Das Hundertwasser-Klo ist leicht zu finden. Gelegen an der Hauptstraße von Kawakawa leuchtet es der Neuseeland-Reisenden entgegen. Die öffentliche Toilette ist die Hauptattraktion dieses Örtchens auf der Nordinsel. Auf bunt glasierten Keramiksäulen ruht ein geschwungenes, mit Gräsern bepflanztes Dach. Links die Männer, rechts die Frauen. Die Krone des Baumes, den Hundertwasser dazwischen hat pflanzen lassen, ragt in den neuseeländischen Himmel.

Anja Maier, Jahrgang 1965, ist "taz"-Journalistin und Autorin. © privat

Drinnen ist es rappelvoll. Touristinnen stehen nach einem Kabinenplätzchen an. Während sie warten, fotografieren sie mit ihren Mobiltelefonen die Waschbecken, die runden Ecken und die farbigen Fliesenscherben. Sind sie einmal drin, lassen sie sich nieder, noch schnell ein Foto, dann Papier abreißen, abwischen, Hosen hoch und wieder raus. Andere wollen auch noch rein.

Pinkeln im Kunstwerk – in Neuseeland gibt es das. Die öffentliche Toilette in Kawakawa hat Friedensreich Hundertwasser in den neunziger Jahren entworfen und der Gemeinde geschenkt. Seit den siebziger Jahren lebte der Österreicher in der Bay of Islands, dort hat er sich am Ende seines Lebens nackt unter einem Tulpenbaum begraben lassen. 16 Jahre ist er schon tot – in seinem Hundertwasser-Klo herrscht nach wie vor Hochbetrieb.

Es ist kein Zufall, dass Hundertwasser seinen Mitbürgern ausgerechnet ein Klo hinterlassen hat. In Neuseeland sind Toiletten zentraler und selbstverständlicher Bestandteil des öffentlichen Lebens. Wo immer man hinkommt – in der Ortsmitte steht ein Klo. Nicht versteckt hinter der Gemeindeverwaltung, seitlich vom Spielplatz oder im Schatten des Supermarktes. Nein, neuseeländische Toiletten stehen gut sichtbar im Zentrum. Der Weg dorthin ist ausgeschildert und barrierefrei ausgebaut.

Natürlich ist es nicht überall so pittoresk wie in Kawakawa. Es gibt stinknormale Toilettenhäuser aus Holz oder Blech, aus Stein oder Plastik. Sie stehen in den Städten, im Wald, am Strand oder in den Bergen. Die meisten sind nach Geschlechtern getrennt, doch die Zahl der Unisextoiletten nimmt zu (wie übrigens auch die der Wickelräume auf Männerklos). Sie sind sauber. Jemand hat geputzt und den Boden gewischt, Toilettenpapier und Seife nachgefüllt und kontrolliert, ob der elektrische Händetrockner funktioniert.

Anfangs glaubt man noch, man habe einfach Glück gehabt, der Zufall habe gerade die Putzkolonne durchgeschickt. Bis man merkt: Das ist so in Neuseeland. Und das bleibt auch so. Bald gewöhnt man sich daran und lernt die Vorteile zu schätzen. Spontan irgendwohin aufbrechen – am Klo soll es nicht scheitern. Abends unterwegs noch ein Bier trinken – es gibt keinen Grund, sich in die Büsche hocken zu müssen. Auf Reisen menstruieren – kein Problem. Toiletten in Cafés und Restaurants sind für jedermann und jederfrau zugänglich, an den Türen hängen dort keine misstrauischen "Nur für unsere Gäste"-Zettel. In Kirchen, Postgebäuden, Museen, Verwaltungen weisen Schilder freundlich den Weg. Du musst mal?

Du kannst. Hier geht's lang.

Irgendwann fragt man sich: Warum ist das nicht auch zu Hause so? Warum hakt es bei diesem Aspekt körperlicher Grundversorgung? Warum machen wir es uns eigentlich so schwer? Zu müssen und nicht zu können – was für eine Scheiße. Wirklich.

In Deutschland sind öffentliche Klos ein Albtraum. Das schöne alte Wort Notdurft, hier findet es seine bauliche Entsprechung. Toiletten sind allermeist feuchte, schmutzige Orte, die frau mit angehaltenem Atem entert, um möglichst berührungsarm das Allernotwendigste zu erledigen und eilends wieder zu flüchten. Auf Konzerten, für die wir 60 Euro Ticketpreis bezahlt haben, überraschen uns die Veranstalter mit 40 zugeschissenen Dixi-Klos, durch deren angelehnte Türen wir Männern beim Stehpinkeln zusehen dürfen. Im Park oder auf dem Spielplatz halten wir das Kind lieber in die Büsche, als mit ihm im nahen Café um Aufnahme zu betteln. Im Zug hängen wir bei 220 Stundenkilometern schwankend über nassen Schüsseln und starren auf das Papier in der Pfütze rund um unsere Schuhe. Und falls ein Klo doch mal sauber sein sollte, kostet der Besuch sehr wahrscheinlich Geld.