Zur Berliner Abgeordnetenhauswahl wollen noch mal alle wissen, warum Berlin so ist, wie es ist. Und weswegen im Moment die Zeitungen und Radios und Fernsehsendungen mit Geschichten darüber gefüllt sind, warum Berlin so ist, wie es ist. Besonders gut einerseits, besonders schlecht andererseits.

Berlin scheint für viele, von außen betrachtet, etwas Besonderes zu sein, anders als Goslar oder Heidenheim an der Brenz. Berlin ist wie ein großer Widerspruch. Eine Stadt, in der angeblich nichts funktioniert. Gäbe es sie nicht, würde sich das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 0,2 Prozentpunkte verbessern. Und wie konnte also ein solches Gebilde überhaupt der sexiest place to be von hier bis Bischkek werden? Und wie gelang es ihr, nachdem das geschah, weiterhin so interessant zu bleiben?

Um zu verstehen, muss man in die Zeit vor dem Mauerfall zurück. Hier kann ich vor allem für Westberlin sprechen, nicht weil ich dort lebte, sondern weil ich als Westdeutscher einfach mehr Westberliner kenne, die mir erzählt haben, wie es damals so war, in Westberlin. Schön war's. Westberlin war too big to fail. Als kapitalistisches Bollwerk im politischen Herzen des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates war es vor allem Westberlins Symbolkraft, die dafür sorgte, dass Westberlin weiter sein durfte. Das bedeutete konkret: Egal, was passierte, Westberlin konnte sich sicher sein, aus Westdeutschland gab's Cash. Wenn man weiß, dass  Mami und Papi immer Geld zustecken, wird das mit der eigenen Unabhängigkeit ein bisschen schwierig.

So passierte das, was man aus den schlechten Beispielen der Entwicklungshilfe kennt: Anstatt dass sich was Eigenes, Unabhängiges entwickelt, bildeten sich gesellschaftliche und politische Strukturen, in denen es vor allem darum ging, wie man eine der D-Mark-Pipelines aus dem Westen für sich abzweigen konnte.

Ein Bundespolitiker der CDU erklärte mir einmal, dass Westberlin für die Parteien Westdeutschlands eine Art politische Bad Bank gewesen sei. Extrem praktisch. Man konnte alle Nervensägen dorthin verklappen. Für Westberlin nicht so praktisch, aber egal. Eine Bad Bank, die too big to fail ist, ist allerdings eine schwierige Konstruktion. Das alles hätte ewig ohne großes Aufsehen so weitergehen können, wäre nicht das passiert, womit ehrlich gesagt niemand gerechnet hatte, nämlich Mauerfall und Wiedervereinigung. Auf einmal fielen nämlich alle Gründe weg, Westberlin so zu päppeln, wie es zuvor gepäppelt wurde. Aus dem strahlenden Bollwerk gegen den Sozialismus wurde über Nacht eine große Stadt, die von Brandenburg umschlossen wurde.

Wie Eltern mit einem verwöhnten Kind

Jetzt war es also Aufgabe des nicht ganz so spitzenmäßigen politischen Spitzenpersonals, eine Stadt, die nie gelernt hatte, richtig selbstständig zu sein, zusammenwachsen zu lassen. Das ist ungefähr so, als würden Eltern, nachdem sie ihrem Kind 40 Jahre das Leben finanziert haben, von einem Tag auf den anderen sagen: "Ach ne, doch nicht mehr", und das zur Unselbstständigkeit verkommene Kind dazu zwingen, mit 40 endlich mal eine Schule zu besuchen, weil Abitur ist ja Voraussetzung für ein erfolgreiches Studium. In den neunziger Jahren wäre die CDU unter Eberhard Diepgen verantwortlich gewesen, bei der Frage, wie man diese beiden Städte ordentlich zusammenführt, auch direkt die Frage zu klären, wie man deren Verwaltung komplett neu organisiert. So eine Gelegenheit bietet sich nicht so oft, eigentlich nur nach einem Krieg.

Doch anscheinend war der damalige Senat damit zufrieden, die Verwaltungen irgendwie zusammenzuführen. Etabliert wurde, nach einer Bezirks- und Verwaltungsreform von 23 auf 12 Bezirke, ein nicht ganz so gut funktionierendes Parallelsystem zwischen Bezirken und Land Berlin, was vor allem dazu zu dienen scheint, je nach Bedarf die Schuld für etwas entweder auf das Land oder auf den Bezirk schieben zu können. Schade. Eine vernünftige Analyse der Berliner Verwaltung und deren Neuausrichtung hätte nämlich eine Antwort auf die Frage geben können, was man mit den etwa 200.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Berliner Verwaltung macht. Werden die nicht ordentlich eingesetzt, tun sie vor allem eins: Sie kosten Geld.

Die Politik hatte kaum Spielraum für Investitionen. Es gab keine D-Mark mehr von außen, und das Land Berlin häufte aufgrund eines strukturellen Defizits (Man gibt viel mehr aus, als man einnimmt) im Haushalt Milliardenschulden an: 1990 umgerechnet knapp 10 Milliarden Euro, waren es im Jahr 2000 bereits 35 Milliarden. Im Jahr 2001 kam der Berliner Bankenskandal und Berlin hatte über Nacht in etwa 20 Milliarden Euro Schulden zusätzlich. Hupsi. Berlin musste viele landeseigene Wohnungen verkaufen, die heute gebraucht würden, um die Mietentwicklung zu regulieren.