Der Journalist Klaus Harpprecht im Jahr 2011 © Henning Kaiser/dpa

Streitlustig blieb er bis zuletzt, von Altersmilde keine Spur. Der große Journalist Klaus Harpprecht konnte hart sein im Urteil, manchmal auch ungerecht. Er schätzte es nicht, wenn die Dinge ungesagt blieben. Er pflegte seine Freundschaften, aber auch seine Feindschaften. Ein unabhängiger Kopf, frei, eigensinnig und souverän.

Es mag an der Herkunft aus dem schwäbischen Pfarrhaus gelegen haben, die ihm eine innere Freiheit mit auf den Lebensweg gegeben hatte. Der Vater gehörte der Bekennenden Kirche an. Ein Vetter, Julius von Jan, der am Buß- und Bettag 1938 mutig von der Kanzel gegen den Naziterror predigte, wurde brutal zusammengeschlagen. Die beiden Brüder Harpprechts fielen im Krieg.

Jemand mit diesen Prägungen in den Jugendjahren war für alle Zeiten gegen Wahn und Diktatur gefeit. Klaus Harpprecht hat das Kriegsende als den Tag auch seiner ganz persönlichen Rettung und Befreiung in einem großen Artikel für die ZEIT beschrieben. Der Text war Teil einer Serie von Essays zum Ende des Zweiten Weltkrieges (1945 und heute), in dem wir Schlüsselbegriffen wie Diktatur, Lager, Widerstand und Erinnern nachgingen.

Er war ein Brandt-Mann

Harpprecht hatte mir bei der Konzeption der Serie geholfen. Wir sprachen über Themen und Autoren, verwarfen und überlegten neu. Als Autor schätzte ich ihn sehr. Er kannte die Welt, hatte ein profundes historisches, politisches, literarisches Wissen und scheute nie ein klares Urteil. Damals, als die Zusammenarbeit mit der ZEIT am engsten war, hatte er die Siebzig bereits überschritten. Er hätte es sich gemütlich machen können in seinem Haus im südfranzösischen La Croix-Valmer. Aber das wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Er war von einer einschüchternden Schaffenskraft. Alle paar Jahre legte er ein neues gewichtiges Buch vor, darunter 1995 seine Monumentalbiografie über Thomas Mann, seine Erinnerungen an die Jahre als Redenschreiber von Willy Brandt (Im Kanzleramt), eine Biografie über die Chefredakteurin und Herausgeberin der ZEIT, Marion Dönhoff (Die Gräfin), und schließlich, im Jahr 2014, seine Memoiren (Schräges Licht).

Als Journalist und Schriftsteller hat er die Bundesrepublik von Beginn an begleitet, war ihr Chronist und Kritiker. Harpprecht ersparte sich das Universitätsstudium, ging direkt in den Journalismus. Er schrieb für die Wochenzeitung Christ und Welt, war Kommentator beim Rias, beim SFB und beim WDR, ging als erster Korrespondent für das ZDF nach Washington. 1966 übernahm er die Leitung des S. Fischer Verlags in Frankfurt, bevor ihn dann Willy Brandt nach Bonn holte.

Er war – und blieb Zeit seines Lebens – ein "Brandt-Mann". Herbert Wehner verfolgte er mit seinem Hass, Helmut Schmidt begegnete er mit inniger Abneigung. Willy Brandt aber verehrte er, seinen Reformelan, seine Liberalität und Internationalität. Nur keine Enge des Denkens – darin waren sich der Kanzler und sein Redenschreiber einig.

Bewunderer der Franzosen und Amerikaner

Es war ja nicht so, dass es diese Bundesrepublik dem Intellektuellen Harpprecht einfach gemacht hätte. Seine Frau Renate Lasker-Harpprecht hatte mit ihrer Schwester Anita Lasker-Walfisch Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt. Im Deutschland der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre lebte das Ehepaar unter den Tätern und Mitläufern der NS-Diktatur, die es in der Bundesrepublik zu Ämtern, zu Ehren und zu Einfluss gebracht hatten. Wie mit dem Verschweigen und der Verlogenheit umgehen? Klaus Harpprecht hat von seiner Frau einmal gesagt, glücklicherweise besitze sie "die ungeheure Gabe, den Leuten mit nüchterner Normalität zu begegnen".

Auch Harpprecht konnte das, er hat nicht gehadert mit seinem Land. Die Politik der Westbindung unter Adenauer unterstützte er genauso vorbehaltlos wie Willy Brandts Ostpolitik. Vielleicht fand er die Bundesrepublik ein wenig spießig. Er bewunderte den Freiheitswillen der Amerikaner, die Bereitschaft zum immer neuen Aufbruch ebenso, wie er die Lebenskunst und die Lebensfreude der Franzosen liebte.

Wenn er uns in der ZEIT-Redaktion am Hamburger Speersort besuchte, dann las er uns manchmal die Leviten, weil wir wieder irgendein wichtiges Thema nicht richtig eingeordnet oder regelrecht verschlafen hatten. Das war insofern eine gute Autorenstrategie, weil am Ende immer jemand unweigerlich sagte: "Klaus, dann schreiben Sie's doch!" Er ließ sich nicht lange bitten.

Klaus Harpprecht war ein kritischer Geist, ein wortmächtiger Autor, ein großartiger Journalist, ein verehrter Kollege. Jetzt ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.