Wenige Amerikaner erinnern sich an die Sätze, die im Wahlkampf vor vier Jahren zwischen Mitt Romney und Barack Obama fielen. Aber viele erinnern sich an die Gesten. Es war während der zweiten Presidential Debate im Fernsehen. Romney bezichtigte Obama einer Lüge – der Gouverneur dachte, in dieser Minute werde er die Präsidentschaft gewinnen. Triumphierend, gierig schaute er auf den Präsidenten, der ihm bedeutete, zur Sache zu kommen ("Please proceed, Governor"). Die Moderatorin korrigierte Romneys Falschdarstellung. Plötzlich: ein ungemein entspannter Obama ("Can you say it a little louder, Candy?") und ein komplett aus dem Konzept gefallener Romney.

Die Ähnlichkeiten zu einem Boxkampf waren nicht von der Hand zu weisen. Das Thema war in diesem Moment Nebensache. Man konnte das Drama, die Rollen, das, was auf dem Spiel stand, auch ohne Ton erkennen. Es war eine Tragödie en miniature: der Mann, der Präsident sein wollte, und der erkennen musste, dass der, der es bereits war, das Amt aus gutem Grunde innehatte. Der versuchte, vor dem Publikum ein Schmierentheater aufzuführen, und der übertölpelt wurde, nicht von der Wahrheit, sondern von weitaus besserem Theater.

Eigentlich sollte den Ausschlag geben, was ein Kandidat sagt, sogar in den von sogenannter Optik besessenen USA. Aber das Publikum will griffige Formeln – zumindest behaupten es die Medien – und erklärt den, der sie liefert, zum Gewinner. 100 Millionen Zuschauer sollen am Montag die erste Presidential Debatte zwischen Hillary Clinton und Donald Trump gesehen haben, per Internet, sogar per Virtual Reality konnte man sie verfolgen. Wenn tatsächlich griffige Formeln dabei waren, werden wir sie in den Sozialen Netzwerken und Zeitungen finden. Aber nicht an dieser Stelle.

Vorstellungen von einer guten Vorstellung

Nach einem ganzen Jahr ständiger Medienpräsenz sind 90 Minuten Trump fast nicht auszuhalten. Viel verpassen konnte man ohnehin nicht, zumal der Moderator Lester Holt dazu angehalten war, dem Wahrheitsgehalt von Donald Trumps Aussagen nicht nachzugehen. Wenn der Wahlkampf also eher durch starkes Theater denn durch starke Inhalte gewonnen wird: warum die Debatte nicht ohne Ton schauen?

Im Duell Trump gegen Clinton war die Körpersprache noch wichtiger als bei Romney gegen Obama. Erschreckend viele Amerikaner können sich Trump als Präsident vorstellen. Aber während der Vorwahlen hat sich auch gezeigt: Die Vorstellungen des Publikums decken sich nicht unbedingt mit der Vorstellung, die Trump abliefert. Jedes Mal, wenn er in einer der endlosen Town Halls oder Republican Debates auf der Bühne stand, verlor er an Zuspruch – immer nur leicht, immer nur eine Zeit lang, aber es schien doch einen negativen Effekt zu haben, Donald Trump beim Präsidialsein zusehen zu müssen.

Hillary Clinton hingegen halfen ihre wenigen Debatten gegen Bernie Sanders. Während ihrer Auftritte wirkte sie gut vorbereitet, seriös, kompetent. Richtige Gewinner hatte keine der Democratic Debates, aber Clinton wirkte plausibel. Man sah ihr zu und konnte sich vorstellen, was sie nach einer nationalen Tragödie sagen würde oder wie sie den Kongress für ein großes Projekt gewinnen würde.

In den Grenzen des geteilten Bildschirms

Die Erwartungen an die erste Presidential Debate des Wahlkampfs waren dementsprechend hoch. Von Clinton wollten alle mehr Leidenschaft. Bei Trump lauerten die US-Medien auf ein Desaster. "Will she get under his skin?" wollten sie wissen, und sie meinten wohl: Sagt er etwas komplett Bizarres und Deplatziertes? Auch ohne Ton konnte man erkennen, dass sie ihm keine großen Fehltritte abrang – jedenfalls keine größeren als er jeden Tag macht, ohne dass es für ihn jemals Konsequenzen hätte. Aber unpräsidial wirkte er von der ersten bis zur letzten Minute. Und das muss es gewesen sein, worauf sie abzielte.

Das Mise en scène des Duells versuchte, diese beiden Kandidaten zu normalisieren, wohl wissend, dass sie nicht normal sind. Die Haupteinstellung war der geteilte Bildschirm mit den beiden Kandidaten als körperlose Torsos. Es sollte, endlich einmal in diesem psychotischen Jahr, unaufregend sein. Donald Trumps gestischem Vokabular waren damit enge Grenzen gesetzt, aber auch Hillary Clintons Körpersprache, die in der Totale verklemmt wirken kann, wurde auf das Wesentliche reduziert. So wollte man möglicherweise konservativen Verschwörungstheorien zu Clintons Gesundheit entgegenwirken.