"Schwangere Männer", das waren bis vor Kurzem werdende Väter, die während der Schwangerschaft ihrer Lebenspartnerin ähnliche körperliche Symptome durchleben wie sie, zum Beispiel einige Kilo zunehmen. Dieses sogenannte Couvade-Syndrom ist auch immer noch die mit Abstand häufigste Bedeutung der Wortkombination "schwangerer Mann", wenn man den Ergebnissen der Google-Suche glaubt. Aber sie bekommt Konkurrenz. Denn zumindest in queerfeministischen Kreisen sind "schwangere Männer" inzwischen Menschen, die Eierstöcke und Gebärmutter haben, sich dabei als Männer identifizieren, allerdings ihre Gebärfähigkeit erhalten – und dann schwanger werden.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Laurent Burst

Der erste Fall dieser Art ging 2008 durch die Medien, als der US-Amerikaner Thomas Beatie als erster Transmann seine Schwangerschaft öffentlich kommunizierte. In Deutschland kann es gebärende Männer rein rechtlich sogar erst seit Januar 2011 geben. Damals entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Transmänner sich nicht mehr sterilisieren lassen müssen, bevor sie offiziell als männlich anerkannt werden können. Männer, die Kinder gebären, durchkreuzen unser gewohntes Verständnis von Geschlecht. Die meisten Menschen haben deshalb erst einmal Mühe, sich das vorzustellen. Zumal es noch gar kein rechtes Wort dafür gibt. Soll man "Väterinnen" sagen? Oder "Gebärväter"?  Oder "männliche Mütter"? Das klingt alles noch ziemlich unbeholfen. Es ist aber gut möglich, dass unsere Kinder oder Enkelinnen gebärende Männer einmal ganz normal finden werden. Die ersten Kinderbücher, die das so darstellen, sind schon geschrieben.

Vor fünfzig Jahren hingegen gab es noch keine gebärenden Männer, niemand hätte mit dieser Idee etwas anfangen können. Aber natürlich haben auch vor fünfzig, zweihundert oder zweitausend Jahren schon Menschen wie Thomas Beatie gelebt. Was wäre er damals gewesen? Wie hätte er von sich selbst gesprochen? Hätte er sich als schwangere Frau verstanden, die ein unbestimmtes Unbehagen mit ihrer Geschlechtszughörigkeit verspürt, für das sie keine Worte findet? Oder wäre ihm vielleicht gar nicht in den Sinn gekommen, sein Frausein anzuzweifeln? Wir wissen es nicht.

Die Entstehung des Phänomens "gebärender Mann" ist ein gutes Beispiel dafür, wie eng das Reale und das Symbolische miteinander zusammenhängen. Und dass nur beides gemeinsam die Realität bildet: das, was "ist" (Thomas Beatie), und das Zeichen, mit dem wir dieses "Ist" versehen, wenn wir darüber sprechen (schwangerer Mann). Erst als Queerfeminist_innen von "gebärenden Männern" sprachen, konnten Menschen wie Thomas Beatie diesen Begriff für ihr eigenes Erleben verwenden. Damit nahm das, was sie erlebten, eine ganz andere Bedeutung an und es veränderte sich auch die reale Welt. Zum Beispiel mit einem neuen Transsexuellengesetz.

Indem wir sprechen, beeinflussen und verändern wir also das Reale selbst und nicht nur unsere Vorstellung davon. Aber das funktioniert nur, wenn wir beim Sprechen auch wirklich in Kontakt mit dem bleiben, was "ist". Es funktioniert nicht, wenn wir uns irgendwelche Symbole einfach nur ausdenken, zum Beispiel indem wir sie aus einer abstrakten Theorie ableiten. Vielmehr geht es darum, unabhängig von schon vorgegebenen Theoriegebäuden eine Sprache zu (er)finden, die mit dem Realen korrespondiert. Worte und Begriffe, die eine Resonanz auslösen, die Sinn stiften, auch in den Augen anderer. Weil sie einen Aspekt des Realen in Worte fassen und damit kommunizierbar machen, für den es vorher keinen Ausdruck gab.

Italienische Feministinnen vom Mailänder Frauenbuchladen bezeichnen diese Anstrengung auch als "Wette". Als Erste zu sagen: "Männer können Kinder gebären" ist eine Wette auf die Zukunft. In dem Moment, wo etwas Neues zum ersten Mal ausgesprochen wird, ist nämlich nicht sicher, dass es wahr ist. Etwas Neues zu sagen, enthält immer ein Risiko. Es ist nicht garantiert, dass die neuen Worte tatsächlich eine Resonanz im Realen finden und nicht nur leeres Gerede sind. Vielleicht verpuffen sie wirkungslos, weil niemand etwas damit anfangen kann. Es geht dabei nämlich nicht um Wissenschaft, sondern um Politik. Im Bereich des Politischen kann ich nicht beweisen, dass ich recht habe, sondern ich kann nur versuchen, anderen meine Position zu vermitteln.

