"Woran zweifelt Ihr am meisten?"

Diese Frage stellte ich kürzlich meinen Studierenden an der Bir-Zait-Universität in Palästina. Jedes Jahr im Sommer verlasse ich Berlin, um in Ramallah einen Kurs in europäischer Philosophie der Moderne zu unterrichten. Dieses Mal ging es darum, Grenzen zu überwinden – die Grenzen zwischen einander und zu den jeweiligen Philosophen. Denn gerade hier in Palästina wird immer offensichtlicher, wie entscheidend das persönliche Leben für die Entstehung und Entwicklung von Gedanken ist.

Meine Frage bezog sich auf Descartes' Meditationen – auf seine Aufforderung, zumindest einmal im Leben alles anzuzweifeln. Nach einem Moment der Stille kam die erste Antwort: "Ich zweifle am meisten an der Existenz des Guten und dass wir unser Handeln daran orientieren sollten", sagte einer der Studierenden. "Hier handeln doch alle böswillig." Die Studierenden brachen in Gelächter aus. Es war ein Lachen der Erleichterung, weil endlich mal jemand gewagt hatte auszusprechen, was sie alle fühlten und nicht die moralisierenden Vorstellungen wiederkäuten, die ihnen beigebracht worden waren.

Adania Shibli ist eine palästinensische Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin. Sie lebt zwischen Berlin und Jerusalem und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Die meisten meiner rund einhundert Studierenden nehmen große Mühen auf sich, um in der Bedrohungslage aus politischer und wirtschaftlicher Not die Universität zu besuchen. Sie kommen aus verschiedenen Teilen Palästinas, zwischen denen man sich kaum noch bewegen kann. Mit all den Straßensperren, der Mauer und dem Fahrverbot für palästinensische Fahrzeuge auf bestimmten Straßen haben sich die Entfernungen zwischen den Orten vergrößert. Nach Jerusalem brauchte man von Bir Zait früher eine halbe Stunde, inzwischen sind es zwei, nach Hebron drei.

Die Verhandlungen in Oslo hatten 1993 eine immer stärkere Zergliederung der palästinensischen Landschaft zur Folge, eine Aufteilung in unterschiedliche Zonen und Gebiete, in denen immer neue Methoden der Besatzung, Segregation und Isolation umgesetzt werden. Diese Aufteilung hat das Konzept einer in sich zusammenhängenden palästinensischen Gesellschaft zunichte gemacht. Junge Menschen wie meine Studierenden begegnen selten Israeli, die kein(e) Soldat_innen oder Siedler_innen sind, aber auch kaum Palästinenser_innen aus anderen Gegenden. Wie viele andere verbinden sie diesen Zustand mit dem Friedensprozess, der ihrer Unterwerfung und der ihrer Eltern und Großeltern eigentlich ein Ende hatte setzen sollen. Doch stattdessen hat er die Entstehung mehrerer großflächiger Gefängnisse, wie sie die Studierenden nennen, zur Folge, die die israelischen Behörden nach Belieben schließen und öffnen.

Zuflucht vor der Verzweiflung

In dieser Situation hat sich die Universität zu einem der wenigen Orte entwickelt, wo junge Menschen sich treffen und begegnen können und zumindest für ein paar Jahre so etwas wie Zuflucht finden. Zuflucht vor der Verzweiflung einer Realität, die einzig verspricht, ihren Verstand, ihre Sehnsüchte, Leidenschaften und vor allem ihre Menschlichkeit zu zerstören.

Denn selbst, wenn sie das alles ignorieren wollten, dringen die Erfahrungen, die sie außerhalb der Universität machen, allzu oft in die Unterrichtsräume. Manche verpassen ihre Vorlesungen, weil sie an einem Checkpoint aufgehalten, von der israelischen Armee festgenommen oder vom Geheimdienst zum Verhör bestellt werden. Oder sie liegen seit Wochen im Krankenhaus, weil sie bei einer Demonstration angeschossen wurden. So sehen wir uns mit jedem Text, den wir von Locke, Kant, Marx, Freud, Foucault oder Said lesen, mit Herausforderungen konfrontiert, die sich entweder aus aktuellen Ereignissen oder den anhaltend schwierigen Lebensbedingungen ergeben. Kant zufolge würde eine Gesellschaft am Aufklärungsprozess scheitern, befreiten ihre Mitglieder sich und ihr Denken nicht von den Zwängen, die ihnen auferlegt wurden. Die Studierenden meinen, die palästinensische Gesellschaft sei ohnehin verurteilt, am Aufklärungsprozess zu scheitern, da sie realen Zwängen unterliegt, die Meinungsfreiheit verbieten und auch oft bestrafen.

Die Besatzung hat nicht nur die räumlichen Verbindungen innerhalb der Gemeinschaft zerstört, sondern auch die sozialen. An den Kontrollpunkten müssen Palästinenser_innen beispielsweise ein Drehkreuz durchlaufen, das immer nur jeweils eine Person passieren kann, oder aber sie sitzen im Auto in einer Warteschlange. "Natürlich will man so schnell wie möglich den Checkpoint passieren, und zwar vor den anderen", erklärt einer der Studierenden, der täglich in Kalandia vorbeikommt. "Und es sind die anderen Palästinenser_innen in der Schlange, die einen aufhalten, die versuchen sich vorzudrängeln." Die Feindseligkeit, die die Wartenden in diesen Situationen spüren, richtet sich oft gegen andere Palästinenser_innen, nicht gegen die israelischen Soldat_innen. Vor ein paar Jahren hat sogar ein Mann einen anderen mit einem Messer getötet, als dieser versuchte, sich beim Kalandia-Checkpoint vorzudrängeln.