Algorithmen, intelligente Software und Roboter können immer mehr Dinge, zu denen noch vor Kurzem allein der Mensch fähig war. Über die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) und deren Folgen berichtet ZEIT ONLINE in der neuen Serie Maschinenraum.


"Verpiss dich!", brüllt mich die Frau an. Eigentlich brüllt sie nicht mich an, sondern einen gewissen Jens Gallant, der mir seinen Datenfeed freigeschaltet hat. Nun sehe ich, was er durch seine altmodische Smartbrille sieht.

"Ähm ...", mache ich mich bemerkbar.

"Oh sorry", murmelt er und wendet sich ab. Rechts in seinem Gesichtsfeld eine Meldung: "1 Stunde Pflege für 83-Jährige. Ort: Dennertstraße 47/33. Zeit: 12.30 Uhr. Lohn: 6 EUR/3 SC."

"Okay, muss los", sagt Gallant, ich weiß nicht, ob zu mir oder der Frau. Er hastet durch eine unaufgeräumte Wohnung. 

"Die Bezahlung ist ein Witz", schimpft er, "aber ich habe keine Wahl." In seiner Brille blendet sich die Route ein.

Marc Elsberg ist Autor der Bestseller "Blackout" und "Zero". Beide Thriller wurden als "Wissensbuch des Jahres" (2012, 2014) ausgezeichnet. Sein neuer Thriller "Helix" erscheint Ende Oktober 2016. © Lukas Ilgner

"Wieso", frage ich ihn durch die Funkverbindung, während Gallant durch ein düsteres Treppenhaus hastet.

"Mein Social-Credit-Kontostand zwingt mich", erklärt Gallant. "Von Hartz 4.0 allein würde ich verrecken."

"Social Credits?" Ich bin erst 13, Jahrgang 2018, mit Geld kenne ich mich nicht so aus.

"Genau deshalb darfst du mich heute für dein Lernprojekt begleiten", sagt er. "Damit verdiene ich ein paar SCs."

Er erreicht ein rostiges Klappfahrrad. "Ich kann jetzt nicht weiterreden, brauche meine Luft zum Radeln. Frag ein Microtutorial."

"Klar, kein Problem." Niemand lernt mehr in monate- oder jahrelangen Kursen auf altmodischen Schulen oder Universitäten. Wir bringen uns alles selbst bei, wann wir wollen, unterstützt von KIs, alles online. In meiner Datenlinse erscheint der täuschend echte Avatar meiner virtuellen Lehrerin. Mein Soundbutton hinterm Ohr ist aktiviert. Begleitet von Videoclips erklärt sie mir:

Microlearning: Soziale Währungen

'Soziale Währungen' ergänzen und ersetzen zunehmend klassische Währungen. Ursprünglich wurden die Systeme in vordigitaler Zeit für Zielgruppendefinitionen in Werbung und Marketing entwickelt. Ein wesentlicher Unterschied bei Big-Data- und KI-gestützter Motivermittlung besteht in den zugrundeliegenden Daten. Klassische Meinungsforschung bediente sich der 'Aussagen' von Konsumenten oder Wählern. Moderne Systeme analysieren die 'Handlungen' der Personen. Aufgrund extensiver Datenakquise sind diese weitgehend erfasst. Aus ihnen kann man seit den 2010er Jahren sehr präzise auf Wertvorstellungen schließen, die dem Verhalten zugrunde liegen.

Die Unternehmen definieren für ihre Modelle Kategorien von Wertvorstellungen. Das reicht von einem Dutzend Grundwerten, die den klassischen Kardinaltugenden ähneln, bis hin zu Wertewelten mit mehr als 100 Punkten wie Ehrgeiz, Verlässlichkeit oder Familiensinn. So definiert man auch den Anteil verschiedener Wertvorstellungen an dem jeweiligen Verhalten und am Gesamtcharakter. Man nennt das 'quantifizieren'. Was quantifizierbar ist, kann man in mathematische Formeln gießen und handeln. So bekamen Wertvorstellungen einen Preis und wurden zu handelbaren Produkten. Wenig überraschend offenbaren diese datenbasierten Motivermittlungen übrigens, dass Menschen teilweise anders handeln, als sie glauben zu denken.

Künstliche Intelligenz - Die Nachrichten des Jahres 2030 – als Dystopie Wie könnte künstliche Intelligenz unsere Zukunft beeinflussen? Hier die pessimistische Sichtweise in Form einer fiktiven Nachrichtensendung. © Foto: Zeit Online

Als Währungstechnologie traten diese Konzepte erstmals in den späten 2010er Jahren auf. Dank neuer Anbieter konnte jeder seine Daten sammeln, analysieren und verwerten. Einerseits durch direkten Verkauf an interessierte Unternehmen, andererseits durch Lifestyle-Programme, die einem Tipps gaben, wie man seine Werte verbessert. Mit den Handelssystemen gekoppelt sind automatisierte Smart-Contract-Systeme, die zur Einhaltung des Angebots verpflichten. Wenn jemand also eine gewisse Menge 'Mut' oder 'Sozialität' besitzt, kann er diese isoliert handeln, oder in Wertebündeln. Komplexe Algorithmen setzen diese Wertangebote in Handlungsangebote um. Wenn ich meinen Mut anbiete, kann dieser – je nach Anforderung – von anderen genutzt werden, sei es als Zivilcourage, Investitionsfreude, in einem Kampfeinsatz und bei Tausenden anderen Gelegenheiten.

Rund um diese Systeme bildete sich eine eigene Infrastruktur. So können soziale Währungen verschiedener Anbieter automatisiert an spezialisierten Börsen gegeneinander und in klassische Währungen gewechselt werden. Ein weiterer Grund für den Erfolg der neuen Systeme ist der zunehmende Vertrauensverlust in klassische Währungen.

Den entscheidenden Durchbruch erlebten sie mit dem sozialen Wandel der vergangenen Jahre. So verwenden die prekären Milieus, also die überwiegende Mehrheit, zunehmend Soziale Währungen als Ersatzzahlungsmittel. Ein wenig ist es die Weiterentwicklung der alten lokalen Tauschringe, in denen Fähigkeiten gegeneinander gerechnet wurden – eine Stunde Babysitten gegen einmal Wasserhahn reparieren –, nur digital und im Global Village. Letztlich bestimmen diese Werte heute deine Position, deinen Wert in der Gesellschaft.