Es gibt kaum ein Land, das so sehr mit seinem Nationalfeiertag, vielleicht sogar der Nation an sich fremdelt wie Deutschland. Während in Frankreich am 14. Juli das Militär auf dem Prachtboulevard der Champs-Élysées defiliert, mit den Insignien der Nation geschmückt und Kampfflugzeuge die Farben der Tricolore in den Himmel sprühen, ergehen sich Politiker hierzulande in ermüdenden Sonntagsreden. Und doch: Der 3. Oktober, dieser ungeliebte Nationalfeiertag, gibt Anlass zu einer Selbstreflexion, wie sich die Nation sieht oder wie sie gerne hätte, dass man sie sähe. Das zeigt sich wie unter einem Brennglas beim Cannstatter Wasen in Stuttgart und beim Münchener Oktoberfest, das gerade zu Ende geht und das so deutsch zu sein scheint, dass selbst dem Weltblatt New York Times keine adäquate englische Übersetzung für "pretzels", "biergarten" und "lederhosen" einfällt.

In den Bierzelten wird geschunkelt und ausgelassen gefeiert. "Ein Prosit der Gemütlichkeit", posaunen sich die Gäste in den Festzelten zu, Tausende Männerkehlen grölen: "Sauf, du Sack!". Es ist das immer gleiche Ritual. Mittlerweile ist das Fest, das die Königin von Württemberg vor über 200 Jahren ins Leben rief, um die Situation der Bauern zu verbessern und die Wirtschaft anzukurbeln, Teil der Eventgesellschaft geworden. Man muss Monate im Voraus reservieren, C-Promis vom Ballermann machen Stimmung, die Festzeltbesucher werden wie in einer Fabrik in Schichten abgefertigt. Das Fest ist mittlerweile derart folkloristisch verflacht, dass die Besucher nicht mal mehr in traditionellen Gewändern (die, zugegeben, nicht sehr attraktiv aussehen) erscheinen, sondern sich mit feschen bayerischen Lederhosen und Dirndl schmücken. Man muss sich ob der Kostümierung zuweilen fremdschämen. 

Aber warum reisen Touristen über Tausende Kilometer nach München oder Stuttgart?  Warum werden in Australien Replikas des Oktoberfests aufgebaut, auf denen man original bayerisches Bier trinken kann? Offensichtlich handelt es sich um einen Nukleus (imaginierter) deutscher Kultur, den man hier feiert. Jeder Amerikaner assoziiert mit Deutschland das Oktoberfest. Bier, blonde Madl, Dirndl, Bayern. Dass es sich hierbei um Stereotype handelt, liegt auf der Hand.

Heile Heidi-Welt

Diese Klischees werden von den Veranstaltern auch noch bedient. Die Stuttgarter Szenedisco Boa warb 2013 mit einem Pop-Art-Plakat für eine Veranstaltung in einem Bierzelt, das eine dralle Blondine im Dirndl mit Bierkrügen zeigt. Das ist schon kulturhistorisch ein Fauxpas, weil es eben keine Dirndl in Württemberg gab und gibt. Nun ist eine Diskothek vermutlich wenig sensibel, wenn es um solch kulturgeschichtliche Feinheiten geht. Aber hier wird ein Bild der Rückständigkeit gezeichnet, das sich leitmotivisch durch fast alle Plakate zieht. Die Frau als leicht bekleidetes Objekt der Verfügbarkeit, als Mutti hinterm Herd, der Mann als zupackendes, hemdsärmeliges Familienoberhaupt. Man hätte diese Plakate auch in den 1950er Jahren finden können.

Das Familienbild, das über diese Plakate transportiert wird, hat mit der Realität nicht mehr viel zu tun. Und doch sehnen sich die Menschen nach diesen "guten alten Zeiten" zurück, nach einer heilen Heidi-Welt, in der die Globalisierung einfach ausgeblendet wird. Volkfeste sind das Milieu, in dem man sich die gute alte D-Mark wieder wünscht, Fachgeschäfte statt Konsumtempel, Wetten, dass..? statt Facebook als Lagerfeuer der Nation. "Retropia" nennt der Soziologe Zygmunt Bauman diesen rückwärtsgewandten Topos in seinem neuen Buch, in dem die sozialutopistische Vision einer zwanglosen Gesellschaft mit reaktionären Ideen amalgamiert wird. Das Reaktionäre kleidet sich in popularisierte Kostüme. 

Verniedlichungsform von Dirne

Die Wandmalereien im neuen Hacker-Festzelt auf der Münchener Wiesn zeigen, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb, ein "leicht geschöntes", man möchte fast sagen: schönfärberisches Spiegelbild der Straßen und Plätze Münchens. Es sind "typische" Alltagsszenen: der Bierzeltbetreiber, Ex-Oberbürgermeister Christian Ude, der am Liesl-Karlstadt-Brunnen vorbeiradelt. Der Oktoberfestumzug auf dem Odeonsplatz, Surfer am Eisbach. Auch muslimische Frauen mit Nikab und Kopftuch sind auf den Wandmalereien abgebildet, was rechtskonservative Blogs aufschreien ließ, hier solle "politisch korrekt suggeriert" werden, dass der Islam zu Deutschland gehöre. So etwas Unerhörtes, dass Musliminnen zum Stadtbild Münchens gehören und auf den Gemälden dargestellt werden, sodass man auch noch im Bierzelt von der Islamdebatte behelligt wird! Der Rest des Inventars ist bieder: Holzvertäfelungen, Biertischgarnituren, gemusterte Tischdecken. Das entspricht dem Wunsch vieler Besucher, die gesellschaftliche Entwicklungen im Zelt nicht widergespiegelt sehen wollen. Das Bierzelt ist ein réduit, ein Bollwerk gegen die Moderne.

Wenn man über den Wasen oder die Wiesn schlendert und die jungen Leute in Lederhosen oder Dirndl sieht, wirkt das wie aus der Zeit gefallen. Diese Heimattümelei wird gern als Traditionalismus verklärt, als hätte der deutsche Michel seine Tugend wiederentdeckt. Es geht nicht nur um Kommerz – die Wiesn erzielt einen Umsatz von fast einer Milliarde Euro –, sondern auch um das Selbstverständnis unseres Landes.

Die Volksfeste kultivieren das Bild einer homogenen Nation, in der das Deutschsein von jedem kulturgeschichtlichen Ballast befreit ist und in eine hedonistische Atmosphäre transzendiert wird. In der bierseligen Stimmung im Festzelt darf man grölen, grabschen, saufen und deutsches Liedgut brüllen, ohne sich gleich des Verdachts des Nationalismus ausgesetzt zu sehen. Es ist neben dem Fußballstadion eines der letzten Refugien der Männlichkeit, das den Normen und Sitten des Alltags fast vollständig enthoben ist. Das Prosit der Gemütlichkeit ist nicht nur eine Glorifizierung des Biedermeiertums, sondern auch eine Loslösung von modernen Konventionen. Hier bringt die Frau noch das Bier, und der Mann kann Mann sein. Dass Dirndl die Verniedlichungsform von Dirne ist, scheint die emanzipierte Frau nicht zu stören.