Hiroshi Ishiguro hat sich selbst ein Denkmal gesetzt: der Schöpfer und sein Roboter-Zwilling © Hiroshi Ishiguro

Wenn man ehrlich ist, ist diese eine Frage zum Verrücktwerden. Vielleicht steht sie deshalb so klein auf einem Schild im zweiten Stock des Miraikan-Museums in Tokio, damit ihre Größe einen nicht erschreckt oder einschüchtert oder wahnsinnig macht und man sie am besten nur kurz aus dem Augenwinkel sieht und sie rasch wieder vergisst.

Lieber sieht man dieser Frau zu. Sie sitzt hinter einer Absperrung einfach stumm auf einem Sessel. Schwarze Haare, weiße Weste, die Hände im Schoß, sie blinzelt hin und wieder. Man könnte sie für die japanische Version für Marina Abramović halten, die in New York einmal 700 Stunden auf einem Stuhl saß. The Artist is present, hieß das, die Künstlerin ist zugegen. Aber plötzlich erhebt sich die Frau und winkt den Besuchern zu. Etwas mechanisch, als sei sie gerade aufgewacht oder als sei ihr Arm eingeschlafen oder als winke sie zum ersten Mal. Und die Besucher fotografieren, verblüfft, weil diese Frau so täuschend echt aussieht, weil sie so eine Frau noch nie gesehen haben wie sicherlich die meisten auf der Welt. Sie heißt Otanoroid und ist ein Android, ein humanoider Roboter. Und die Besucher schauen wieder auf das Schild, ganz klein steht da diese Frage: "Was ist der Mensch?"       

Vielleicht kann Otanoroids Schöpfer das ja beantworten. Etwa 600 Kilometer von Tokio entfernt hat Hiroshi Ishiguro sein Institut an der Universität in Osaka. Sie liegt am Stadtrand, man muss einen gepflegten Park durchqueren, entlang einer Allee mit Gingko-Bäumen und japanischen Funktionsbauten. Hinter einer grauen Tür auf einem grauen Gang mit vielen grauen Türen blickt Ishiguro auf seinen Computer.

Popstar der Roboterforschung

Er trägt Schwarz. Schwarzer Rollkragenpullover, schwarze Hose, schwarze Schuhe. Sein Haar, geföhnt wie das eines Filmstars aus den siebziger Jahren. Sein Büro ist abgedunkelt, die Bilder an den Wänden zeigen ihn und seine Erfindungen. Beiläufig legt Ishiguro seine Visitenkarte auf den Schreibtisch. Sein kleiner Zaubertrick, den er angeblich jedem vorführt, der ihn besucht: Auf der einen Seite ist ein Foto von ihm, auf der anderen sein künstlicher Zwilling, der Geminoid. "Na, wer von beiden bin ich?", fragt er leise und dreht sich zurück zu seinem Computer, als erwarte er gar keine Antwort.     

Ishiguro ist 52, ein schmaler Mann, der so spricht, als habe man ihn gerade bei etwas gestört. Vielleicht ist er bloß höflich genervt. Davon, dass ständig Journalisten aus dem Ausland vorbeikommen und ihn staunend zu den Dingen fragen, die er schon lange für selbstverständlich hält. Vielen im Robotikland Japan gilt Hiroshi Ishiguro als einer der radikalsten Vertreter einer kommenden Gesellschaft, in der Menschen und Androiden nebeneinander existieren sollen. Ishiguro ist so etwas wie der Popstar der japanischen Roboterforschung, "Android Science", wie er es selbst nennt. Für seine Ideen wird er bewundert, aber eben auch von vielen belächelt.       

Ishiguro hat Kunst studiert, bevor er sich der Robotik zuwandte. Sein Institut gehört weltweit zu den führenden Forschungseinrichtungen für Roboter. In diesem Frühjahr hat er dort ein Fünfjahresprojekt begonnen. Seine Androiden sollen in naher Zukunft völlig autonom agieren, mit Bedürfnissen und Zielen, so etwas habe es noch nie gegeben. "Ich zeig Ihnen was", sagt er und klickt auf ein Video auf seinem Computer. Eine schöne junge Frau mit langen schwarzen Haaren spricht mit einem Mann. Sie lächelt kokett, sie zwinkert und blinzelt, sie rollt mit den Augen, sie verzieht das Gesicht. Die Frau ist die neueste Version von Ishiguros Androiden, der Geminoid F.

Die Fernreisen übernimmt der Android

"Sehen Sie", sagt Hiroshi Ishiguro, "sie will gemocht werden". An seinem Institut hat er Kognitionsforschung, behaviouristische Wissenschaft und Neurowissenschaft mit Robotik kurzgeschlossen. Rund 30 Mitarbeiter helfen dabei, den Androiden so etwas wie Bedürfnisse einzupflanzen, in aufwändigen Programmierungen, damit sie wie lebende Wesen wirken.   

Ihre Haut besteht aus Silikon, sogar Poren sind nachmodelliert. Für seinen persönlichen Zwilling hat Ishiguro seine eigenen Haare verwendet. Seit er ihn vor neun Jahren baute, hat Ishiguro die Oberflächen und das Innere seiner Geschöpfe immer weiter verfeinert. Sie können in Gesprächen reagieren, ihre Mimik ist manchmal schon so aphoristisch wie bei einem Schauspieler. Manche von ihnen werden bereits in Seniorenheimen eingesetzt, andere als Rezeptionisten in Hotels. Ein paar Prominente wie die Fernsehmoderatorin Ayako Fuji haben auch einen gekauft – als ihren eigenen Klon. Vielleicht muss man etwas eitel sein, um sich sein eigenes lebensechtes Abbild aufs Sofa zu setzen. Der Zwilling des Professors sei übrigens gerade mit einem Assistenten der Universität unterwegs, irgendwo in den USA. Auf Vortragsreise. Ishiguro selbst müsse nicht mehr die lange Strecke fliegen. "Recht bequem", sagt er.   

Den Androiden steuert er über das Internet, seine Bewegungen, die Dinge, die er sagt. Er spricht mit Ishiguros Stimme. Der Geminoid ist die avancierteste Erfindung des Forschers. Der Telenoid vielleicht seine unheimlichste. Eine Puppe aus Gummi mit beweglichen Augen, ein weißes gespenstisches Wesen, das in etwa so funktioniert wie ein Telefon. Wer durch den Telenoid spricht, den nimmt ein Computerprogramm auf. Eine Sprachsoftware überträgt den Ton, eine andere Software überträgt die Gestik und Mimik auf den Androiden. Telepräsenzroboter lautet der Fachbegriff dafür. Ein schwarzes, stummes Modell seiner Erfindung hängt an der Wand in Ishiguros Büro.