ZEIT ONLINE: Herr von Nordheim, Sie haben untersucht, wie sich die Twitternutzer nach dem Amoklauf von München verhalten haben. Was ist Ihnen aufgefallen?

Gerret von Nordheim: In den Stunden nach dem Anschlag haben sich relativ schnell zwei parallele Netzwerke – sogenannte Cluster – gebildet. In dem einen Cluster waren vor allem die Münchener Polizei und traditionelle Medien wie der Spiegel, die Tagesschau, ZEIT ONLINE, auch einige Politiker. In dem anderen Cluster fanden sich die Accounts von Politikern der AfD und anderen Vertretern des rechten Spektrums. Beide Netzwerke waren fast völlig isoliert voneinander.

ZEIT ONLINE: Wie misst man so etwas?

Von Nordheim: Wir haben geschaut, ob und wie die Twitteruser aufeinander reagieren. Jeder Retweet, jede Erwähnung eines anderen Nutzers schlägt eine Verbindung. So bilden sich Netzwerke.

ZEIT ONLINE: Die abschließende Visualisierung ihrer Ergebnisse erinnert an zwei Sternensysteme.

Von Nordheim: Was den Diskurs betrifft, ist das Bild der zwei Sternensysteme im Fall von München nicht ganz falsch. Es gab tatsächlich zwei in sich geschlossene, parallele Deutungswelten. Während in der einen Welt noch debattiert wurde, wer der Täter war, wurden in der anderen Welt schon die Medien und die Politik für den Amoklauf verantwortlich gemacht und fremdenfeindliche Deutungsmuster bedient. Ein typischer Tweet lautete: "Der feuchte Traum der linksgrünen Blase ist geplatzt". Oder: "Danke an die SPD für die doppelte Staatsbürgerschaft", in Anspielung an die deutsch-iranische Herkunft des Täters. Der Tweet mit der größten Reichweite in dem zweiten Cluster lautete: "Deutschland im Visier des islamistischen Terrors! Nun muss das deutsche Volk für die Fehler der Regierung Merkel bluten!"

ZEIT ONLINE: Was können wir aus Ihren Untersuchungen lernen?

Von Nordheim: Wir wissen aus der Forschung, dass wir Menschen uns gerne mit Fakten und Meinungen umgeben, die unsere Grundeinstellungen nicht infrage stellen. Wir wollen nicht hinterfragt werden. In der Wissenschaft heißt der Fehler, der sich in unser Denken dadurch einschleicht: Bestätigungsfehler. Die sozialen Netze verstärken diesen Fehler noch, weil sie dazu einladen, uns nur noch mit Menschen zu verbinden, die genauso denken wie wir. In diesen Netzwerken – man kann auch sagen: Echokammern – entstehen dann Narrative, also Erzählungen, die keinen Widerspruch mehr erfahren. Im Fall von München lautete das Narrativ, dass Angela Merkel mit ihrer Flüchtlingspolitik den islamistischen Terror in Deutschland heraufbeschworen habe.

ZEIT ONLINE: Der Internetaktivist Eli Pariser spricht von einer Filterblase, der wir auf Netzwerken wie Facebook ausgesetzt sind.

Von Nordheim: Pariser meinte damit den invidualisierenden Effekt der Algorithmen von Google. Auch Facebook verwendet solche Algorithmen, um uns Beiträge zu zeigen, von denen Facebook annimmt, dass sie uns interessieren können. Das ist auch eine mächtige Selektion, die soziale Medien zu einem Zerrspiegel der Wirklichkeit werden lassen kann. Twitter hingegen kommt mit relativ wenig Algorithmen aus. Dennoch hatten wir im Fall von München diese beiden in sich geschlossen Echokammern. Das weist darauf hin, dass es auch wir selbst sind, die unsere Echokammern dadurch bauen, dass wir ein Netzwerk aus Gleichgesinnten spinnen.

ZEIT ONLINE: Ist also die Klage übertrieben, dass Facebook mit seinen Algorithmen dem politischen Diskurs schade?

Von Nordheim: Nein. Beide Effekte spielen eine Rolle: unsere eigene Psychologie und die Algorithmen. Wer behauptet, es liege allein in unserer Hand, wie wir in sozialen Medien agieren, spricht Unternehmen wie Facebook die Verantwortung für ihr Handeln ab. Die Politik sollte sich in meinen Augen auch nicht scheuen, Firmen wie Facebook stärker zu regulieren. Außerdem braucht es mehr Aufklärung. Viele Studien zeigen, dass Nutzer die Wirkungsmechanismen von sozialen Medien falsch einschätzen.

ZEIT ONLINE: Ihre Ergebnisse zum Münchener Amoklauf haben Sie in einem Blogpost mit den Worten "Poppers Alptraum" überschrieben. Was meinen Sie damit?

Von Nordheim: Der Philosoph Karl Popper hat einst die Idee des "kritischen Rationalismus" entwickelt. Er forderte und erträumte sich eine Lebenseinstellung, in der die Menschen bereit sind, auf "kritische Argumente zu hören und von der Erfahrung zu lernen". Jeder, sagt Popper, müsse zugeben können, dass er sich irren und der andere recht haben könnte. Wenn sich unsere Wahrnehmung in den sozialen Medien aber derart verengt und verzerrt, wird das unmöglich. Dann ist Poppers Traum in Gefahr.