Das Symbolische ist mit dem Realen verwoben

Leider gibt es aber gerade bei sogenannten Genderthemen reflexhafte Widerstände dagegen, sie überhaupt als politische Debatten anzuerkennen. Stattdessen wird so getan, als könne es nur eine richtige Auffassung geben. Bis heute gibt es Leute, die behaupten, da gäbe es gar nichts zu diskutieren, weil die Natur (oder der liebe Gott) unverrückbar festgelegt hätte, was Männer und Frauen sind. Ihrer Ansicht nach ist es eine Naturtatsache (oder Gottes Wille), dass Männer nicht gebären können, und wer etwas anderes sagt, redet unwissenschaftlichen Unfug (oder kommt in die Hölle). Dass es für ihresgleichen noch kürzlich auch eine Naturtatsache war, dass Frauen keine politischen Ämter haben können oder dass Männer nicht in der Lage sind, für kleine Kinder zu sorgen, irritiert sie dabei nicht.

Eine ähnlich entpolitisierende Argumentationsweise findet sich aber zuweilen auch auf der anderen Seite, also bei denen, die für ein freies Verständnis der Geschlechterdifferenz eintreten. In queerfeministischen Debatten habe ich schon manchmal gehört, dass es in Bezug auf Geschlecht nichts zu verhandeln gäbe, weil die Geschlechtszugehörigkeit eine gänzlich individuelle Angelegenheit sei, zu der sich nur die betreffende Person selbst legitimerweise äußern darf: Wenn eine Person sagt, sie sei Mann und schwanger, dann ist das so, Ende der Debatte.

Auch diese Position umgeht letztlich die Beschäftigung mit dem Zusammenhang von Realem und Symbolischem. Nur setzt sie eben nicht das "Ist" absolut, sondern das Symbol. Aber genauso wenig, wie sich aus dem "Ist" ableiten lässt, wie wir es bezeichnen müssen, genauso wenig haben Symbole als einzigen Maßstab die Person, die sie äußert. Denn das Symbolische ist eben mit dem Realen verwoben. Was wir über "Geschlecht" sagen, betrifft nicht nur uns selbst, sondern auch alle anderen.

Es gibt diesen Postkartenspruch, der lautet: "Was ändert sich für heterosexuelle Paare, wenn Homosexuelle heiraten dürfen? – Nichts". Er wird gerne in den sozialen Medien verteilt und bringt die Individualisierung der Geschlechterdebatte gut auf den Punkt: Hab du dein Geschlecht, ich hab meins, das ist Privatsache und geht niemanden sonst etwas an!

Aber es stimmt ja nicht. Selbstverständlich ändert sich für heterosexuelle Paare etwas, wenn Homosexuelle heiraten dürfen. Sie verlieren ihre privilegierte Stellung, große Teile des herkömmlichen Verständnisses von Ehe und Heterosexualität werden infrage gestellt – und war das nicht auch die Absicht dahinter? Genauso ändert sich für alle Menschen etwas, wenn es in der symbolischen Ordnung nicht mehr nur Frauen, Männer und Intersexuelle gibt, sondern eine ganze große Bandbreite von Geschlechtern. Und ist das nicht auch die Absicht solcher Diskurse?

Selbstverständlich geht mich die Art und Weise, wie andere Menschen sich geschlechtlich positionieren oder über Geschlechterdifferenzen sprechen, etwas an. Denn ich bin auch ein geschlechtliches Wesen und von Veränderungen, die sie anstoßen, selbst betroffen. Genauso ist es auch nicht nur meine Privatangelegenheit, wie ich mein Frausein lebe, es inszeniere (oder nicht) und mit Inhalten fülle. Niemand nimmt uns die Aufgabe ab, Geschlechtlichkeit gesellschaftlich zu leben und strukturell zu gestalten. Eine andere Instanz als unsere gemeinsame "Polis", die Politik, gibt es dafür nicht. Und der Maßstab, an dem wir uns dabei orientieren sollten, ist weder eine ominöse "natürliche Ordnung" noch die individuelle Meinung Einzelner, sondern, wie bei allen politischen Debatten, das gute Leben aller.