Vergangene Woche erzählte mir eine Freundin von einer Veranstaltung, die sie vor Kurzem in Berlin besucht hatte: Authentic Eros – for all Genders and Sexual Orientation. Authentischer Eros für alle Geschlechter und sexuellen Orientierungen. Ihren Schilderungen nach war der Besuch dieses zweitägigen Workshops ein einschneidendes Erlebnis. Sie hatte sich dort erstmals in ihrem Leben mit ihren eigenen sexuellen Bedürfnissen befasst. Ihre größte Erkenntnis – neben der Entdeckung des Gebärmutterhalses als erogene Zone: "Ich hatte zu viel schlechten Sex, weil ich dachte, ein guter Abend sei erst ein guter Abend, wenn er mit Sex endete. Dabei war es mir egal, wie der Sex für mich war. Ich habe nun gelernt, dass man ein gutes sexuelles Erlebnis, einen krassen Orgasmus einfach mit sich selbst haben kann, dass man dafür keinen Penis braucht."

Stefanie Lohaus ist Journalistin. Herausgeberin und Redakteurin des "Missy Magazine". Sie lebt in Berlin und ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Urban Zintel

Mich erstaunt das ein wenig, denn ich selbst habe mir (und ich hoffe, ich bin da ganz durchschnittlich) Masturbieren mit 12 selbst beigebracht. Ganz allein und ohne zu wissen, was ich da tue – und seitdem nicht mehr damit aufgehört. Als frühe erotische Inspirationsquellen dienten mir einige Stellen aus Das Delta der Venus von Anaïs Nin sowie aus Henry Millers Wendekreis des Krebses, die ich aus dem Bücherregal meiner Mutter nach längerer Suche zwischen Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns und Marie Marcks herausgefischt hatte. Ich bin froh darum, dass meine Eltern – im Geiste der 1968er – es geschafft haben, mir einen halbwegs lockeren und liebevollen Umgang mit meinem Körper zu vermitteln, dass sie mir auf meine kindlichen Fragen zu Aufklärung und Verhütung, aber auch dazu, wie sich ein Orgasmus anfühlt und was schwul heißt, immer eine aufrichtige Antwort gegeben haben. Auch wenn sie dabei manchmal rot wurden.

An diese Begebenheiten musste ich denken, als ich am Samstag in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit Peter Sloterdijk las, der einen erotischen Roman veröffentlicht hat, mit dem Titel Das Schelling-Projekt. Ich wusste, dass das Buch kommen würde, weil es ein paar Gerüchte darum gab und im vergangenen Jahr eine Lesung mit ihm auf der Frankfurter Buchmesse, von der mir berichtet wurde, dass Sloterdijk ein bisschen eklig sei und über den weiblichen Orgasmus schreibe. Eklig – keine Ahnung. Ich bin ja ganz froh zu wissen, dass Sexualität nicht mit 65 in Rente geschickt wird.

Eine sehr raumgreifende Meinung

Grundsätzlich muss ich aber gestehen, dass mich das Buch nicht interessiert. Die Zeit, in der ich neugierig Sexstellen aus Büchern herausgesucht habe, ist vorbei. Nicht mal der Bestseller 50 Shades of Grey lockte mich. Doch dann stolperte ich über eben dieses fünfseitige Interview mit Peter Sloterdijk und bemerkte, dass es ihm um alles mögliche geht, nur nicht um ein Weiterdenken der sexuellen Revolution. Ich halte es für symptomatisch, dass einem Sloterdijk zu diesem Thema ein solcher Platz in einer der größten deutschen Tageszeitungen eingeräumt wird, während Menschen, die ein tatsächliches Anliegen und Interesse daran haben, den Status Quo zu verändern, in den Medien – ja, im selben Medium – angegriffen werden.

Doch kurz zum Inhalt des Buches: Mittelalte Menschen, Männer und Frauen, einer davon heißt Sloterdijk, die anderen tragen Namen wie aus einem Werner-Comic (Guido Mösenlechzner, Desiree von Lippe), tauschen sich per E-Mail über ihre Sexualität aus, ihre Biografien, ihr Älterwerden. Anlass bietet ein zum Scheitern verurteiltes Forschungsprojekt mit dem Titel: "Zwischen Biologie und Humanwissenschaften: Zum Problem der Entfaltung luxurierender weiblicher Sexualität auf dem Weg von den Hominiden-Weibchen zu den Homo-Sapiens-Frauen aus evolutionstheoretischer Sicht mit ständiger Rücksicht auf die Naturphilosophie des Deutschen Idealismus."

Das ist genauso gaga, wie es sich anhört, soll es auch sein und ist nicht weiter erwähnenswert. Zentral sind ihre Erzählungen und die Bewertungen ihrer sexuellen Erlebnisse, die eher zahm geschildert werden und ich frage mich schon, wie prüde man sein muss, um das dreckig zu finden. Im Buch wird den sexuellen Erfahrungen der 1968er im Aschram und so weiter gehuldigt, der klitorale und vaginale Orgasmus wird als wichtigste evolutionäre Errungenschaft überhöht.

Im Interview erzählt Sloterdijk, es gebe eine neue Prüderie und an der sei – wie kann es anders sein – der Feminismus schuld. Die SZ stellt diese These dann noch in den Vordergrund, indem sie das Interview mit dem Untertitel ankündigt, dass "das Verhältnis zwischen Frauen und Männern heute oft von Misstrauen und Unsicherheit geprägt sei". Unter anderem wird der Philosophin Judith Butler an einer Stelle Sexualitätsfeindlichkeit unterstellt (Sloterdijks Katze schlage den Kater beim Sex so, als ob sie Butler gelesen hätte) – was ich absurd finde, da mir kein einziges Wort von Butler bekannt ist, das sich abwertend auf den Geschlechtsakt bezieht.)