In San Francisco gibt es einen neuen Dating-Service, bei dem die Klienten nicht mehr von Algorithmen aneinander vermittelt werden, sondern von Menschen. Der Dienst heißt Tawkify, er wurde von der 72-jährigen Elle-Kolumnistin E. Jean Carroll gegründet und erfreut sich gerade großer Beliebtheit.

Dem amerikanischen Magazin Business Insider sagte Carroll: "Die Leute sind nicht immer ganz ehrlich, wenn sie sich online selbst beschreiben. Algorithmen funktionieren nicht. Ein Computer kann Menschen nicht zusammenbringen." Tawkify beschäftigt deshalb Menschen, die ziemlich genau das machen, was bei althergebrachten Dating-Apps die Software macht und annodazumal ein Heiratsvermittler erledigte. So weit ist es schon gekommen: Menschen nehmen Algorithmen wieder die Arbeitsplätze weg.

Auch dem Leiter des Goethe-Instituts New York, Christoph Bartmann, ist aufgefallen, dass die obere Mittelschicht in den USA zusehends Menschen für Aufgaben bezahlt, von denen es gerade noch hieß, sie fielen in naher Zukunft den Maschinen zu. In seinem Buch über Die Rückkehr der Diener zeigt Bartmann, dass sich die Kunden nach wie vor tendenziell für den erfahrenen Blick der Gouvernante und gegen den Algorithmus entscheiden, wenn Geld nicht das entscheidende Kriterium ist.

Rund um die Uhr bewirtschaftet

Agenturen vermitteln in den USA ganze Heerscharen von Hausangestellten: Kindermädchen, Hauslehrerinnen, Gourmetköche, ausgebildete Haushälter, offizielle Butler, Haushaltspaare, professionelle Wäscherinnen, Chauffeure, Gärtner, persönliche Assistenten und einiges mehr. Der bürgerliche Haushalt hat sich wieder zu einem relevanten Arbeitgeber entwickelt, zu einem Feld, das von unterschiedlich spezialisierten Arbeitskräften rund um die Uhr bewirtschaftet wird.

Das ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich: Erstens sind die Unterschiede zwischen den Reichsten und den Ärmsten wieder ausreichend groß. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat gezeigt, dass sich die Vermögensverhältnisse in den westlichen Industrieländern nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend angeglichen haben, der Abstand zwischen den oberen und den unteren Zehntausend also kleiner geworden ist. Seit den frühen achtziger Jahren wandert das Geld in den USA und Westeuropa allerdings wieder konstant von unten nach oben und von den öffentlichen Haushalten zu privaten Organisationen.

Wie im 19. Jahrhundert

Zweitens ist dank der niedrigen Flugpreise die graue Arbeitsmigration zwischen den armen und den reichen Ländern heute so preiswert zu bewältigen, dass sich im globalen Süden ein schier unendliches Reservoir an billigen Arbeitskräften aufgetan hat, die von Tarifsystemen und Gewerkschaften nicht erfasst werden. Auf diese Weise wird menschliche Arbeit auch für Privathaushalte aus der Mittelschicht erschwinglich.

Dieser Kindermädchen-Jetset lohnt sich oft für beide Seiten: Von dem Geld, das die Arbeitsmigranten an die Finanzämter der Länder abführen müssten, in denen sie arbeiten, können sie in ihren Heimatländern mitunter ganze Häuser bauen. Deshalb arbeiten die neuen Servicekräfte häufig lieber schwarz und verzichten auf Krankenversicherung und Altersvorsorge, um kurzfristig auf einen besseren Lohn zu kommen.

Das funktioniert für die Ukrainerinnen in Paris genauso wie für die Mexikanerinnen in New York oder die Philippinerinnen in Hong Kong. Während westliche Regierungen zusehends bemüht sind, Arbeitsmigration zu erschweren, steht der globalisierte Schattenarbeitsmarkt der Hausbediensteten in voller Blüte.

Christoph Bartmann geht es in seinem Buch nicht zuletzt um sprachliche Operationen: Die Theoretiker der Sharing Economy haben die Vorstellung durchgesetzt, bei den Leuten, die frühmorgens zu Putzschichten in die teuren Privatwohnungen in den Innenstädten ausrücken oder Pizzen durch die Gegend fahren, handele es sich um Entrepeneure. Dabei ähneln sie eher den Hausbediensteten im 19. Jahrhundert: Sie sind Boten, Hausmädchen, Köche und Wachleute.