Man stutzte. Und hörte noch einmal hin. Hatte Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich das wirklich so gesagt? Eine Stunde später wurde es erneut zitiert. Tatsächlich.

26 Jahre vereintes Vaterland

Das also ist der Grund des Nationalfeiertages am 3. Oktober, Vaterlandsvereinigung? Hätte eine simple aber staatsrechtlich korrekt ausgedrückte Deutschlandvereinigung nicht gereicht?

Zunächst muss man wissen, dass in der DDR stets vom sozialistischen Vaterland die Rede war. Wohingegen die Bundesrepublik sich nicht als Vaterland bezeichnete, außer in der Nationalhymne. Jedenfalls nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der man es in Ostdeutschland tat. Man haderte mit dem Begriff. Diskutierte ihn hin und her, stets im Kontext von Schuld, Krieg und Verantwortung.

Nationalbewusstsein, Patriotismus, Vaterland. Wie neue Wörter finden, um Verbundenheit zu einem Land auszudrücken, ohne auf den alten Bedeutungen auszurutschen? War man nicht fürs Vaterland gestorben, hatte man für das Vaterland nicht die Welt in Schutt und Asche gelegt? Willy Brandt drückte es 1966 so aus: "Kein Volk kann auf die Dauer leben (...) wenn es nicht ja sagen kann zum Vaterland". Er war über jeden Verdacht erhaben. Erst 1948 war er aus dem Exil zurückgekehrt und hatte die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen.

Im Jahr 1982 war er wieder vorsichtiger und schrieb im Spiegel einen Essay mit dem Titel Deutscher Patriotismus und erinnerte an die NS-Herrschaft: "Kaum eine Untat, die nicht im Namen von Nation und Vaterland begangen worden wäre."

Besteckschubladen der Begriffe

Zusammengefasst lässt sich sagen: Im Kontext von Wiedervereinigungspolitik verwendete man das Vaterland im westdeutschen Diskurs homöopathisch dosiert und in Anführungszeichen. Vor allem, um damit Appelle an das andere Deutschland zu senden. Um zu sagen: "Ihr als DDR versteht euch als eigenständige Nation. Wir hier in der BRD aber empfinden uns ohne euch als unvollständig".

Wenn Stanislaw Tillich von "26 Jahren vereintes Vaterland" redet, denn knüpft er an diesen Diskurs an. Dann adressiert er sein "einig Vaterland" an die alten SED-Betonköpfe. Denen die DDR ohne die BRD Vaterland genug war. Und gerade deshalb wirkt dieser kleine unscheinbare Satz so seltsam aus der Zeit gefallen. Weil es auch jemanden zeigt, der im alten Denken, in den vergangenen Besteckschubladen der Begriffe hängen geblieben ist. Natürlich feiern wir nicht das vereinte Vaterland. Sondern die Wiedervereinigung Deutschlands.

Abgesehen davon, wie genau ist die geografische Verortung? "Was ist des Deutschen Vaterland? Ist's Preußenland? Ist's Schwabenland? Ist's Bayernland? Ist's Steirerland?" So fragte 1813 Ernst Moritz Arndt in seinem Lied. Das deutsche Vaterland als Sehnsuchtsort für ein Land. Und nicht ein Kaiserreich, fünf Königreiche, ein Kurfürstentum, sieben Großherzogtümer, zehn Herzogtümer, elf Fürstentümer und vier reichsfreie Städte. Alles in allem 39 Deutschlands, Deutschländer, Deutschländereien, wie heißt hier der Plural? 

Sprache kann umarmen

Das Vaterland ist vor allem eine Gemütsverfassung. So sehr, dass dieser unbedingte Wille für ein Reich, für eine Nation uns eine Nationalhymne beschert hat, die – vielleicht einmalig in der Welt – zu Zweidritteln unsingbar ist, weil sie einer Kriegserklärung an Frankreich, Belgien, Italien, Dänemark und Litauen gleichkäme. Das alles erzählt das Vaterland mit. Irgendwann sollte also Schluss sein mit der patria, die man aus dem Lateinischen mangels besserer Idee mit Vaterland übersetzte.

Wie viele Deutsche in Deutschland leben denn länger als drei Generationen auf ihres Vaters Land? Deutschland, Land des Kommens, Land des Gehens.

Noch etwas stört an der Bezeichnung, die Tillich wählte, vielleicht auch, um rhetorisch das Blut-und-Boden-Personal der AfD abzuholen. Sprache kann umarmen und einschließen. Sprache kann auch ausgrenzen. Wenn die Rechtsradikalen und Extremen, die Antidemokraten und Besorgten zu Deutschland gehören, und in jeder Rede betont Wert darauf gelegt wird, dass man sie nicht vor den Kopf stößt, dann müssen auch ein Fünftel der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in jeder Nationalfeiertagsrede angesprochen werden. Sie haben den Ostbürgern in deren Abwesenheit eine hübsche Bundesrepublik aufgebaut und vorbereitet. Sie werden auch 26 Jahre nach dem Fall der Mauer von Ostdeutschen wie Fremdkörper im eigenen Land betrachtet. Aber es sind keine Fremden. Es sind ehemalige Gastarbeiter und ihre Kinder dabei. Leute, die Deutsch sprechen und noch eine andere Sprache. Sie haben eigene kulturelle Riten und Sitten. Ihre Kleidung sieht manchmal etwas anders aus. Es sind Menschen, für die Deutschland schon längst Heimat ist, aber noch nicht Vaterland und Muttererde. Das ist keine Frage eines mangelnden Zugehörigkeitsgefühls, sondern eine Frage der Zeit. Stanislaw Tillich und seine Volksgruppe der Sorben – eine Art Neuköllner der Lausitz – wissen, wovon die Rede ist.