6. Reden Sie ohne Unterlass über verschleierte Frauen. Muslimische Frauen, die Kopftücher tragen, sind ein politisches Geschenk für Sie. Behandeln Sie sie auch so: Beschützen Sie sie! Ignorieren Sie die Abermillionen Arbeitsstunden, die muslimische Einwanderinnen in europäischen Haushalten und Pflegeeinrichtungen ableisten. Verschweigen Sie, dass sich Millionen europäischer Mittelstandshaushalte ihren Doppelverdiener-Lebensstil ohne diese billige Arbeit nicht leisten könnten. Jahrhundertelang haben die heimischen Frauen unbezahlte Arbeiten wie Kochen, Waschen und Pflegen erledigt. Darauf haben sie verständlicherweise keine Lust mehr. Danken Sie den Einwanderinnen aber auf keinen Fall dafür, dass sie jetzt diese Arbeiten für mickrige Löhne übernehmen! Stattdessen: Bemitleiden Sie sie, befreien Sie sie, inszenieren Sie sie als Opfer einer rückständigen Religionsgemeinschaft, die von Ihnen nur lernen kann. Keine Scheu: Auch Nationalisten können Feministen sein. Versehen Sie den Rassismus der Nationalisten mit einer edlen, ritterlichen Note.

7. Na, also: Sie haben jetzt eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, ein stagnierendes Wirtschaftswachstum, eine eklatante Ungleichheit, einen internationalen Finanzmarkt, der allem Anschein nach über dem Gesetz steht, und an allem sind die Kopftücher schuld. Das kann sich doch schon sehen lassen. Jetzt kommt es darauf an, all die Experten zu ignorieren, die Ihnen voraussagen, dass sich an den meisten dieser strukturellen Probleme auch bis auf Weiteres nichts ändern wird: Fortschreitende Automatisierung und künstliche Intelligenz ersetzen mehr Jobs, als das Wirtschaftswachstum herstellen könnte, wenn es denn eines gäbe. Vermeiden Sie unbedingt die Debatte über mutige Vorstöße wie das bedingungslose Grundeinkommen. Es darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, in Brüssel mache man sich Gedanken über die Belange der unteren Einkommensschichten. Verschleppen Sie außerdem die Harmonisierung der Arbeitsmärkte und Tarifsysteme. Sonst könnten im schlimmsten Falle schlagkräftige supranationale Gewerkschaften entstehen.

8. Achten Sie auf die Sprache. Naturalisieren Sie den Nationalstaat, verkaufen Sie ihn als eine emotionale, organische Instanz, die sich aus der Geschichte auf ganz natürliche Weise ergeben hat. Ihre Nation ist kein künstliches Konstrukt zur Aufrechterhaltung der Klassenverhältnisse oder gar ein gigantischer, sich ständig selbst vertiefender Verwaltungsapparat. Aber woher denn. Ihre Nation ist ein Affektgegenstand, sie spendet Wärme, Fürsorge und ideelle Geborgenheit. Grenzen Sie Ihre Nation auf diese Weise vom "Bürokratiemonster EU" ab, das immerhin an die 60.000 Angestellte hat und damit ungefähr halb so viele wie die Verwaltung des Landes Berlin! 

9. Ignorieren Sie dabei vor allem, dass sich natürlich auch der Nationalstaat an Verträge und Abkommen halten und sich Ratings unterziehen lassen muss, dass die staatliche Souveränität also ohnehin längst zur Verhandlungsmasse geworden ist. Erwecken Sie den Eindruck, mit dem Nationalstaat könnte man auch den Lebensstil einer untergegangenen Epoche wieder aufleben lassen.

10. Tun Sie so, als ob eine größere Unabhängigkeit Ihrer Regierung von der Europäischen Kommission irgendeines Ihrer Probleme lösen würde. Natürlich sind Sie noch bei Verstand und haben nicht wirklich vor, von der EU unabhängig zu werden. Doch nur, wenn Sie unablässig diese Metaphorik lebendig halten, bekommen Sie die formschönen, ausgewachsenen Nationalisten, auf die Sie es abgesehen haben. 


Die Vorschläge haben wir aus dem Debattenband "Euro Trash" abgeleitet, der gerade im Merve Verlag erschienen ist. Das Buch versammelt Texte, in denen Autoren wie Slavoj Žižek, Michel Houellebecq, Alain Badiou, Antonio Negri und andere über Europa nachdenken. Und auch, wenn die Lage eine bessere sein könnte, ist der Grundtenor doch: Europa könnte gelingen.