Im türkischen Sprachgebrauch kam der Begriff der "politischen Säuberung" von je her ohne Anführungszeichen aus. Das hat damit zu tun, dass die Geschichte der Türkischen Republik untrennbar verwoben ist mit einer Methode, die man seit Jahrzehnten als politisches Instrument klassifiziert. Man entledigt sich all jener Elemente, die in einem demokratischen Kontext als Opposition klassifiziert werden. Die türkische Demokratie aber kennt keine Opposition und keinen politischen Widerstand, sondern immer nur Feinde. Im deutschen Wikipedia-Eintrag zur "Politischen Säuberung" taucht die Türkei allerdings erst mit dem jüngsten Putschversuch auf. Der türkische Präsident Tayyip Erdoğan sprach als Konsequenz der versuchten Übernahme durch Teile des Militärs von nötigen

 Säuberungen.

In der deutschen Berichterstattung wird das erstaunlicherweise genauso wiedergegeben. Als handele es sich um ein völlig übliches Instrument zur Wahrung der politischen Hygiene. Ohne Anführungszeichen. Was da gesäubert wird, sind aber Menschen. Und das Ganze funktioniert wie immer alla turca. Sie hat gewissermaßen Tradition.

Unzählige Überschriften vermeldeten Mitte der 1930er Jahre auf den türkischen Titelseiten, dass die "Säuberungen" in Dersim und Umgebung begonnen haben. Adressiert waren die Militäroperationen gegen ungefähr 20 Aufstände in einer von nahezu ausschließlich alevitischen Kurden bewohnten Region. Aufgefallen waren die Bewohner von Dersim dadurch, dass sie sich weigerten, am Völkermord gegen die Armenier teilzunehmen. Mehr noch. Sie versteckten und verteidigten ihre christlichen Mitbürger gegen die osmanischen Machthaber. Das war vor der Gründung der Republik.

Die Gegend um Dersim war eine Bergregion, abgeschnitten vom Rest der Welt, eigene Regeln, eigene Sprache, manche nannten es eine Oase, für andere war es der Hort des Widerstandes. Nach der Gründung der Türkischen Republik versuchte Atatürk Dersim gewissermaßen einzugemeinden. Nach dem Motto: Ein Land, eine Sprache, eine Fahne. Aber das ging nicht so leicht, denn die ca. 150.000 alevitischen Bewohner leisteten Widerstand. Und so schlichen sich politische Begriffe ein, die den blutigen Kampf vom Osmanischen Reich zur modernen Republik sehr eingängig illustrieren. Die "Operation Züchtigung und Deportation" hatte zum Ziel die "Säuberung".

Und so wurde es vermeldet: Säuberungen haben begonnen, Säuberungen dauern an, Säuberung erfolgreich durchgeführt. Dieser Terminus heißt im Türkischen temizlik operasyonu, zu Deutsch wörtlich übersetzt "Operation Säuberung". Was im kurdischen Dersim oft als Niederschlagung des Aufstandes umschrieben wurde oder Kemal Atatürk in seiner Parlamentsrede etwas prosaischer "Reinigung des Eiters" genannt hat, wird heute längst als Massaker eingestuft.

Erdoğan entschuldigte sich

Der türkische Präsident Tayyip Erdoğan entschuldigte sich für das an den Dersimbewohnern begangene Unrecht. Aber dann sollte auch gut sein. Wenn man dem nicht vorzeitig einen Riegel vorschiebt, dann müssten noch viel mehr Entschuldigungen folgen, denn in der Türkei wurden auch Çorum, Maraş, Sivas und Gazi von Aleviten "gesäubert". Und das ist nur das Alevitenkapitel.

Besonders brutal wurde in der Türkei nach dem Militärputsch 1980 "gesäubert". Bis Mitte der 1990er Jahre hieß es in türkischsprachigen Zeitungen und Fernsehnachrichten unter vollkommener Abkehr von Reflexion oder wenigstens Scham, dass die nächtliche temizlik operasyonu erfolgreich beendet sei, und wahlweise fünf, sechs, 14 oder 21 Terroristen oder PKK-Kämpfer getötet wurden. Die bei den "Säuberungsaktionen" ums Leben gekommenen türkischen Soldaten wurden mit Riesenbrimborium bestattet, meistens ebenfalls mit Fotos von weinenden Soldatenmüttern auf Seite eins. Die fünf, sechs, 14 oder 21 Terroristen bekamen keine Öffentlichkeit, was auch damit zu tun hatte, dass es sich manchmal einfach um kurdischsprachige Zivilbevölkerung handelte.

