Meine Reise nach Grosny dauerte zwei Tage. Sie führte von Georgien 300 Kilometer über den Großen Kaukasus nach Norden, über Nordossetien und Inguschetien nach Tschetschenien.

Die Georgische Heerstraße verläuft durch ein Nadelöhr, im geografischen wie politischen Sinne: die Darialschlucht, wo sich zwischen Bergmassiven eingezwängt die georgisch-russische Grenze befindet und sich riesige Autoschlangen stauen. Auf der georgischen Seite warten entlang der Straße tagelang Hunderte Lastwagen, mit Länderkennzeichen aus allen ehemaligen Sowjetrepubliken außer den baltischen Staaten.

Meine erste Station, das ossetische Wladikawkas, auf Deutsch "Herrsche über den Kaukasus", präsentiert sich in diesem Sommer in Vorbereitung der Parlamentswahlen mit großen Putin-Plakaten, darauf ein roter Schriftzug: "Werim! – Wir glauben". Meine Gastgeberin bittet ihren Bruder, uns durch die abendliche Stadt zu fahren: Die Straße ist eine kilometerlange Allee des Ruhmes, gewidmet den nordossetischen Helden, unter ihnen die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Die Osseten hatten besonders viele Opfer innerhalb der Roten Armee zu beklagen. Die deutsche Wehrmacht war bei Wladikawkas verheerend geschlagen worden.

Elke Bredereck, geboren 1971 in Halle an der Saale, hat in Berlin und Moskau studiert. Sie war DAAD-Lektorin in Odessa, unterrichtet Deutsch in Berlin und ist als Reiseleiterin im Kaukasus, in der Ukraine, Litauen und St. Petersburg unterwegs. Sie hat Features für den Deutschlandfunk geschrieben und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Privat

Gedichte der Mütter aus der Hölle

Der nächste Tag. Beslan liegt 20 Autominuten entfernt. Es ist drückend heiß. Die Schule Nummer 1 ist eine menschenleere Ruine. Hier wurden am 1. September 2004 während der Einschulungsfeier mehr als 1.000 Kinder, Lehrerinnen und Eltern von tschetschenischen Terroristen als Geiseln in eine Turnhalle gesperrt. Ohne Wasser, bei unerträglicher Hitze, bedroht von den schwer bewaffneten Geiselnehmern wurden die Menschen drei Tage lang festgehalten. Bei der Erstürmung durch russische Spezialeinheiten am 3. September stürzte die Decke der Turnhalle ein, dabei starben die meisten Opfer.

Die Journalistin Anna Politkowskaja, die aus Moskau gekommen war, um zwischen Geiselnehmern und der russischen Regierung zu vermitteln, war offenbar im Flugzeug nach Beslan vergiftet worden und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die Forderungen der Geiselnehmer, Abzug aller russischen Truppen, Rücktritt Putins, Freilassung der tschetschenischen Gefangenen, kamen nicht an die Öffentlichkeit.

Über dem Eingang des Friedhofes ein Schriftzug, "Stadt der Engel". 331 identische rötliche Grabsteine, auf jedem ein Foto, manchmal auch Gedichte der Mütter, die die Hölle überlebten, aber ihre Kinder nicht retten konnten.

Die Schule beginnt heute in Beslan nicht mehr am 1., sondern am 5. September.

Ich will weiter nach Grosny.

Anna Politkowskaja ließ uns nicht schlafen

Meine Reise nach Tschetschenien dauert eigentlich schon zehn Jahre. Sie begann vor der Russischen Botschaft in Berlin mit einem bemalten Bettlaken, "Anna, deine Stimme lebt", das wir den vereinzelten Journalisten nach dem Mord an Anna Politkowskaja am 7. Oktober 2006 entgegenhielten.

Wir hatten Anfang der neunziger Jahre in Moskau studiert, damals waren die Geschäfte leer und die Menschen bitter, aber wir liebten die Sprache, Musik, das Ungeordnete, die Maßlosigkeit …

Wir waren geschockt, wir weinten, es war nicht mehr "unser Russland".

Anna Politkowskaja, eine zarte Frau, war für uns das Symbol für aufrechten und gnadenlos forschenden Journalismus. Akribisch ging sie Morden und Entführungen nach, vor allem in Tschetschenien, und war oft die einzige Hoffnung der tschetschenischen Familien, etwas über ihre verschwundenen Angehörigen zu erfahren.

Frauen jeden Alters, Fotos ihrer vermissten Söhne, Männer, Brüder in die Kamera haltend, und das Bild von Anna Politkowskaja, die im Fahrstuhl ihres Wohnhauses durch vier Schüsse getötet wurde, ließen uns nicht schlafen.