Sprache ist ein Bindemittel zwischen Menschen. Kriegsgrund und Liebesbote. Abgrenzung und Verschmelzen. Wenn man aber dort ankommt, wo Sprache fremd ist, kommt man in der unfreiwilligen Stille an. Und im hilflosen Suchen. Die Worte verkeilen sich im Mund wie Hühnerknochen. Fühlen sich an wie ein Fremdkörper, mal mehr, mal weniger scharfkantig. Wer ausgeschlossen ist aus dem beständigen Strom der Worte, der Kommunikation bedeutet, ist zurückgeworfen auf sich selbst.

Bei Menschen, die unfreiwillig ihre Sprachheimat verlassen und ins linguistische Neuland treten, beginnt ein Wettlauf unter den Familienmitgliedern. Wer ist zuerst bereit und fähig, sich zu öffnen, sich auszuliefern, ins Unbekannte einzutauchen? Wer knüpft Kontakt zu diesem Neuland, wer bringt die ersten Früchte der Kontaktaufnahme heim? Zumeist sind es diejenigen, die am wenigsten Vergangenheit zu verlieren hatten, diejenigen, die diese Suche nach Neuem als Alltag leben: Kinder und Jugendliche. Sie sind formbar, lernbegierig, mitten in der Entwicklung.

Julya Rabinowich wurde 1970 in St. Petersburg geboren und lebt seit 1977 in Wien. Sie ist Autorin, Bildende Künstlerin, Simultandolmetscherin und Kolumnistin. Ihr Jugendbuchdebut "Dazwischen: Ich" erschien 2016 im Hanser Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Margit Marnul

Was aber geschieht, wenn die Kinder plötzlich den Erwachsenen voraus sind? Dann kehrt sich das Familiensystem um, die angestammte Ordnung gerät ins Wanken. Die Letzten werden die Ersten sein, aber alle werden die Hunde beißen. Wenn das Kind gezwungen ist, seine Angehörigen in Krankenhäuser zu begleiten, um dort heikle oder sogar verheerende Diagnosen zu übersetzen, wird es in eine Situation gebracht, die es enorm unter Druck setzt. Wenn das Kind gezwungen ist, seine Eltern durch Stromschnellen und Treibsand der sogar für Muttersprachler schwer durchschaubaren Prozesse des Asylwerbens zu lotsen, liegt die Verantwortung für die gesamte Familie an ihm.

Sechs-, Zwölf-, Vierzehnjährige übersetzen bei Behörden, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Kaufhäusern, in Schulen. Sie sind kleine, unermüdlich durch die Leere schwirrende Wortkometen. Der Familienkörper wächst an das neue Land an: über ihre Augen und Ohren. Abstoßungsreaktionen inkludiert.

Wenn der Familienpatriarch also durch sein Verstummen plötzlich von der minderjährigen Tochter abhängig wird, wird nicht nur seine Welt erschüttert. Kinder sind loyal, voller Entschuldigungen für ihre Eltern, voller Verständnis für sie und voller Hilfsbereitschaft. Das Problem liegt nicht allein in der dem Alter nicht entsprechenden, kaum zu ertragenden Verantwortung: denn höchst ungern sieht sich ein Familienoberhaupt entthront und auf die Hilfe seiner Kinder angewiesen. Natürlich ahnen alle halbwegs verantwortungsvollen Erziehungsberechtigten, dass diese absurde Situation dem Minderjährigen nur schaden kann. Ändern werden sie die Situation aber kaum können, solange nicht genügend Dolmetscherdienste zur Verfügung gestellt werden. Und wer nicht darüber reflektieren möchte, der überfordert sein Kind, ohne es wahrzunehmen.