Die echte Gefahr geht offenbar immer noch vom Weib aus. All das Gerede von abgehängten Jungmännern, die aus Frust und Männlichkeitswahn erst kriminell und späterhin Terroristen werden, hat die wahre Bedrohung nur verdeckt. Doch es gibt noch standhafte Verteidiger unserer westlichen Lebensordnung, die sich keinen Sand in die Augen streuen lassen. David Lisnard und Thierry Migoule zum Beispiel. Der erste ist Bürgermeister von Cannes, der zweite Generaldirektor der dortigen städtischen Dienste. Diese beiden Helden haben ausgemacht, wo sich der Feind wirklich verbirgt: Er sitzt am Strand und trägt Burkini.

Wenn Männer um die 30 Jahre in Jeans, Pulli und weißen Urlauberhütchen Bomben legen oder mit Lastwagen in Menschenmengen fahren: Was liegt da näher, als weibliche Badekleidung zu verbieten? "Es geht nicht darum, das Tragen religiöser Symbole am Strand zu verbieten, sondern ostentative Kleidung, die auf eine Zugehörigkeit zu terroristischen Bewegungen hinweist, die gegen uns Krieg führen." So begründet der Generaldirektor den Schlag gegen die islamistische Bedrohung.

Nur missgelaunte Geister können da noch Fragen stellen wie beispielsweise: Ist schon jemals ein Terrorist an seiner Kleidung erkannt worden? Wie viele Attentate wurden eigentlich schon von Mädchen im Burkini begangen? Und wenn der Ganzkörperbadeanzug ein so eindeutiges Erkennungszeichen ist: Wäre es dann nicht besser, ihn zu erlauben, um Terroristinnen sofort auszumachen?

Strandkleidung in Cannes, 2010: Verteidigten die Darstellerinnen des Films "Zombie Women Of Satan" so die Werte der Republik? © Christian Hartmann/Reuters

Dummes Geplapper, schließlich geht es hier um Werte. So sehen es auch große Teile des konservativen bis reaktionären Frankreichs. Nicht zufällig heißt es in dem Verbotsdekret, man müsse Menschen den Zugang zum Strand verwehren, die keine korrekte Kleidung tragen, "die die guten Sitten und die Laizität respektiert sowie die Hygiene- und Sicherheitsregeln achtet". Jahrzehntelang haben Starlets hier im Stringtanga oben ohne vor Paparazzi-Linsen für gute Sitten, Strandhygiene und Sicherheit gekämpft. Wer könnte erlauben, dass solche Errungenschaften durch den Anblick bekleideter Frauen zerstört werden. 

Aber diesem Verbotsirrsinn ist mit Sarkasmus nicht beizukommen. Denn was zunächst nach höchster Verblödungsbereitschaft klingt, hat einen zutiefst rassistischen Kern. Ein Kleidungstück, das Millionen von Muslimas tragen (sogar auf olympischem Sand), wird symbolisch aufgeladen, um Menschen zu markieren, die man nicht haben will. Wenn man schon diese Menschen nicht verbieten kann, dann verbietet man eben ihre Kleidung, um sie zumindest an manchen Orten unsichtbar zu machen. Das trägt nichts bei zur Sicherheit Frankreichs, aber viel zur Verbitterung einer Gruppe, die sich ohnehin abgehängt fühlt. Und es zerstört die Werte einer freien Gesellschaft viel mehr als dass es sie schützt. Denn was ist die täglich beschworene Freiheit wert, wenn ich nicht einmal alleine entscheiden darf, was ich anziehe?

Frankreich - Debatte um Burkini-Verbot In Frankreich wird heftig über Burkinis gestritten. Die muslimischen Ganzkörperbadeanzüge sind in mehreren Orten verboten worden.