Als kinderlose Frau den eigenen Lebensstil verteidigen zu müssen (und das muss man oft genug), bringt einen manchmal in unbehagliche Situationen. Man feiert in der Verteidigung Freiräume, die Eltern nicht genießen können. Nicht etwa, weil sie unbedingt verbohrt und bürgerlich befangen sind, sondern weil es nicht anders geht.

Sarah Diehl lebt als Autorin und Aktivistin in Berlin. Sie arbeitet zum Thema "Reproduktive Rechte im internationalen Kontext", hat den Dokumentarfilm "Abortion Democracy: Poland/South Africa" gedreht sowie den Roman "Eskimo Limon 9" und das Sachbuch "Die Uhr, die nicht tickt" geschrieben. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Nane Diehl

So einen Moment des Unbehagens erlebte ich, als ich kürzlich im Guardian einen Kommentar las, in dem eine Journalistin kinderfreie Bereiche in Zügen und Flugzeugen forderte, weil Kinder ihre Mitmenschen belästigten. Ich als Vorzeigekinderlose, von der vielleicht viele erwarten, dass ich das begrüße, muss sagen: Das geht vollkommen in die falsche Richtung. Kinder und ihre Eltern (also meistens die Mütter) wurden viel zu lange in unserer Gesellschaft isoliert. Es muss für uns alle endlich wieder selbstverständlich werden, sie und ihre Eltern zu unterstützen, ein Auge auf sie zu haben, wenn die Mama im Zug wegdöst und auch mal die Windel in den Eimer zu tragen, wenn der Papa das Baby auf dem Sitz wickeln muss, weil der Zug zu voll ist, um mit dem Kind in die nächste Toilette zu kommen.

Einer der Hauptgründe, warum Frauen keine Kinder bekommen wollen, ist: Sie wollen die Isolation durch die Mutterschaft vermeiden. Diese Isolation ist in Deutschland immer noch beklemmend stark. Der Spruch "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen", also die selbstverständliche Arbeitsteilung und somit Entlastung der Eltern bei der Kinderbetreuung, ist in Deutschland nicht lebbar.

Doch wie kam es dazu, dass Kinderbetreuung heute so abgeschottet in der Kleinfamilie stattfindet? In fast allen Interviews, die ich im Rahmen meiner Recherchen mit kinderlosen Frauen geführt habe, kehrte ein Motiv wieder: die Angst, durch ein Kind in der Kleinfamilie zu verschwinden, auf dem Abstellgleis zu stehen, wie sie es bei ihren eigenen Mütter gesehen haben. Der Wunsch, Gemeinschaft zu leben, in der auch Kinder dazugehören, auch wenn es nicht die eigenen sind, veranlasste mich, mein Buch Die Uhr, die nicht tickt um ein Kapitel über soziale Elternschaft zu erweitern: Kinderlose kümmern sich um die Kinder ihrer Freunde und Mitbewohner – und zwar nicht als Kompensation, sondern weil es einfach menschlich ist, sich um andere zu kümmern.

Als bei einer Buchvorstellung in Graz das Thema soziale Elternschaft aufkam, meldete sich eine etwa 70-jährige Frau. Sie berichtete, dass sie auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, mit Großfamilie und Mitarbeitern. Sie war als Kind überall herumgeturnt und die Personen, die in der Nähe waren, hatten sich eben um sie gekümmert. Sie malte uns eine sehr glückliche Kindheit aus, in der sie mehrere, aber trotzdem stabile Bezugspersonen (soziale Elternschaft) hatte und eben nicht nur die eine Mama, die frustriert und überfordert mit ihr zu Hause hockt. Wir einigten uns in Graz darauf, dass die Entstehung der Kleinfamilie ein historischer Unfall sei, weil uns die Isolierung darin unmenschlich erschien.

Die Kleinfamilie als Kernzelle der kapitalistischen Gesellschaft

Doch wie kam es zu diesem historischen Unfall , der sich vor gut 200 Jahren ereignete? Er ist erstens eine Folge aus der Effizienzanforderung am Arbeitsplatz, der Industrialisierung und Verstädterung zum Zweiten und einer sexistischen Pädagogik, die zur strikten Teilung zwischen privatem und öffentlichem Raum führte, zum Dritten.

In dieser Zeit wurde das Modell des männlichen Ernährers im Angestelltenverhältnis etabliert: Der Mann verlässt das Haus, um seiner Lohnarbeit nachzugehen und darf natürlich nicht daran behindert werden, seine volle Arbeitskraft dem Arbeitgeber zur Verfügung zu stellen. Weshalb man die Kinderbetreuung komplett den Frauen zuschob, die dafür daheim bleiben sollten. Das war deshalb praktisch, weil durch die Industrialisierung das Geld vermehrt außerhalb des eigenen Hauses verdient wurde und nicht mehr auf dem eigenem Gut. Damit das alles kostengünstig funktionierte, behaupteten männliche Pädagogen wie Rousseau und Leibniz, dass allein die biologische Mutter sich instinktiv richtig um das Kind kümmern kann und sie darin ihre einzige Erfüllung im Leben findet.

So konnte man Frauen als Hausfrau und Mutter in stickige Wohnungen verbannen, auf dass sie dort allein die Windeln wechselten und den Ehemann mit Liebe und warmem Essen versorgten. Der Mutterinstinkt, der Frauen eine natürliche Begabung für Pflege und Fürsorglichkeit vorgaukelt, ist eine Erfindung männlicher Pädagogen des 18. Jahrhunderts, um es als natürlich darzustellen, diese Arbeit den Frauen zuzuschieben – ohne Entlohnung und große Anerkennung. Die Kleinfamilie als Kernzelle der kapitalistischen Gesellschaft war geboren. Nix da mit dem Dorf, das sich um die Kinder kümmert.  

Irrerweise werden auch heute alle aktuellen Versuche, soziale Elternschaft wiederherzustellen, als unnatürlich und deshalb schlecht für das Kindeswohl dargestellt. Nicht genug, dass das herkömmliche Hausfrau-Ernährer-System Scharen von Frauen in Einsamkeit, Alkoholismus und Altersarmut getrieben hat. Umso trauriger ist es, dass wir verlernt haben, füreinander Verantwortung und Fürsorge zu übernehmen. Stattdessen wird es kritisch beäugt, wenn andere Leute als die biologische Mutter sich ums Kind kümmern. Angeblich kann nur sie sicherstellen, dass aus dem Kind kein psychisches Wrack wird. Die Kleinfamilie wurde eben auch als Optimierungszelle funktionaler Träger der Leistungsgesellschaft etabliert. Da darf keiner ran, der das Kind verkorksen könnte.