Es gibt einen Irrtum, der auch in Deutschland ziemlich weit verbreitet ist: Er basiert auf der Annahme, dass die Mehrheitsgesellschaft den Minderheiten einen Gefallen täte, wenn sie ihnen Chancengleichheit gewährte. Dabei ist zumindest in westlichen Demokratien das Gegenteil wahr: Indem die Minderheiten die Punkte identifizieren, an denen sie noch immer aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Ethnie oder ihrer Religion benachteiligt werden, konfrontieren sie die zu Selbstzufriedenheit neigende Mehrheit mit ihrer eigenen Heuchelei.

Diese Heuchelei ist in Staaten, die sich die Gleichbehandlung all ihrer Bürger zur Aufgabe gemacht haben, gewissermaßen voreingestellt. Einerseits pochen sie in der Welt auf Gleichheit und Toleranz. Andererseits müssen sie sich immer wieder daran erinnern lassen, dass sie diese Prinzipien oft genug selbst nicht einhalten. Dieser ewige innere Widerspruch hält ein gesellschaftliches Gespräch im Leben, das Norbert Elias als "Prozess der Zivilisation" bezeichnet hat.

Deshalb ist es kein Ausdruck überschäumender Political Correctness, wenn man Studien wie die, die das Bonner Institut für die Zukunft der Arbeit (IZA) gerade veröffentlicht hat, für einen Skandal hält: Das Institut hat herausgefunden, dass in Deutschland Frauen mit einem türkischen Namen auch dann noch sehr viel mehr Bewerbungen auf dieselbe Stelle schreiben müssen, wenn sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und über dieselben Qualifikationen verfügen wie eine fiktive Konkurrentin namens Sandra Bauer.

Keine Kleinigkeit

Wenn sie auf dem Bewerbungsfoto außerdem ein Kopftuch tragen, werden sie noch seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Und je höher die Qualifikationen sind, die der Job voraussetzt, desto unwahrscheinlicher wird eine Einladung für die deutsche Frau mit dem türkischen Namen. Die Ergebnisse dieser Studie sind keine Kleinigkeit.

Schließlich heißt es in Artikel 3 des Grundgesetzes nicht, niemand dürfe aufgrund seines Geschlechts und seines Glaubens benachteiligt werden, es sei denn, er sei eine Frau mit einem türkischen Namen, dann sei das vollkommen in Ordnung. Dort steht: niemand. Trotzdem gibt es in Deutschland eine flächendeckende, empirisch belegte Benachteiligung von Frauen mit türkischen Namen.

Das heißt: Nicht nur in muslimisch geprägten Ländern werden muslimische Frauen diskriminiert. In Deutschland ergeht es ihnen ganz ähnlich, selbst wenn sie Bürgerinnen dieses Staates sind. Angesichts der Ergebnisse dieser Studie müsste es jedem Deutschen kalt den Rücken runterlaufen.

Die schlechteste Variante

Als die CSU kürzlich erklärte, sie sei dagegen, dass sich ihr weltoffenes Land durch Zuwanderung verändere, ergoss sich sehr viel billiger Spott über die Partei. Dabei hat sie aus Versehen lediglich eine Wahrheit offengelegt: Die Offenheit, die sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft am liebsten selbst attestiert, ist oft nicht viel mehr als ein Slogan, ein Marketing-Gag des Exportweltmeisters.

In Wahrheit ist Deutschland in Fragen des multiethnischen Zusammenlebens noch immer sehr viel unbeleckter, als man es einem europäischen Einwanderungsland zutrauen würde. Erst kürzlich schrieb der britische Economist, dass die Art und Weise, wie Deutschland die Ethnie seiner Bewohner feststellt, wahrscheinlich die schlechteste von allen sei.

