Der Fall von Gina-Lisa Lohfink steht paradigmatisch für das, was passiert, wenn Vergewaltigungsfälle mit prominenter Beteiligung vor Gericht verhandelt werden: Egal wie das Urteil heute ausgeht – der Fall wird alle Beteiligten auf Dauer stigmatisieren. 

Auch wenn Lohfink wegen des Verdachts der Falschaussage freigesprochen wird, lastet auf ihr der Vorwurf, den Prozess nur als PR-Gag inszeniert zu haben. Sollte sie zu einer Geldstrafe verurteilt werden, wird auf den beiden Männern weiter der Verdacht lasten, sie in einem Hotelzimmer vergewaltigt zu haben. Eine Videoaufnahme aus der fraglichen Nacht kursiert im Internet. Das alles lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Es geht in Vergewaltigungsprozessen auch heute, im Jahr 2016, immer noch um die Ehre. Die Opfer müssen als ehrbar gelten. Als Menschen, die ihre Sexualität hüten, sich nicht unvorsichtig verhalten, keine Mitschuld tragen. Lohfink entspricht diesem Bild nicht, sie ist laut, sexuell freizügig und dadurch verdächtig.

Noch nach Jahrzehnten die intimsten Fragen

Viele Frauen beschreiben nach einer Vergewaltigung, wie sie Opfermythen entsprechen mussten, um als glaubwürdig zu gelten, zum Teil nach noch Jahrzehnten. So etwa Samantha Geimer, die als 13-Jährige von dem Regisseur Roman Polanski vergewaltigt worden war und noch 30 Jahre später in Interviews darüber Auskunft geben sollte, ob sie zum damaligen Zeitpunkt Jungfrau war.

Geimer beschrieb in Interviews und ihrem Buch The Girl sehr eindrücklich, worunter sie nach der Vergewaltigung am meisten gelitten hatte: unter der jahrzehntelangen Verfolgung durch die Medien, die ihre Kinder vor der Haustür abgefangen und ihr selbst immer wieder bohrende, intimste Fragen gestellt hatten. Geimer hatte mit der Tat abgeschlossen und lebte ihr Leben – in Ruhe gelassen wurde sie nicht.

Kein Konzept für Heilung nach einer Vergewaltigung

Doch warum erzeugen Vergewaltigungen immer wieder so viel Aufmerksamkeit? Warum lohnt es sich für Medien, Fälle zu verhandeln, die oft jahrzehntelang zurückliegen und eigentlich als aufgeklärt gelten? Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu M. Sanyal stellt folgende These auf: "Da wir kein gesellschaftliches Konzept für Heilung nach einer Vergewaltigung haben, haben wir auch kein Konzept für den Wiedereintritt von Vergewaltigern in die Gesellschaft", schreibt sie in ihrem Buch Vergewaltigung – Aspekte eines Verbrechens.

Ein Vergewaltiger – auch ein nicht verurteilter – bleibt für große Teile der Gesellschaft ein Psychopath, ein Sexmonster, einer, mit dem niemand etwas zu tun haben will. Aber sollte es nicht auch für Vergewaltiger die Möglichkeit geben, ihr Verhalten zu reflektieren, zu lernen, sich zu bessern? Für andere Arten von Körperverletzung sehen wir das doch auch vor.

Die Ehre der Frau befindet sich nicht in ihrer Vagina

Dass während spektakulärer Vergewaltigungsprozesse die immer gleichen Fragen verhandelt werden, wird sich erst dann ändern, wenn wir verstanden haben, dass Betroffene sexualisierter Gewalt mit dem Erlebten verschieden umgehen, die Ehre der Frau sich nicht in ihrer Vagina befindet und wir diese Taten nicht von der Gesellschaft als Ganzes abspalten können.

Die Anthropologin kommt zu dem Schluss, dass Gesellschaften umso weniger Vergewaltigungen aufweisen, je egalitärer sie sind und je respektvoller die Menschen allgemein miteinander umgehen. Solange wir also in Vergewaltigungsprozessen nicht respektvoll mit Menschen umgehen, sollten wir darüber nachdenken, diese unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen.