Sie sind ein europäischer Politiker oder möchten einer werden? In Ihrer Staatengemeinschaft haben Rechtspopulisten, Nationalisten und Rassisten keinen nennenswerten Einfluss? Sie langweilen sich? Ihnen fehlen die Herausforderungen? Dann haben wir etwas für Sie: Eine kleine Anleitung zum Aufbau des Nationalismus.

1. Der erste Schritt ist der wichtigste, hier werden die Grundlagen gelegt. Setzen Sie eine Gemeinschaftswährung auf, verzichten Sie aber unbedingt auf eine Fiskalunion. Damit schlagen Sie gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Gegen den Dollar kann Ihre neue Währung nur bestehen, wenn sie absolut stabil ist. Wenn aber ein Land – sagen wir: Griechenland – Ihre Währung in Schwierigkeiten bringt, kann Ihre Zentralbank dort jetzt die Renten kürzen und das Sozialsystem verwüsten, ohne irgendein Parlament fragen zu müssen. Gut gemacht! Genehmigen Sie sich eine Zigarette.

2. Verankern Sie die Preisstabilität und die Inflationsrate in den Maastricht-Verträgen. Dadurch haben diese im Grunde Verfassungsrang und können nicht mehr verhandelt werden, wenn die Öffentlichkeit mitbekommt, was sie da eigentlich unterschrieben hat. Wichtig: Schlagen Sie die Hinweise von Nervensägen wie dem schottischen Ökonomen Donald MacDougall in den Wind, die Ihnen voraussagen, dass eine Währungsunion ohne die Möglichkeit zur Vermögensumverteilung ein Pulverfass ist. Gut für Sie: Die Leute haben wahrlich genug von Experten.

3. Liberalisieren Sie den Finanzmarkt. Nur so können internationale Fonds nicht mehr nur Wetten auf Aktienkurse abschließen, sondern auch auf die Zahlungsfähigkeit europäischer Staaten. Damit lösen Sie eine prachtvolle Kettenreaktion aus: Für die Länder verteuern sich neue Schulden, ihre Zahlungsunfähigkeit wird dadurch noch wahrscheinlicher, wodurch sich wiederum die Schulden verteuern und immer so weiter. Der Vorteil für Sie ist offensichtlich: Weitere Mitgliedsländer bringen Ihre schöne Währung in Schwierigkeiten, und Sie haben aufs Neue die Erlaubnis, in diesen Ländern die Sozialausgaben zu kürzen. Lehnen Sie sich zurück und erfreuen Sie sich daran, wie jetzt auch dort Ihre Nationalisten gedeihen.

4. So weit, so gut: Für die Arbeiter, die Arbeitslosen und die Rentner haben Sie die Nationalisten wieder wählbar gemacht. Das fühlt sich doch schon ganz anders an. Jetzt stehen Sie vor einem neuen Problem: Ohne die Eliten will sich ein ernst zu nehmender Nationalismus einfach nicht richtig entfalten. Verzagen Sie nicht! Zum ersten Mal begegnet Ihnen der Begriff der "patrimonialen Klasse". Damit sind wohlhabende Landbesitzer gemeint, die ihre Güter an internationale Investoren verpachten wollen, als Verkaufsargument aber die historischen Bilderwelten Spaniens, Frankreichs, Deutschlands und Englands brauchen. Diese Leute interessieren sich nicht für die Nation als politische Instanz. Sie haben ihr Geld eh international angelegt. Sie brauchen die Nationen aber als Marke, und sie promoten sie, wo sie können. Toll: Das Problem der nationalistischen Eliten hat sich ganz von selbst erledigt. Sie haben jetzt ganz neue Allianzen!

5. Vermeiden Sie unbedingt den Eindruck, intellektuell seien die Länder Europas schon seit Jahrhunderten untereinander verflochten. Dass Diderot durch Goethes Übersetzung in Deutschland lange berühmter war als in Frankreich, dass Nietzsche und Heidegger nach dem Zweiten Weltkrieg an französischen Universitäten intensiver gelesen wurden als in Deutschland: Solche Sachen dürfen Sie auf keinen Fall raushängen lassen. Globalisierung und Internationalismus müssen stets einen neoliberalen Beiklang haben. Es ist einzig und allein Ihre Nation, die die Kultur verteidigt.