ZEIT ONLINE: Frau Rojas, Sie haben gerade das Magazin Anxy über die Crowdfundingplattform Kickstarter finanziert. Wozu braucht man ein Hochglanzmagazin über psychische Krankheiten?

Indhira Rojas: Ich bin Designerin und wollte mit meinen Mitteln einen Raum schaffen, in dem es möglich ist, darüber zu sprechen, was in uns vorgeht: Schmerz, Trauer, Zwänge oder Traumata. Nicht nur mir fällt es schwer, darüber zu reden, sogar mit Menschen, die mir wirklich nahestehen. Viele Kranke leiden still.

ZEIT ONLINE: Warum fällt es uns leichter, über körperliche Krankheiten zu sprechen als über psychische?

Rojas: Man braucht sich nur die amerikanische Wahl anzuschauen! Wir bekommen immer wieder zu hören, dass es Gewinner und Verlierer gebe. Wenn man psychische Probleme hat, scheint man irgendwie kaputt oder zu schwach zu sein. Wichtig in unserer Kultur ist die Leistung, und dass man perfekt ist. Man muss jemand von Format sein, jemand, zu dem aufgeschaut wird. Wir wollen dazugehören und verstecken dann eben das, was hinter dieser Grenze liegt, die man uns immer wieder zeigt.

ZEIT ONLINE: Ist Anxy also ein Magazin für psychisch kranke Leser?

Rojas: Nein, wir glauben gerade nicht, dass es einerseits die Gesunden und andererseits die Kranken gibt, sondern ein großes Spektrum von mentaler Gesundheit und Krankheit. Jeder Mensch erlebt Verletzungen, große und kleine. Außerdem nehmen Menschen gerne Anteil an anderen Schicksalen, Geschichten und Erfahrungen. Nicht nur in Filmen oder Büchern wollen wir verstehen, wie Menschen ticken.

"Wir wollen kein Fachblatt für Therapeuten werden"

ZEIT ONLINE: Der Trailer, mit dem Sie sich erfolgreich um Finanzierung bei Kickstarter beworben haben, verspricht ein sehr kunstvolles, schön designtes Heft. Warum ist es Ihnen so wichtig, dass Anxy toll aussieht?

Rojas: Als Designerin empfinde ich es als schmerzlich, dass viele Themen, mit denen ich mich beschäftige, so schlecht dargestellt werden. Dabei helfen Kreativität und Kunst sogar, Erfahrungen zu verarbeiten. Bilder sind fast mächtiger als Worte. Warum nicht mit beiden Mitteln diese Geschichten erzählen? Anxy soll kein Fachblatt für Therapeuten und kein Selbsthilfeforum werden, sondern ein Magazin, das man gerne anschauen will, weil es schön ist.

ZEIT ONLINE: Den Trailer könnte man jedoch fast für Werbung halten, als wäre Leiden gar attraktiv. Verharmlosen Sie Krankheiten durch diese starke Ästhetisierung?

Indhira Rojas, geboren 1983, ist Grafikerin und leitet die Marketingagentur Redindhi Studio in Berkeley. Gemeinsam mit einigen Kolleginnen gründete sie per Crowdfunding das Magazin "Anxy", das sich mit psychischen Krankheiten befasst. © Michelle Le

Rojas: Warum darf Leiden nicht schön sein? In Traurigkeit liegt Schönheit. Und es ist durchaus möglich, all diese schmerzhaften Emotionen durch gutes Design zu würdigen. Denken Sie an Elliott Smith: Seine wunderschöne Musik rührt einen zu Tränen. Man muss es doch nicht immer als Alternative begreifen: entweder schön oder authentisch. Es gibt diese seltsame kulturelle Vorstellung, dass Leiden hässlich sein müsse, damit wir es ernst nehmen. Mir persönlich hilft Schönheit dabei, mit Erfahrungen fertig zu werden. Wir wollen echte Geschichten mit künstlerischem Anspruch würdigen. Ohne künstlich zu beschönigen!

ZEIT ONLINE:
Also werden echte Menschen gezeigt?

Rojas: Ja.

ZEIT ONLINE: Exponieren Sie diese Menschen nicht damit ?

Rojas: Wir überlassen es jedem, selbst zu entscheiden, welchen Grad an Öffentlichkeit oder Anonymität er oder sie eingehen will: Manche wollen ihre Geschichten endlich erzählen und zwar öffentlich, um die Scham und die Heimlichkeit hinter sich zu lassen. So war es bei mir.

ZEIT ONLINE: Welches Erlebnis haben Sie verarbeitet?

Rojas: Ich habe einen persönlichen Essay zu meinem Kindheitstrauma veröffentlicht, dort erzähle ich von sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung. Als ich danach mit einem Freund einen Kaffee trinken ging, konnten wir auf einmal darüber reden. Und dann hat er umgekehrt seine Geschichte mit mir geteilt. Eine ganz andere Geschichte, aber auch sehr persönlich. Wir kannten uns seit Jahren, aber wir haben uns zuvor nie diese Geschichten erzählt. Meine Veröffentlichung hat Türen geöffnet.