Statt zu fragen, welcher Ethnie sich der Einzelne selbst zurechnen würde, fragt Deutschland bei seinen Volkszählungen nach dem Geburtsort der Eltern, um seiner ethnischen Zuschreibung einen Anschein von Objektivität zu verleihen. Dadurch wird die Ethnie allerdings wieder zu einer Frage des Blutes und ist nicht etwa ein subjektives Selbstverständnis wie in Großbritannien oder den USA. Dass die weißen Deutschen die Minderheiten in ihrem Land schon wieder ganz ungezwungen nach ethnischen Kriterien sortieren, die sie sich selbst ausgedacht haben, fand der Economist, nun, zumindest befremdlich.

Das N-Wort

Eigentlich wissen alle, dass Deutschland bei den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über die Gleichbehandlung der Ethnien noch ganz am Anfang steht. Nur die Deutschen nicht. Als die in Berlin lebende britische Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo in diesem Sommer mit dem renommierten Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, gab sie dem Guardian daraufhin ein Interview, in dem sie über die Deutschen das hier berichtete:

"Briten sind höflicher, sie wissen, dass man das N-Wort nicht benutzt. Trotzdem habe ich immer das Gefühl, dass es da eine Glasdecke gibt. In Deutschland hingegen sagen dir die Leute komplett einfältige Sachen direkt ins Gesicht, und sie sagen es mit einem Lächeln, weil sie nicht wissen, dass es rassistisch ist. Das ist sehr erfrischend. Damit kann ich umgehen." Weiße deutsche Journalisten hätten Interviews auf Englisch mit ihr führen wollen, nachdem sie gerade den Bachmann-Preis für ihre deutsche Prosa gewonnen hatte, berichtete Otoo.

Keine Karriere

Wenn Deutschland die 20 Prozent seiner Bevölkerung, die nach offizieller Zählweise über einen Migrationshintergrund verfügen, nicht noch weiter entfremden will, wird es einen Weg finden müssen, ihnen die Teilnahme am öffentlichen Leben nicht schwerer zu machen als allen anderen. Das liegt schon deshalb im Interesse Deutschlands, weil es sich das Land kaum leisten kann, den Talenten, die es selbst ausgebildet hat, große Karrieren zu verwehren, weil sie den falschen Namen tragen.

Um sich diese Leute nicht entgehen zu lassen, hat die Yale University kürzlich gar ihren Aufnahmetest geändert. Bislang wurde Bewerbern einfach die Gelegenheit gegeben, etwas über sich selbst zu erzählen, was sie für relevant hielten. Bewerbern aus weißen Mittelstandsfamilien fiel dazu in der Regel sehr viel mehr ein als Bewerbern aus armen Einwanderermilieus: Sie konnten von ihrem ökologischen Jahr in Peru erzählen und ihrem Austauschjahr in Shanghai.

Machtstrukturen und Ethnizität

Foucault und der Postkolonialismus haben an den amerikanischen Universitäten allerdings die Vorstellung davon verändert, was relevantes Wissen eigentlich ist. Dass Wissen von Machtstrukturen und Machtstrukturen von Ethnizität jeweils nicht zu trennen ist, ist in den USA weithin anerkannt. Yale fordert seine Bewerber in seinen Eignungstests deshalb jetzt auf, zu erzählen, was für einer Community sie sich zurechnen würden und welche Spuren sie dort hinterlassen haben. Auf diese Weise sind das Engagement, der Enthusiasmus und der Idealismus der Bewerber unabhängig von ihrer Ethnie oder ihrer sozialen Herkunft besser zu vergleichen.

Frankreich musste schmerzlich erfahren, wohin es führen kann, wenn sich die Minderheiten jahrzehntelang benachteiligt fühlen. Zuerst brannten die Vororte, jetzt zeigt sich eine ganze Generation junger Muslime anfällig für die radikalen Thesen der Terroristen. In diesem Sommer hat die Regierung im ganzen Land Plakate aufgehängt, auf denen Arbeitgeber aufgefordert wurden, bei ihren Bewerbungsverfahren zuerst auf die Qualifikation zu achten, nicht auf die Hautfarbe.

Wo Chancengleichheit untergraben wird, wächst Radikalismus heran. Auch Deutschland schuldet nicht nur seinen ethnischen Minderheiten, für ihre Gleichstellung zu sorgen. Es schuldet es sich selbst.