Tinder ist für Romantiker. Findet zumindest der Tinder-Erfinder Sean Rad. Elf Milliarden Kontakte, betont der Internetunternehmer gern, habe seine Datingapp bereits hergestellt zwischen ihren 50 Millionen Nutzern. Von platonischer Freundschaft bis Liebe des Lebens sei alles dabei gewesen. Und fast noch wichtiger: Tinder, glaubt er, habe Dating vereinfacht. Früher brauchte man Mut, Blumen, Selbstwertgefühl, solchen Quatsch. Für Tinder braucht man nur ein Smartphone, ein Foto (am besten von sich selbst, aber nicht zwingend) und einen Daumen.

Möglicherweise verroht und verblödet die Menschheit darüber gerade, aber sonst spricht eigentlich nichts dagegen. Tinder hat das Onlinedating aus der Heimlich- und Peinlichkeitsnische befreit. Das Unternehmen könnte stolz darauf sein, scheint sich jedoch eher zu schämen. Diverse Neuerungen der letzten Monate sollten die App netter und nutzerfreundlicher machen, verwässerten aber stattdessen ihr Kerngeschäft. Nun vernetzt sich Tinder mit dem Streamingdienst Spotify, um den vermeintlichen Musikgeschmäckern seiner Nutzer bei der Partnersuche größeres Gewicht zu verleihen. Auch das ist Ausdruck einer Profilneurose beim Fleischmarktführer.

Natürlich ist Tinder nichts für Romantiker. Es ist die Ansteckkrawatte des modernen Datings: ein bisschen schäbig, alles andere als elegant, aber immerhin effektiv. Wer sich mit einer gewissen Schmerzfreiheit in den Links- und Rechtswischwahn stürzt, kann seinem Sexleben sogar neue Horizonte eröffnen. Weil Tinder Partnervorschläge nach Zufallsprinzip macht, landen die Nutzer schon mal in Stadtteilen, Gesellschaftsschichten oder Betten, auf die sie bestimmt nicht von selbst gekommen wären. Das gibt den Treffen einen Hauch von Anarchie. Selbst wenn sich dieser Hauch am Ende als Knoblauchsalami entpuppt.

Möchte man das wirklich wissen?

Warum besteht Tinder jetzt darauf, seinen Nutzern das Leben unnötig schwer zu machen? Theoretisch muss ein erfolgreiches Date nicht länger dauern als eine Ramones-Platte. Wischen, rein, raus, weiterwischen. Sich dabei mit Lieblingsliedern aufzuhalten, erscheint eher lästig.

Ist es nicht schon genug der Blöße, am Mittwochabend noch mal rauszufahren nach Marzahn, zu Nico, 22, Bodybuilder? Muss man wirklich wissen, dass der beim Gewichtheben Fler hört? Muss Nils, 34, Kindergärtner mit Ringelkniestrümpfen, wirklich noch beweisen, dass er im Sommer auf sieben Beatsteaks-Konzerten war? Steht der Lehramtsstudentin Theresa, 24, die Bosse-Playlist nicht ohnehin ins Gesicht geschrieben? Kann bei Luis, 30, dem Hackysack spielenden Expat aus Alicante, überhaupt etwas anderes im Schlafzimmer laufen als Manu Chao? Gibt es eine Welt, in der Clarissa, 19, FSJ-Absolventin, beim Umtopfen ihrer Blumen nicht Casper hört?

Sean Rad preist seinen Deal mit Spotify als aufregendes neues Kapitel der Tinder-Geschichte. Tatsächlich steckt eine Anpassung an andere Dating-Angebote dahinter. Bumble etwa, das angeblich feministische Tinder, das ausschließlich weiblichen Usern kommunikatives Erstschlagrecht einräumt, kooperiert bereits mit Spotify. Tastebuds setzt bei der Zusammenführung seiner Nutzer ganz auf überlappende Musikvorlieben. Leider scheinen nur Menschen den Dienst zu nutzen, die sich ohnehin schon vom Tätowierer kennen müssten.

Tinder macht da jetzt mit, weil es mehr sein möchte als der Abschleppdienst einer angeblich beziehungsunfähigen Generation. Vielleicht muss man solche Dinge wollen, wenn die Aktien des Mutterkonzerns an der Wall Street für 16 Dollar gehandelt werden. Vielleicht gleicht sich die App auch gerade ihren Nutzern an, ähnlich wie ein Herrchen seinem Hund. Selbst wer den Schlüssel zum großen Fickt-euch-alle in der Hand hält, scheint jedenfalls tief drinnen auf der Suche nach etwas Festem zu sein. Auch Tinder will einfach nur geliebt werden. Das ist zwar süß, aber da wischt man doch lieber nach links.