Ob Donald Trump manchmal nachts wach liegt und sich heimlich wünscht, er hätte nicht für die Präsidentschaftswahl kandidiert? Oder ob er noch in seinen tiefsten Träumen von der Idee berauscht wird, der mächtigste Mann der Welt zu sein? Natürlich ist zu hoffen, dass er es nicht wird. Soll er doch in Mar-a-Lago Melania tyrannisieren, aber bitte nicht von Washington aus die ganze Welt. Seit die Briten aber im Juni für ihren Austritt aus der EU gestimmt haben, ohne dass irgendjemand einen Plan für das Danach hatte, seit ein Mann wie Boris Johnson britischer Außenminister ist, erscheint es durchaus möglich, dass Donald Trump der nächste Präsident der USA wird. Dieses irre Jahr 2016 vermittelt das Gefühl: Alles ist möglich. Sogar, dass amerikanische Bürger frei und demokratisch die Zivilisation abwählen.

Die Ereignisse überschlagen sich und mit ihnen die Gefühlswellen, die sie auslösen. Nach jedem Attentat fürchtet man, dass irgendwo das nächste verwirrte Ego darauf lauert, seinen Hass, seinen Weltschmerz oder seine Gewaltfantasien loszuwerden. Der Gefühlsausbruch des einen provoziert den eines anderen, immer begleitet von emotionsgeladenen öffentlichen Debatten. Alle fühlen sich bedroht, alle müssen sich zurechtfinden in einer beängstigenden Unübersichtlichkeit.

Vom Attentat bis zum Wahlkampf beherrschen Emotionen dieser Tage politische Ereignisse in einer Weise, als hätte es Errungenschaften der Aufklärung wie Vernunft oder Wissenschaft nie gegeben. In zwei richtungsweisenden Wahlen – der Brexit-Abstimmung und der US-Präsidentschaftswahl – geht die Auseinandersetzung mit Fakten völlig unter neben Kampagnen, die Wähler vor allem bei ihren Ängsten und Neurosen packen wollen. Wahlen gewinnt man offenbar nicht mehr mit Denkvermögen, sondern mit Gefühlen. Trump lehrt in den USA, wie man richtig hasst, in Großbritannien führt Johnson vor, wie man andere beleidigt. Hillary Clinton sehe aus wie eine "sadistische Krankenschwester in einer Psychiatrie", sagte er einmal – und ich frage mich, ob sich Clinton, sollte sie jemals mit Johnson auf einem Gipfeltreffen zusammenkommen, für diese Erniedrigung noch rächen wird.

Jenny Friedrich-Freksa lebt in Berlin. Sie ist Chefredakteurin der Zeitschrift "Kulturaustausch" und arbeitet als Autorin und Moderatorin mit den Schwerpunkten Internationale Beziehungen, Kultur und Außenpolitik. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Die Köpfe und Herzen gewinnen

Politik mit Gefühlen gab es immer schon. Hitler hat bekanntermaßen Emotionen ziemlich erfolgreich für seine Ziele genutzt, und jeder, der die Deutschen für ein nüchternes Volk gehalten hatte, wurde mit Hitlers Aufstieg eines Besseren belehrt. Und auch heute versuchen Politiker ihre Wähler nicht nur mit sachlichen Argumenten, sondern durch Sympathie zu erreichen. "Die Köpfe und Herzen gewinnen", heißt das dann. Als Politiker Gefühle zu zeigen bedeutet, menschlich rüberzukommen, zugänglich zu sein, engagiert für die Sache. Man denke nur an Claudia Roth, Queen of Emotions! Es fällt bisweilen schwer, sich auf die Inhalte zu konzentrieren, aber viel Herz ist immer dabei.

Die neuen Populisten Donald Trump und Boris Johnson wollen keine Köpfe und auch keine Herzen erreichen. Sie zielen auf tieferliegende Gefühlsschichten, auf dumpfe, unbewusste Bauchgefühle, jene Schichten, in denen Wut, Frust, Überforderung und Verletzlichkeit zuhause sind. Es ist schwer zu sagen, ob jemand wie Trump mit seinen Ausbrüchen selbst Schlechtes erschafft oder einfach niedere Instinkte an die Oberfläche zerrt. Jedenfalls fürchtet man bei der Gewalt, die aus seinen Reden trieft, dass jemand auf die Straße rennen könnte, um einen Schwarzen, eine Frau oder einen Mexikaner zu erschießen, einfach, weil Donald ihn so unglaublich wütend auf diese Leute gemacht hat.