Kult um die "Reinheit des Volkes"

Die "Säuberungsaktionen" waren jahrzehntelang für den türkisch-kurdischen Konflikt reserviert. Sie wurden nie wirklich erklärt, weil die Militäroperationen einer breiten Öffentlichkeit im Westen der Türkei einfach logisch erschienen. Menschenrechtsverletzungen fanden immer nur statt im Zusammenhang gegen Türken. Menschenrechtsverletzungen gegen Kurden hießen allgemein Terrorbekämpfung. Eine Säuberung als Begriff setzt ja auch immer voraus, dass es sich bei dem Staat um etwas Reines handelt, dass man wehrhaft verteidigen muss. Der türkische Staat, die türkische Fahne funktioniert wie die türkische Ehre. Sie dürfe nie befleckt werden. Sie müsse rein bleiben, wie das Türkentum und das türkische Blut auch immer rein sein müssten. Man nennt es auch Nationalismus, der stets vom Mythos der homogenen Gesellschaft lebt und einen Kult um die "Reinheit des Volkes" und seiner Kultur konstruiert.

Im europäischen Kontext fand der Begriff der "ethnischen Säuberung" mit der Vernichtung der mehrheitlich muslimischen Bosniaken während des Bosnienkrieges Eingang im deutschen Sprachgebrauch. Auch dort war das Ziel der "ethnischen Säuberungen" seitens der bosnischen Serben eine ethnisch homogene Gesellschaft. Dass der Bürger aber ein gleichberechtigter Bürger trotz abweichender Herkunft oder Religion sein dürfen muss und dass es am Ende immer um sozialen Ausgleich geht, der am wirkungsvollsten mit Demokratie statt Waffen durchgesetzt werden kann, ist für Autokraten egal welcher politischen Ausrichtung riskantes Terrain. Im Ernstfall kann es bedeuten, Macht und Mandat abgeben zu müssen.

Politikwissenschaft und Beamtensprache

Ziviler Widerstand oder politische Opposition stellten für sämtliche türkischen Regierungen stets eine Bedrohung und nie Normalität dar. So wie einst Atatürk bei den alevitischen Kurden von Eiter sprach, spricht Tayyip Erdoğan von seinem einstigen Freund und heutigen Widersacher Fethullah Gülen und dessen Gemeinde, die man im türkischen cemaat nennt, mindestens seit Januar 2014 von "einem Virus, der sich im Körper breit macht". Aber wie bei einem Virus üblich, "wird sich der Körper irgendwann aufrappeln" und sein Immunsystem in Bewegung setzen. Mit anderen Worten: Die Türkei ist der Körper und Erdoğan sein Penicillin. Ins Deutsche übersetzt klingen viele politische Reden aus der Türkei lächerlich, weil bildreiche, fantasievolle Vergleiche und Analogien – nicht selten schräg – im krassen Gegensatz zur deutschen Sprachkultur stehen. 

Der politische Diskurs in Deutschland ist stark geprägt von einer Mischung aus Politikwissenschaft und Beamtensprache und verfolgt geradezu obsessiv den Ehrgeiz, in einem Wort größtmögliche Differenzierung anzustreben. In türkischen Ohren sind die Viren, Geschwüre und Eitermale in Bezug auf politische Gegner genauso normal wie im Deutschen der Migrationshintergrund und das Asylbewerberleistungsgesetz, wenn es um Gesetze im Namen der Menschlichkeit gehen soll. Wenn die Bundesregierung etwas zum Kotzen findet, dann sagt Steffen Seibert in distinguierter Nasalität, dass für die Bundesregierung ein Umstand "nicht akzeptabel" sei. Erdoğan hingegen lässt nicht mitteilen, sondern nimmt sich ein Mikrofon, lässt die Stimme aus dem Kopf platzen (mit bebendem Glühbirnenschal), und dann wird durchgeputzt.

In einem Staat, in dem Begriffe wie "Säuberungen" seit Jahrzehnten zum alltäglichen Sprachrepertoire gehören (der Onkologe in der Klinik nennt das gelungene Entfernen eines Karzinoms übrigens auch Säuberung und der IT-Spezialist säubert den Computer mittels Antivirensoftware) erschiene es den Regierenden wie eine Provokation, wenn man forderte, dass ausnahmslos alle noch lebenden Befehlshaber, die jemals an einer "Säuberung" teilnahmen, vor ein ziviles Gericht gehörten. Oder wenigstens vor einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. 

Die vorhandene Gesetzeslage und Infrastruktur wäre vorhanden, aber sie wird permanent außer Kraft gesetzt, weil es die Terrorbekämpfungsmaßnahmen gibt. Alles kann jederzeit als Terror eingestuft werden und sämtliche Regeln außer Kraft setzen. Auch das ist Teilen der türkischen Gesellschaft, zumindest den AKP-Wählern, völlig fremd. Dass man sich für seine Taten rechtfertigen muss. Auch und gerade wenn man im Namen eines Staates, einer Fahne oder neuerdings eines Gottes handelt. Die Rechtsstaatlichkeit aber steht über allem. In einem Rechtsstaat kann man nicht einfach 3.000 Richter absetzen. Das ist keine Demokratie, sondern, um es einmal so zu formulieren, dass es auch jeder türkische Regierungsvertreter begreift: die Pest.