der Bellen, von mutmaßlichen fake accounts verbreitet, werden jedenfalls auch ein gerichtliches Nachspiel haben. Was verantwortungslose Zündeleien europaübergreifend bewirken können, kann man übrigens am Beispiel des Brexit beobachten: Die Zündler hatten weder Plan noch Rückgrat und empfahlen sich nach angerichtetem Chaos. Um den Schauspieler Christoph Waltz zu zitieren: "Die Oberratte (gemeint ist Nigel Farage) verlässt das sinkende Schiff". Boris Johnson hatte schon zuvor das Handtuch geworfen. Übrig bleiben ein Scherbenhaufen und verunsicherte Engländer, deren Jugend sich um ihre Zukunftschancen betrogen sieht – aufgrund dämlicher Spielereien erwachsener Buben.

Egal, der FPÖ-Kandidat Hofer, der Waffenfan, der gern seine Glock bei sich trägt, bringt schon frischfröhlich den Öxit ins Spiel. Irgendwo muss man doch noch Öl ins Feuer gießen können, um seinen ganz privaten Erfolg daraus ziehen zu können! Was, die Briefwahl war der Grund für Hofers Niederlage? Die muss natürlich verboten werden! Sätze wie diese geraten zur Gewohnheit: Es ist kein Skandal mehr, wenn jemand sie ausspricht. Es ist schon beinahe Alltag. Die Orbanisierung Österreichs wird mit Klamauk eingeleitet, mit einem schelmischen Grinsen. Einfache Unlösungen einfacher Populisten, allerdings mit komplexen Folgen. Vernunft und Unvernunft dürfen sich jedenfalls erneut der Wiederwahl stellen. Wir gehen wegen großen Erfolges in die Verlängerung. Sisyphos ist offenbar unser neuer Schutzheiliger.