Der junge Mann mit den schönen dunklen Locken springt auf einen Caféhaustisch und hält eine flammende Rede: "Zu den Waffen! Zu den Waffen!" Eine Menge von Menschen, Tausende womöglich, umringt ihn, man diskutiert, erregt sich. Irgendwann steckt sich der Redner ein grünes Band an den Hut – das Zeichen der Hoffnung, der Freiheit. Zwei Tage später erstürmt das Volk von Paris die Bastille. Die Französische Revolution hat begonnen.

Naja, das ist ein bisschen unscharf. Eine der Quellen für diese Szene ist ein Brief, den der Rebell in ziemlich selbstbesoffenem Zustand an seinen Vater geschrieben hat. Und natürlich hat der Journalist und Abgeordnete Camille Desmoulins, der als politischer Weggefährte des prominenteren Georges Danton 1794 guillotiniert wurde, später bei Georg Büchner auftauchte und immer mal wieder im Film, die Revolution nicht ausgelöst. Wir wissen seit Marx, dass Einzelne keine Geschichte machen – die ergibt sich aus Verschiebungen in den Produktionsweisen und Kräfteverhältnissen einer Gesellschaft.

Aber manchmal scheinen solche leidenschaftlichen Individualaktionen eine Entwicklung auf den Punkt zu bringen. Die Französische Revolution steckt voll davon, und sie hat die ersten linken Popidole geboren: sexy Typen mit ungezähmten Haaren, Ohrringen und flatternden Hemdsärmeln, die demonstrierten, agitierten und für eine bessere Welt kämpften. Ich habe mit vierzehn für Camille Desmoulins geschwärmt wie andere für Mick Jagger oder Donny Osmond; ich wollte ein Kind von ihm und eine Republik mit ihm gründen. Auf meiner ersten Reise nach Paris schleppte ich meine Eltern in den Kerker der Conciergerie, die Durchgangsstation auf dem Weg zur Hinrichtung. Die Aristokraten, die ihre Privilegien mit Zähnen und Klauen verteidigten, hatten, fand ich, ihr Schicksal verdient, bei anderen war ich mir nicht so sicher – aber in dem Alter macht man keine Gefangenen. Internet gab es damals noch nicht, es war schwer, an Informationen zu kommen, und ich durchforstete die Register sämtlicher Epochengeschichten in der Stadtbücherei nach dem Namen Desmoulins.

Dieser Kupferstich zeigt Camille Desmoulins (1762-1794) während der französischen Revolution. © Apic/Getty Images

Wer sich heute an Camilles Spuren heftet, ist besser bedient: Wikipedia-Einträge, Buchtipps bei Amazon, Bilder bei Instagram, von fleißigen Studenten eingescannte historische Dokumente im E-Book-Format, sogar Merchandise gibt es. Der Geekausstatter Redbubble führt etwa eines dieser Fanshirts, das triumphal die Vorlieben ihrer Träger ausposaunt. Nur heißt es hier nicht "Sherlock & Dr. Who", sondern "Robespierre & Danton & Saint-Just & Desmoulins & Marat".

Ich habe mehrere solcher Romanzen mit toten Kerlen durchgemacht, darunter ein englischer Erzbischof und ein chinesischer Militärstratege des 3. Jahrhunderts nach Christus, und inzwischen weiß ich, dass ich nicht verrückt bin. Das Phänomen ist im Urban Dictionary als history crush, eine "kurzfristige Obsession mit einer historischen Figur", belegt. Das heißt, da draußen gibt es viele wie mich. Tatsächlich befeuerten und befeuern History Crushes ganze Kultursparten; sie bereiten den Markt für Biographien, historische Romane und Fernsehserien. Der Großteil dieser Produktionen wird von Kritikern übersehen und als Kolportage abgetan. Aber viele Autoren haben es mit History Crushes zu gigantischen Auflagen, weltweiter Bekanntheit oder sogar zu Preisen gebracht: Robert Graves mit seinem von der BBC verfilmten Antikenroman Ich, Claudius, Anne Golon mit der Angélique-Serie und Annemarie Selinko mit Désirée, die beinahe Napoleon abgekriegt hätte, dann aber doch nur schwedische Königin wurde, Stefan Zweig mit seinen psychologisierenden Marie Antoinette- und Maria Stuart-Biographien, Eric Malpass mit Sweet Will über Shakespeare.

Sabine Horst lebt in Frankfurt, hat als Kulturjournalistin unter anderem für die "Frankfurter Rundschau" gearbeitet und ist seit 2002 Redakteurin bei "epd Film". Nebenbei schreibt sie für DIE ZEIT, "chrismon.de" oder den "Tagesspiegel" über Kino, Fernsehen und alltagskulturelle Themen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Seit 1992 führt die Engländerin Hilary Mantel die Hitliste der offiziell legitimierten Geschichtsschwärmer an. In ihrem Revolutionsroman A Place of Greater Safety figuriert Camille Desmoulins zur Abwechslung mal nicht als sensibler Stichwortgeber von Danton, sondern entwickelt ein hübsch hysterisches, bisexuelles Eigenleben. Für Wolf Hall (deutsch Wölfe), das den lange schlecht beleumundeten Lordkanzler Thomas Cromwell zum Vertreter eines milden Humanismus am Hofe Heinrichs VIII. – dem mit den sechs Frauen – macht, bekam Mantel ihren ersten Booker-Preis. Die Cromwell-Story wurde auch als Miniserie ein Erfolg und hat sich zur Tudor-Trilogie ausgewachsen. Mantel weiß, wie man Laienpublikum und Profileser versöhnt. Moderne Themen und Konflikte – wie gehen wir mit Andersdenkenden um, wie löst man ein Gewaltregime ab und was hat die Organisation unserer Privatsphäre mit alldem zu tun? – schmiegen sich bei ihr mit der Geschmeidigkeit einer Nougatcreme in die Bruchstellen der Geschichte. Ihr zurückgenommener Stil gibt selbst den spekulativsten Momenten etwas Seriöses.