Als Kind glaubte ich, der Himmel würde sich wie eine Glocke über uns wölben. Dass wir die Seiten nicht sahen, lag daran, dass die Glocke sehr groß war. Außerhalb der Glocke waren alle Länder das Ausland, alle Sprachen Fremdsprachen und alle Menschen Ausländer. Im Inneren war nicht Deutschland, sondern: das Normale.

Der Gedanke mit der Glocke kam mir, da ging ich schon zur Schule. Dass ich anders war als die Kinder um mich herum, hatte ich schon im Kindergarten gemerkt und ich wusste mit vier Jahren genau, was alles anders war an meinen Eltern und mir: Wir nahmen Vollbäder, statt uns mit dem Waschlappen im Stehen zu waschen. Zu Abend aßen wir grüne Bohnen, Tomaten und Reis aus Tellern und nicht belegte Brotscheiben von Holzbrettchen. Meine Mutter verstand die Kindergartentante nicht. Sie fuhr auch nicht Ski. Sie fuhr jeden Morgen mit meinem Vater in die Fabrik und kam erst am späten Nachmittag wieder.

Dilek Güngör, geboren 1972, arbeitete nach ihrem Übersetzerstudium bei der Berliner Zeitung. Ihre gesammelten Kolumnen erschienen in den Bänden, "Unter uns" und "Ganz schön deutsch". 2007 wurde ihr Roman "Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter" veröffentlicht. Für das Singspiel "Türkisch für Liebhaber" an der Neuköllner Oper schrieb sie das Libretto. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Torsten Linz

In den Kindergarten brachte mich Irene, eine ältere Frau aus dem Nachbarhaus. Bei ihr aß ich auch zu Mittag. Ich hatte kein langes, glattes Haar, das man zu Zöpfen flechten konnte, sondern wegen der dicken Locken einen praktischen Kurzhaarschnitt. Manche hielten mich für einen Jungen. Manche fragten, ob sie meine Haare anfassen dürften. Manche fragten nicht einmal. Mein Anderssein stand nicht im Widerspruch zu meiner Idee von der Glocke. Man konnte durchaus drinnen sein, auch wenn man von draußen kam, anders sein unter lauter Gleichen.

Zu Hause im Eigenen

Später, in der Schule, bewunderte ich die Mädchen in meiner Klasse für ihr Schwäbisch. Für ihre Sandalen. Ihre Schulranzen. Für ihre Mütter, die mittags mit dem Essen auf sie warteten. Für ihren Labello. Ihre Sesamwecken mit Lyonerwurst. Ihre Kommunionskerzen. Ihre Ferien in Südtirol. Ihre Blockflöten und für den Geruch in ihren Häusern. 

Meine Klassenkameraden und ich saßen in einem großen und einem kleinen U um das Lehrerpult herum. Oft betrachtete ich sie und überlegte, wie es wohl sein musste, wenn man identisch war mit der Welt, zu Hause war im Eigenen. Wenn alles so war, wie es zu sein hatte. Sie kamen mir vor wie Neutra. Ich glaubte, dass sie sich nicht aufhalten mussten mit Beobachten, Zuhören, Vergleichen, Kontrollieren und wieder Abgleichen. Sie waren, wie sie waren und das war gut so. Sorglos, ohne Fragen, ohne Zweifel, ohne Unterschiede. Alles an ihnen war richtig. Sie hatten den Kopf frei zum Denken, zum Machen, zum Nachvorneschauen.

Auch ich sprach Schwäbisch, genauso gut wie sie, und in den Pausen machte ich mich mit ihnen lustig über das Hochdeutsch der Lehrerin aus der Parallelklasse. Ich hatte den richtigen Schulranzen, meine Eltern kümmerte es nicht, ob ich in der großen Pause Briegel mit Leberkäse aß oder nicht, und den blauen Labello hatte ich mir auch gekauft. Trotzdem wurde und wurde ich nicht wie sie, und selbst heute noch ertappe ich mich beim Scannen: Den Weißwein trinken sie aus diesen Gläsern und im Garten tragen sie solche Hosen, was für ein Waschmittel nehmen sie und welche Erdbeermarmelade? Wie sehen ihre Badetücher aus, die sie mit an den See nehmen, und welche Taschentücher kaufen sie? 

Auf der Säuglingsstation verwechselt

Oh, ein Milchkännchen und hier, die Teller mit Goldrand, von der Großmutter wohl. Noch immer muss ich werden, bin noch in der Fertigstellung, immer reicht es noch nicht, muss Wissen sammeln, lernen, wie man es macht. Doch eines Tages, wenn auch ich ein Milchkännchen habe und weiterhin Persil kaufe, wird es mir gelingen. Dann, plopp, verwandele ich mich in die Frau aus der Reklame fürs Online-Banking: blonder Pferdeschwanz, beiger Trenchcoat, blaue Augen.

Ich war schon fast erwachsen, als ich allmählich begriff, was ich die ganze Zeit schon gesehen hatte: Die im Inneren der Glocke sind ebenfalls unterschiedlich. Nicht nur für mich sind die Anderen die Anderen. Silke, Anja, Heike, Michael. Alle waren einander die Anderen. Ihre Verschiedenheit habe ich lange nur als unerhebliche Abweichung innerhalb einer großen Ordnung wahrgenommen. Doch jeder meiner Freunde hatte als Kind gehofft, man habe sie auf der Säuglingsstation verwechselt. Es gab Tage, da fühlten sie sich fremd beim abendlichen Vesper mit den Eltern, beim Vaterunser im Schülergottesdienst, einfach so, im Freibad.

Erst nach und nach verstand ich, dass das Wort "anders" nichts weiter bedeutet, als dass zwei Dinge voneinander verschieden sind. Es bedeutet nicht, dass sie zwangsläufig im Widerspruch zueinander stehen. Es gibt nicht das richtige Frühstück (Marmeladenbrötchen) und das falsche (rote Linsensuppe), die normalen Hausschuhe (Pantoffeln) und die komischen (gestrickte Überstrümpfe). Es ist nicht nur eine Sache wahr oder richtig und darum alles andere verkehrt. Es gibt nicht das Normale, an dem sich alles in der Welt ausrichtet. Das weiß ich. Aber in mein Gefühl ist es noch nicht vollständig eingesickert. Ich fürchte, ich glaube auch noch immer an die Glocke.