Es ist Freitagabend in Manhattan, der Turm des Empire State Building leuchtet rot und blau am Nachthimmel, daneben hängt eine schwach glänzende Mondsichel. Die Luft ist noch lau von einem sonnigen Herbsttag. Vor der Town Hall drängen sich die Leute, das Festival des New Yorker hat heute begonnen. Gerade ist ein Talk mit Bruce Springsteen zu Ende. Das Publikum steht noch auf der Straße, viele haben Springsteens Autobiografie Born to Run unter dem Arm. Vor dem Gebäude hat sich schon eine lange Schlange für die nächste Veranstaltung gebildet, ein Gespräch zwischen dem Comedian Louis C.K. und der Fernsehkritikerin des New Yorker, Emily Nussbaum. Plötzlich kommt Bewegung in die Menge, Bodyguards halten die Türen zur Town Hall frei, und ein großes schwarzes Auto fährt vor.

Eine der Eingangstüren schwingt auf, die Menschen recken die Hälse, dann ein Schrei aus hundert Kehlen gleichzeitig: "Bruuuuce!" Springsteen steigt ins Auto und setzt sich ans offene Fenster. Langsam lässt er die dunkel getönte Scheibe hochfahren, Mund und Nase verschwinden. Er hält die Scheibe an, kurz sieht man nur seine amüsierten Augen, dann fährt das Fenster hoch, und der Wagen rollt davon. "Oh my god, he looks awesome", sagt eine Frau zu sich selbst. Die Straße beginnt sich zu leeren. Eine andere Frau kommt mir entgegen – huch, es ist Patti Smith. Mit ihren grauen geflochtenen Zöpfen sieht sie aus wie ein Indianerhäuptling, wach und weise. Unauffällig verschwindet sie in die Nacht.

Zum 17. Mal findet das New Yorker Festival statt. Drei Tage lang kommen Autoren und Künstler, Politikberater und Fernsehleute zu Vorträgen und Gesprächen zusammen. Moderiert werden die Veranstaltungen von Redakteuren des New Yorker, des renommiertesten Debattenmagazins der USA, geliebt für seine intellektuelle Schönheit und seinen Witz. Dieses Jahr ist die Fotografin Nan Goldin zu Gast, die Autoren Jonathan Safran Foer, Zadie Smith und Jhumpa Lhahiri, die Schauspieler Daniel Craig und Jeremy Irons.

Er ist ein Denker

Comedians wie Late-Night-Legende David Letterman und Sarah Silverman sind da, und eben Louis C.K., der mit seinen Stand-up-Shows und der Fernsehserie Louie zum Star wurde. Wegen ihm ist Pete Swink, 29, aus Connecticut gekommen, er hat heute Geburtstag. Sein Vater hat ihm das Ticket geschenkt, zusammen sitzen sie jetzt in den roten Samtsesseln der Town Hall und warten auf Louis C.K. "Er ist ein Denker", sagt Pete, "wirklich nicht dumm. Er macht dir klar: Alle müssen durch den gleichen Bullshit durch."

Es dauert lange, bis alle Zuschauer mit der Taschenkontrolle fertig sind und die Mastercard-Kunden ihre privileged seats gefunden haben. Endlich kommen Emily Nussbaum und Louis C.K. auf die Bühne. Das Publikum lacht bereits, bevor irgendjemand "Guten Abend" sagen kann. Denn C.K. trägt, anders als in seinen Shows, in denen er in T-Shirt und Turnschuhen auftritt, einen dunklen Anzug und eine rote Krawatte. Er hat sich für den Abend schön gemacht.

Busladungen mit alten Ladys

"He is dirty and funny", stellt Nussbaum ihn vor. "Sie hat einen Pulitzer-Preis gewonnen ", bemerkt C.K. Als Erstes muss über das große Ereignis des Tages gesprochen werden, die Veröffentlichung des Videobands, auf dem Donald Trump erzählt, wie er Frauen belästigt. "Ein historischer Moment", sagt Nussbaum, "die New York Times hat zum ersten Mal die Wörter 'fuck' und 'pussy' gedruckt."

Louis C.K. erzählt eine eigene Geschichte über Trump und Frauen. Vor vielen Jahren arbeitete er in einem Trump-Casino in Atlantic City, das nicht gut lief. Doch dann beobachtete er eine erstaunliche Wende: "Busladungen mit kleinen alten Ladys kamen aus dem ganzen Land, aus Ohio und Tennessee … manche starben auf dem Weg. Das bisschen, was sie hatten, legten sie in Chips an. Sie steckten ihr ganzes Geld in Trumps Maschinen." Aber nie habe sich Trump bei den Menschen bedankt, die ihm seinen Reichtum ermöglichten. "Sie gaben ihm alles. Diese Ladys hatten nur zwei Dollar, aber sie sagten: 'Ach, das brauche ich nicht! Donald, nimm du es einfach.' Sie investierten in sein Glück. Eine Art umgekehrte Charity."

C.K. ist für Hillary Clinton, sie erinnere ihn an seine Mutter, sagt er. Das Fernsehduell, in dem sich Trump zu Frauen und Clinton zum Verhältnis ihres Mannes zu Frauen äußern muss, steht noch bevor. Doch die Frage, wie Männer und Frauen im Jahr 2016 zueinander stehen, wo die Grenze zwischen sexual talk und Belästigung liegt, und was Geschlecht und Macht miteinander zu tun haben, ist bereits zum seltsamen Höhepunkt dieses irren Wahlkampfs geworden.

Jenny Friedrich-Freksa lebt in Berlin. Sie ist Chefredakteurin der Zeitschrift "Kulturaustausch" und arbeitet als Autorin und Moderatorin mit den Schwerpunkten Internationale Beziehungen, Kultur und Außenpolitik. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Emily Nussbaum zeigt einen Clip, in dem Louis C.K. als "Louie" mit seiner Freundin Pamela ins Bett will. Sie möchte aber nicht. Er bietet ihr Geld an, es ist sehr lustig, sie will aber immer noch nicht. Daraufhin bedrängt er sie, und man fragt sich als Zuschauerin, ob jetzt Gewalt ins Spiel kommt und die Szene kippt. Louie ringt Pamela einen unerotischen Kuss ab, sie geht, und er reißt die Arme hoch wie ein Sieger. Die Szene hat bei ihrer Ausstrahlung 2014 einige Diskussionen ausgelöst.