Ein ehemaliger Gasthof mit Mietwohnungen in Braunau am Inn. Salzburger Vorstadt 15, Ecke Schmiedegasse. In einer der Mietwohnungen schenkte Klara dem Zollbeamten Alois am 20. April 1889 einen Sohn. Sie nannten ihn Adolf. Nach drei Monaten zog die Familie Hitler in die Linzergasse um. Nach drei Jahren verließ man Braunau für immer.

Über seine Zwanziger heißt es, dass Hitler statt an der Wiener Kunstakademie als Obdachloser im Meidlinger Männerheim in Wien gelandet wäre. Gleichzeitig wurde er auch mehrmals gut gekleidet an der Wiener Hofoper gesichtet. Wie kann ein Penner gut gekleidet ins bürgerliche Abendamüsement? Hitler ließ, sofern es ging, alle Spuren bezüglich seiner Familie und seiner Jugend beseitigen. Sein Lebensweg war bis dahin allenfalls von Mittelmäßigkeit geprägt. Mäßig klug, mäßig begabt, mäßig schön, mäßig männlich. Eine absolut durchschnittliche Figur. Selbst seine kleinen Postkartenzeichnungen waren öde und langweilig. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Aus einem Verlierertypus wurde ein Aufsehen erregender Politiker, Diktator, Vernichter. Heute würde man so etwas als stille Radikalisierung eines Einzeltäters ohne Anbindung an ein terroristisches Netzwerk beschreiben.

Wer Hitlers Aufstieg verstehen will, liest sich durch eine der zahlreichen Biografien und landet immer wieder an dem Punkt, dass er sich irgendwann nicht mehr für Hitler interessiert, sondern für das begeisterte Umfeld, in dem das Ganze ohne größeren Widerstand gedeihen kann.

Ergriffener Untergangsorgasmus

Von 1933 bis 1945 war die Hingabe an Adolf Hitler am größten. Follower ohne Ende. Wie bei jedem Kult mit hysterischer Fananbindung tritt irgendwann eine Ermüdung ein. Europa hat im Zuge des von Adolf Hitler begonnenen Zweiten Weltkriegs 60 Millionen Menschen verloren. Ein Desaster unvorstellbaren Ausmaßes. Es gibt trotzdem Menschen, die auf so etwas stehen. Auf Rassenwahn und Vernichtung.

Wer so drauf ist, hat es nicht leicht, öffentlich den Führer anzubeten. Aus Mangel an Devotionalien und Denkmälern. Es ist ja alles verboten. Hakenkreuz, Hitlergruß, Judenhass. Was bleibt, ist an Hitlers Geburtstag einen Neonazi-Betriebsausflug nach Braunau am Inn zu veranstalten, sich mit viel Fantasie in einen ergriffenen Untergangsorgasmus hinein zu meditieren und dabei zu ignorieren, dass direkt vor dem Haus eine Bushaltestelle steht und ein Gedenkstein für die Toten.

Diese Art Überwältigungstourismus war den wechselnden Innenministern Österreichs immer ein Dorn im Auge. Der jetzige, Wolfgang Sobotka von der ÖVP, will nun endlich eine lang geführte Diskussion unter Einberufung von Experten beenden und Hitlers Geburtshaus zerstören. Das Haus selbst steht übrigens unter Denkmalschutz. Nicht wegen Hitler, sondern weil es 500 Jahre alt ist. Sobotkas Argument für die Zerstörung des "Hitler Hauses" wie man in Österreich sagt, ist:

Alle Spuren Hitlers beseitigen

Hitlers Spuren sind vor allem Millionen ermordete Menschen. Sie wurden getötet, weil man sie der jüdischen Religion zuordnete, der Homosexualität, dem Widerstand, weil man sie als Roma, Sinti oder Behinderte markierte.   

Auch Wikipedia jetzt löschen?

Ein Haus zu zerstören, weil man seiner Neonazis nicht Herr wird, ist eine politische Kapitulationserklärung sondergleichen. Zerstört man das Geburtshaus in der Vorstadt, werden die Hitlerverehrer ihre Eichenkranzsträuße in der Linzergasse ablegen. Will man das Haus in der Linzergasse auch abreißen? Was, wenn es Liebesflashmobs am Ortseingangsschild gibt? Wird man ganz Braunau platt machen und den Inn trockenlegen? Anschließend sich vielleicht das Waldviertel vorknüpfen? Klara Hitlers Heimat, die es als Adolfs Mutter immerhin in die Wikipedia-Liste bedeutender Waldviertler Persönlichkeiten geschafft hat. Wikipedia also auch?

Wer auf Hitlers Spuren wandeln möchte, kann dies in ganz Europa tun. Dort hat er eine Panzerparade veranstaltet. Da hat er Rast gemacht. Dort stand sein effektivstes Konzentrationslager. Mein Kampf war jahrzehntelang verboten. Was hat es gebracht? Rassismus, Rechtsextremismus, Sehnsucht nach Totalitarismus sind keine Folge von Architektur.

Der beste Weg, Neonazi-Tourismus zu unterbinden besteht deshalb nicht darin, ihre Pilgerstätten zu zerstören, sondern ihre Ideologie. Wie man das schafft? Indem man sich gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Vorurteile und Menschenhass laut ausspricht. Schaut man sich an, was der österreichische Innenminister in Sachen Flüchtlinge in den paar Monaten, die er erst im Amt ist, von sich gibt, bekommt man einen Eindruck davon, in welchen Kategorien er über die Folgen von Flucht und Vertreibung denkt, über Europa und Solidarität, und wie weit seine Lehren aus den politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts gehen. Arbeitserlaubnis für Asylbewerber: Undenkbar! Und wenn, dann für einen Stundenlohn von 2,50 Euro. Außerdem: Obergrenze, Polizisten und Soldaten an Grenzen, mehr Überwachung und warum haben Flüchtlinge eigentlich Handys, kurzum: das ganze Potpourri an populistischem, reaktionärem, antimodernem Geschwätz von Vorvorgestern. Von Hitler zu lernen, kann nur bedeuten, ein für alle Mal nicht mehr so zu reden.